Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

09. Oktober 2015

"Die Chance, die Welt ein Stück besser zu machen"

SPD-Politiker Lars Castellucci tauschte sich in Bad Krozingen mit Bürgern und Behördenvertretern über Flüchtlingsproblematik aus.

  1. Lars Castellucci (Dritter von links) besichtige die Flüchtlingsunterkunft des Landkreises in Bad Krozingen. Foto: Julius Steckmeister

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Mitglieder von Helferkreisen, Vertreter von Behörden und Einrichtungen und Bürger kamen in Bad Krozingen mit dem SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Castellucci, Mitglied des Innen- und Europaausschusses und stellvertretender Vorsitzender der Landes-SPD, bei einer Diskussionsveranstaltung zur Flüchtlingssituation ins Gespräch. Zuvor besichtigte Castellucci die Bad Krozinger Containerunterkunft, in der derzeit rund 90 Flüchtlinge leben. In unmittelbarer Nachbarschaft zu diesen Wohnmodulen entsteht ein Gebäude, in welches ab März 2016 bis zu 160 weitere Asylbewerber untergebracht werden.

Im Aufenthaltsraum des "Würfels", wie die Bad Krozinger die Containeranlage nennen, wurde der Bundespolitiker mit der Situation in der Kurstadt sowie im Landkreis vertraut gemacht. 100 Menschen pro Woche werden dem Landkreis mit seinen 50 Gemeinden zugewiesen, das bedeute theoretisch, dass alle sieben Tage eine Containerwohnanlage in der Größe des "Würfels" aufgestellt werden müsse, so Friederike Großmann vom Landratsamt. Das wiederum wäre in den vielen Kreisgemeinden unter 5000 Einwohnern schwierig, so dass man sich letztlich zur Schaffung von Großunterkünften in den größeren Gemeinden entschlossen hätte. Ein weiteres Problem sei die Standortsuche für die Wohnmodule. Ein "Riesenthema" nannte Großmann zudem Personalmangel sowohl in ihrer Behörde als auch in den Unterkünften selbst. So sind im "Würfel" lediglich eine Sozialarbeiterin und ein Hausmeister beschäftigt. Bis dato habe man noch "keine Erfahrungen mit den ganz großen Unterkünften", so Großmann weiter. Hier würden aber neben Hausmeistern und Sozialarbeitern auch 24-Stunden-Sicherheitsdienste beschäftigt werden.

Werbung


"Die Bürokratie, das ist kein Flug zum Mond, sondern zum Mars", zitierte Ursula Mayer vom Helferkreis einen Unternehmer, der gerne Flüchtlinge beschäftigen würde. "Eine unbürokratische Lösung" wünschten sich Mayer und Vanessa Ringenbach, die Sozialarbeiterin im "Würfel", auch für Flüchtlinge, die von den Sozialleistungen in Arbeit wechseln. "Die Sozialleistungen entfallen mit Beginn des Arbeitsverhältnisses, der Lohn kommt am Ende des Monats", beklagte Mayer. Klarere Informationen wünschte sich Ursula Mayer von den Kommunen und dem Landratsamt für Menschen, die grundsätzlich bereit sind, Wohnraum an Flüchtlinge zu vermieten. "Hier herrscht viel Verunsicherung."

"Wir müssen dem Problem an der Wurzel begegnen, Flucht zu verhindern ist unsere erste Aufgabe," stieg Lars Castellucci anschließend in sein Impulsreferat im Josefshaus ein. Rund 60 Zuhörer hatten sich dort versammelt. Diese Wurzel läge zum einen in kriegerischen Konflikten, denen eine "aktive Friedenspolitik" entgegen gestellt werden müsse. Zum anderen herrsche in vielen Teilen der Welt extreme Armut, der man mit "menschenrechtsbasierter, gerechter und nachhaltiger Handels- und Wirtschaftspolitik" begegnen müsse. Neben Castellucci saßen die SPD-Kreisvorsitzende Birte Könnecke, Ursula Mayer vom Helferkreis und Hermann Barth vom Christophorus Jugendwerk mit auf dem Podium.

Er ging speziell auf die Situation der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF) ein. In der Einrichtung werden die jungen Männer nicht nur betreut, sondern bekommen neben Sprachunterricht die Möglichkeit, eine handwerkliche Ausbildung zu machen. Mit Erfolg, wie Barth an der Biografie eines Flüchtlings aus Eritrea deutlich machte. Einen Aufruf dazu, "Schwellenängste abzubauen" entsandte Ursula Mayer an ihre Mitbürger.

Bereits vor 20 Jahren hätte man die Flüchtlingsströme prognostiziert und die Politik habe nichts getan, sondern eher noch zu einer Verstärkung des wirtschaftlichen Ungleichgewichts in der Welt beigetragen, warf eine Zuhörerin ein. Was die Bundesregierung dafür tun würde, damit die Flüchtlinge aus den Containern kommen, wollte ein anderer Bürger wissen. "Wir haben die Menschen gewissermaßen hierher geworben, wie kann man den Trend umdrehen", fragte ein dritter Gast. "Wir alle haben die Chance, die Welt ein Stück besser zu machen", so Castellucci, der sich für die Erhöhung der Entwicklungshilfemittel auf 0,7 Prozent des Bruttosozialproduktes in Deutschland aussprach. Wichtig sei, insbesondere in der Region, der soziale Wohnungsbau, ergänzte Birte Könnecke, auch um keine "Konkurrenzsituation" zwischen Flüchtlingen und anderen sozial schwachen Bevölkerungsgruppen zu schaffen.

Autor: Julius Steckmeister