Das Übel an der Wurzel packen

Silvia Faller

Von Silvia Faller

Di, 17. Januar 2012

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Eine vierte Reinigungsstufe für Kläranlagen soll Spurenstoffe beseitigen / Experten fordern, die Verbraucher mit einzubeziehen.

FREIBURG/KREIS BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Die Nachricht klingt beunruhigend: Im gereinigten Abwasser kommunaler Kläranlagen kommen Spurenstoffe von Chemikalien vor. Das ist nicht verwunderlich. Studien zeigen, dass der Mensch bis zu 50 Prozent der Wirkstoffe eingenommener Medikamente unverändert ausscheidet. Das Umweltbundesamt empfiehlt deshalb eine vierte Reinigungsstufe. Doch Mitglieder der Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft (AöW) sind skeptisch, ob damit das Problem gelöst werden kann.

Die AöW ist ein bundesweiter Interessenverband öffentlich-rechtlicher Wasserwirtschaftsunternehmen mit Sitz in Berlin. 70 Unternehmen der Wasserwirtschaft sind Mitglied der AöW, unter ihnen ist der Abwasserzweckverband Breisgauer Bucht, dem 29 Städte und Gemeinden aus den Kreisen Breisgau-Hochschwarzwald und Emmendingen sowie die Stadt Freiburg angehören. Ende des Jahres 2011 traf sich das Präsidium der AöW in Freiburg.

Die Fachleute haben gute Argumente für ihre skeptische Haltung. "Rund 100 000 Chemikalien sind in Mitteleuropa verbreitet, das heißt, sie werden produziert, gehandelt und benötigt und gelangen in den Wasserkreislauf. Wir können im Bereich der Abwasserentsorgung nur einen kleinen Teil von ihnen überhaupt mit den heute bekannten Analysemethoden bestimmen", erklärt Professor Wolfgang Firk, Leiter des Wasserverbands Eifel-Rur und Präsident der AöW. So seien allein im Bereich der Human- und Veterinärmedizin rund 3000 Substanzen zugelassen, aber nur 180 Arzneimittelwirkstoffe nachweisbar.

Unübersichtlich ist die Lage bei den ungezählten Abbauprodukten, bei den Metaboliten, in die Medikamente im Körper oder auch erst im Wasserkreislauf zerfallen. Genauso unklar ist, wie sich eine dauerhafte Belastung selbst mit geringen Konzentrationen von Wirkstoffen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt auswirkt. Weitere Stoffgruppen sind Kosmetika, Haushaltsreiniger, Chemikalien, die in industriellen Prozessen eine Rolle spielen, Pflanzenschutz- und Düngemittel sowie Substanzen, um Lebensmittel zu behandeln.

Die AöW findet es richtig, dass die Behörden versuchen, der dauerhaften Kontamination vorzubeugen. Sie fordern aber, das Übel an der Wurzel zu packen, die Produktion der Stoffe stärker zu reglementieren, ihren Nutzen zu überprüfen und die Anwendung zu begrenzen. Ärzte etwa müssten ihre Verschreibungspraxis überdenken und die Patienten aufklären, dass sie Medikamentenreste auf keinen Fall durch das Spülbecken oder die Toilette entsorgen. So zeigen Befragungen, dass die Verbraucher Behälter mit flüssigen Medikamenten in den meisten Fällen ausspülen, um sie dann ökologisch korrekt in den Altglasbehälter zu werfen. Pharmahersteller müssten zudem informieren, ob und wie die Wirkstoffe biologisch abbaubar sind oder eben nicht, so dass Ärzte auch die Umweltwirkungen in ihre Entscheidung einbeziehen können. In Schweden haben Akteure des Gesundheitssystems in Kooperation mit dem Verband pharmazeutischer Industrie bereits eine Punkteskala für die Umweltverträglichkeit von Arzneimitteln aufgestellt.

Ein weiterer Vorschlag der AöW ist, Abwasser aus Krankenhäusern und Pflegeheimen getrennt zu erfassen. Weiter fordern die Experten, die rezeptfreie Abgabe von Medikamenten zu überdenken, weil diese Praxis bei manchen Arzneien einen regelrechten Massenkonsum auslöse. Ein Beispiel ist der schwer abbaubare Wirkstoff Diclofenac (Handelsname Voltaren), der vielfach als schmerzlindernde Salbe aufgetragen und bis zu 90 Prozent beim Duschen wieder abgespült wird – und zwischenzeitlich flächendeckend im Wasserkreislauf vorkommt.

Die AöW begründet ihre Einschätzung damit, dass die Nachrüstung der rund 10 000 Kläranlagen in Deutschland mit speziellen Filtern, Oxidations- oder Ozonanlagen teuer sei, so dass die Abwassergebühren steigen würden – einer vorsichtigen Schätzung nach um bis zu zehn Cent pro Kubikmeter. "Dennoch könnten die Abwasserentsorger allein das Problem nicht lösen", sagt das AöW-Präsidiumsmitglied Jochen Stemplewski. Denn über die Kläranlagen werde nur ein Teilstrom der Chemikalien erfasst. Abgesehen davon seien die Stoffe, die dorthin gelangten, derart vielfältig, dass sie kaum mit einem einheitlichen Verfahren beseitigt oder unschädlich gemacht werden könnten.

Unerforscht sei zudem, ob nicht durch Oxidationsverfahren zwar veränderte, aber wiederum schädliche oder gar giftige Substanzen entstehen können. Bundesweit werden verschiedene Verfahren getestet und laufen Forschungsprojekte, die Klarheit bringen sollen. "Wir lehnen die vierte Reinigungsstufe nicht ab, wollen aber verhindern, dass millionenschwere Missverständnisse gebaut werden", erklärt Jochen Stemplewski. Baden-Württemberg unterstützt mit Fördergeldern die Planung und den Umbau von fünf Kläranlagen, drei im Bodenseegebiet, jeweils eine in Mannheim und Karlsruhe.