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04. März 2011

Ein Strategieplan für weniger Suff und mehr Freude am Feiern

Das Projekt "Festkultur" geht ins dritte Jahr / Immer mehr Festveranstalter und Kommunen übernehmen das Eckpunktepapier des Landratsamtes.

LANDKREIS BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Die Fasnacht hat begonnen: Nicht nur die Narren haben an diesen Tagen Hochkonjunktur, auch Rettungsdienste, Polizei und zunehmend auch private Sicherheitsfirmen sind in Hab-Acht-Stellung. Denn wo gefeiert wird, fließt auch eine Menge Alkohol und es kann zu Randale kommen. Immer mehr Veranstalter und Kommunen halten jedoch dagegen. Dabei folgen sie dem Eckpunktepapier "Festkultur", mit dem Gabriele Ruck, Suchtbeauftragte im Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald, und Claudia Brotzer vom Kreisjugendamt, einen Strategieplan für weniger Vollsuff und mehr Festfreude vor drei Jahren etabliert haben.

Bislang machen 28 von 50 Kommunen im Kreisgebiet dabei mit, wobei etliche, etwa die Gemeinde Hinterzarten, zuvor schon selbst vergleichbare Konzepte etabliert haben, oder noch strenger verfahren, als es das Eckpunktepapier aus dem Landratsamt vorsieht. Hauptziele sind, den Alkoholkonsum zu verringern und eine Handlungsanleitung zu liefern, wie der gesetzlich vorgeschriebene Jugendschutz umgesetzt werden kann. Gabriele Ruck geht es um Einheitlichkeit, damit die jungen Leute in möglichst jedem Ort auf ein Regelwerk stoßen und überall erleben, dass das auch eingehalten wird. Warum das Landratsamt die Kommunen anspricht, liegt auf der Hand. Als Eigentümerinnen von Festhallen, Sälen und Festwiesen können sie die Bewirtungs-, Einlass- und Überwachungskonzepte der Veranstalter beeinflussen, etwa die Überlassung damit verknüpfen, dass das Eckpunktepapier oder ein vergleichbares Konzept eingehalten wird.

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Danach darf es unter anderem keine Lockangebote mit verbilligtem Alkohol geben, es darf an Betrunkene nichts mehr ausgeschenkt werden und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Theke selbst sollen nüchtern bleiben. Weiter sind Ausweiskontrollen am Eingang und beim Ausschank verpflichtend, Ordnungsleute müssen für die Besucher erkennbar während der gesamten Veranstaltungsdauer vor Ort sein und l die Kommune soll grundsätzlich nicht mehr die Verlängerung der Sperrzeiten (wochentags 2 Uhr, freitags und samstags 3 Uhr) gestatten.

Gabriele Ruck sieht den Landkreis damit in guter Gesellschaft, in 14 weiteren Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg bestehen vergleichbare Konzepte als Bestandteil eines breit angelegten Präventions-, Beratungs- und Hilfsprogramms von Behörden, Trägern sozialer Arbeit und auch der Polizei. Denn deren Beamte werden gerufen, wenn es zu Randale oder gar zu ausgewachsenen Schlägereien kommt. Sie stellen regelmäßig fest, dass die Akteure meist betrunken sind.

Wegen exzessiven Alkoholkonsums ins Krankenhaus eingeliefert

"Bei einem guten Drittel der im Kreis registrierten Körperverletzungsdelikte stehen die Täter unter Alkoholeinfluss", sagte Hans Schönberger vom Polizeirevier Freiburg-Süd jüngst in einer Sitzung des Gemeinderats Ebringen, der das Eckpunktepapier ebenfalls übernommen hat. Einen weiteren, kaum weniger alarmierenden statistischen Wert liefert Gabriele Ruck: 2008 wurden im Kreisgebiet 94 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 10 und 20 Jahren wegen exzessivem Alkoholmissbrauch stationär behandelt. Bundesweit habe sich diese Zahl seit dem Jahr 2000 auf 25 700 Fälle fast verdreifacht. "Hinter jedem Betroffenen stehen etwa zehn weitere junge Menschen, die auch betrunken waren, aber eben noch mal Glück hatten", sagt sie. Die Gründe für diese Entwicklungen seien vielschichtig. Als nötige Reaktion darauf formuliert Gabriele Ruck: "Die Erwachsenen müssen genau hinschauen, was die jungen Leute machen, müssen das Jugendschutzgesetz wirksam umsetzen und bei jeder Gelegenheit signalisieren, dass übertriebener Alkoholkonsum nicht akzeptiert wird."

Dass das Eckpunktepapier ein wirksames Instrument ist, bestätigt Hermann Wehrle, Organisationsleiter der Zeltfeste rund um das jährliche Sommer-Skispringen in Hinterzarten, die abends jeweils bis zu 600 Besucher anziehen. "Wir haben ein solches Programm schon vor acht Jahren eingeführt, es weiter verfeinert und nun haben wir auch noch das Eckpunktepapier aufgegriffen", sagt er. Bis zu sechs professionelle Sicherheitsleute seien im Festzelt und in der unmittelbaren Umgebung präsent. Ausweiskontrollen beim Einlass sind selbstverständlich, wobei Kinder und Jugendliche verschiedenfarbige Armbänder erhalten, was die Kontrolle beim Ausschank erleichtert. "Natürlich bekommen wir nicht alle Probleme rund um den Alkoholmissbrauch in den Griff, aber ich sehe uns auf einem guten Weg. Das Konzept gibt Veranstaltern und Gästen Sicherheit. Die allermeisten wollen einfach nur Spaß haben, aber einige wenige können ein Fest sprengen", sagt Wehrle.

Auch die Gemeinde Münstertal hat bereits vor fünf Jahren ein dem Eckpunktepapier vergleichbares Konzept auf den Weg gebracht, weil es bei Veranstaltungen in der Belchenhalle, etwa beim "Rock in den Mai", einem Festival für Newcomer-Bands, regelmäßig zu Ausschreitungen kam. "Diese Events haben jahrelang gut funktioniert, aber das Besucherverhalten hat sich verändert, so dass wir reagieren mussten", erzählt Hauptamtsleiter Christoph Blattmann. Die Konsequenzen sind durchschlagend: Die Zahl der Besucher ging zurück, die Kosten konnten nicht mehr gedeckt werden. 2010 fand keine einzige Tanzveranstaltung mehr in der Belchenhalle statt. "Vor allem die strikte Einhaltung der Sperrzeiten hat die Veranstaltungen sterben lassen", sagt Matthias Riesterer, Vorsitzender der Initiative zur Förderung der Jugendarbeit, die den "Rock in den Mai" veranstaltet hat. Riesterer stellt das Präventionskonzept jedoch nicht in Frage. "Es sind einfach Krawallmacher unterwegs, die keine Grenzen kennen", sagt er.

Autor: Silvia Faller