Ein Mosaik an Lebensräumen

Gabriele Hennicke

Von Gabriele Hennicke

Mi, 18. April 2018

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

BZ-SERIE: Reinhold Treiber erforscht das Aufkommen von Wildbienen an Kaiserstuhl und Tuniberg.

IHRINGEN. Kaiserstuhl und Tuniberg sind bekannt für ihre Wildbienenvielfalt, gelten als das Mekka für Wildbienenforscher. Der Biologe Reinhold Treiber ist einer von ihnen. Er hat nicht nur Untersuchungen und Veröffentlichungen über Wildbienen an Kaiserstuhl und Tuniberg aus den vergangenen 100 Jahren ausgewertet, sondern zwischen 2000 und 2016 das Vorkommen dokumentiert. Erfreut konnte er feststellen, dass die Vielfalt nahezu erhalten ist.

Erste Beobachtungen gab es bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts, Hauptuntersuchungen wurden in den 1920er Jahren vorgenommen, wie der Biologe sagt. 384 Wildbienenarten an Kaiserstuhl und Tuniberg wurden insgesamt dokumentiert. In Deutschland nachgewiesen sind 585 Bienenarten. "Ich wollte es genauer wissen und habe die Untersuchungen ausgewertet und seit 2000, seit ich in Ihringen lebe, systematisch erfasst, welche Arten zu finden sind", sagt Treiber, der den Landschaftserhaltungsverband im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald leitet.

Überraschend war für Treiber die nach wie vor sehr große Artenvielfalt, die es nach seinen Aussagen so an keiner anderen Stelle in Deutschland gebe. Sind doch Kaiserstuhl und Tuniberg mit etwa 100 und 27 Quadratkilometern ein kleines Gebiet, das aber wegen der Rebterrassen eine vergleichsweise große Oberfläche bietet. "313 Arten oder 82 Prozent aller jemals aus dem Naturraum bekannten Wildbienenarten konnten in den letzten Jahren nachgewiesen werden, das ist eine sehr gute Nachricht. Einige Arten sind aber auch komplett verschwunden ", sagt der Biologe. "Alleine sieben Hummel-Arten und zahlreiche große Wildbienen wie die Kleine Holzbiene und Große Pelzbiene sind hier mittlerweile ausgestorben, das schlägt auch bei der fliegenden Biomasse der Insekten zu Buche".

Die von Löss gekennzeichnete Landschaft des Kaiserstuhls mit zahlreichen Steilwänden im Bereich der Weinberge sowie Hohlwegen war durch großflächige Flurbereinigungen vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren vielerorts zerstört worden zusammen mit mehr als der Hälfte aller Wiesen und Trockenrasen, die als Rebberge neu angelegt wurden. Seit 2008 wurden jedoch im Rahmen von Flurbereinigungsverfahren und Ausgleichsmaßnahmen mehr als 150 Lösswände unterschiedlicher Größe wieder neu angelegt. An diesen neuen Lösswänden entstand in enger Zusammenarbeit von Naturschutz und Winzern durch gezielte Maßnahmen neuer Lebensraum für zahlreiche Wildbienen wie die seltene Filzige Pelzbiene, aber auch für den Bienenfresser als buntem wärmeliebenden Vogel. "Die Lössböschungen wurden ganz gezielt mit blütenreichem, heimischem Saatgut begrünt. Pflanzen wie die Flockenblume, der Natternkopf, Wundklee, Rotklee und Hufeisenklee sind wichtige Nahrungspflanzen für Wildbienen. Auch die Begrünung der Rebterrassen mit Senf ist sehr wichtig", beschreibt der Experte das Vorgehen.

Wichtig sei nun, die Strukturvielfalt und das Mosaik an Lebensräumen wie blütenreiche Böschungen verschiedener Qualität, Trockenrasen, Lößabbrüchen, Erdwegen, Gebüschen, einzelnen Bäumen mit Totholz und Feuchtgebieten, die es an Kaiserstuhl und Tuniberg gebe, zu erhalten. Dies sei die gemeinsame Aufgabe von Winzern, Kommunen und des Landschaftserhaltungsverbands, betont Reinhold Treiber.

Grund für die große Artenvielfalt ist eine Vielfalt der Niststrukturen, insbesondere für die Bodennister, die 75 Prozent aller heimischen Wildbienenarten ausmachten. "Die blütenreichsten Wiesen sind nichts wert, wenn es keine Nistplätze gibt, und die Nistplätze werden leider immer weniger", beschreibt Treiber die Situation und verweist auf fehlende Kleinstrukturen in den Ackerlandschaften, dicht bewachsene Wiesen mit Moosschicht und selten gewordene, unbefestigte Erdwege. Dass die Insektenvielfalt mit fehlenden Nistplätzen zusammenhänge, werde viel zu wenig beachtet, meint der Biologe. Nistplätze seien auch trockene Stauden- und Brombeerstängel, Totholz und Schneckenhäuser auf trockenen Böschungen.

"Es ist jedes Mal

eine Freude, wenn ich

eine neue Art finde"

Reinhold Treiber
Bei den Wildbienenbeobachtungen verlässt sich der Forscher auf Auge und Insektennetz, manche Arten bestimmt er unter dem Binokular, bei schwierigen und unbekannten Arten zieht er andere Fachleute zu Rate. "Man muss zur rechten Zeit, am rechten Ort sein", beschreibt er die Suche. "Wildbienen sind ganz speziell gebunden an bestimmte Pflanzen, die muss man entdecken und wissen, wann sie blühen. Dann kann man dort eine ganz bestimmte Art finden. Die Flugzeit mancher Wildbiene beträgt manchmal nur 14 Tage, und dann muss man wieder ein ganzes Jahr warten, das macht die Sache so spannend."

Als Beispiel nennt er die Matte Natternkopfbiene. Diese Biene, die Natternkopfpflanzen als Nahrungsquelle und sonnige Felsen als Nistplatz benötigt, hat Treiber an Vulkanfelsen bei Ihringen, Burkheim und Sasbach entdeckt. Seit die Felsflächen wieder gepflegt werden, haben die Bienen diesen Lebensraum zurück erobert. "Es ist jedes Mal eine Freude, wenn ich eine neue Art finde", sagt Treiber und schwärmt von einer speziellen Maskenbiene, die in Schilf an Rebböschungen lebt, eine weiße Gesichtsmaske aufweist und nach Zitrone duftet. Die Schilfstängel auf trockenen Rebböschungen werden nun besonders bei der Pflege der Flächen berücksichtigt und erhalten.