"Früher klebte die Windschutzscheibe im Sommer voller Insekten"

Hannah Fedricks Zelaya

Von Hannah Fedricks Zelaya

Sa, 09. Juni 2018

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

BZ-INTERVIEW mit Simone Rudloff, der Vorsitzenden des Nabu-Ortsvereins Dreisamtal über das Sterben der Insekten und die aktuelle Zählaktion.

KIRCHZARTEN. Noch bis Sonntag, 10. Juni, läuft die Aktionswoche des Nabus zum Insektenzählen. Hannah Fedricks Zelaya hat mit Simone Rudloff über die Hintergründe der Aktion gesprochen.

BZ: Frau Rudloff, haben Sie diese Woche schon Insekten gezählt?

Rudloff: Bisher noch nicht, ich habe mir jetzt aber gestern die App ’Nabu-Insektenwelt’ heruntergeladen, die der Nabu dafür entwickelt hat, und werde es sicher diese Woche noch tun.

BZ: Die alljährlichen Vogelzählungen gibt es ja schon eine ganze Weile. Warum sollen die Bundesbürger jetzt auch noch Insekten zählen?

Rudloff: Die Ausgangslage ist folgende: Rund 60 Prozent aller Tierarten sind Insekten. 33000 Arten gibt es hier in Deutschland. Von diesen Arten scheinen rund 25 Prozent zunehmend gefährdet. Ich sage deshalb bewusst ’scheinen’, weil es bisher dazu nur eine schlechte Datengrundlage gibt. Mit Insekten hat man sich noch nicht so systematisch beschäftigt, wie mit Vögeln, deren Rückgang ja viel schneller zu beobachten war. Vor diesem Hintergrund hat man sich entschlossen, diese Nabu-Aktion Insektensommer ins leben zu rufen. Sie hat natürlich nur einen Wert, wenn möglichst viele Menschen mitmachen und es jahrelang gemacht wird.

BZ: Das heißt, der vermutete Insektenrückgang ist der Auslöser für die Aktion.

Rudloff: Ja, allerdings ist er nicht vermutet, sondern ganz immens: Wir haben in den vergangenen 40 Jahren sowieso schon einen Rückgang der meisten Arten um circa ein Drittel. Jetzt in letzter Zeit haben wir bei Insekten, die als häufig angesehen werden, wie beispielsweise Zikaden, hat man regelrechte Bestandseinbrücke festgestellt: 2013 hat eine Krefelder Forschungsgruppe, die seit 1989 an 88 Standorten Insekten zählt, einen Rückgang von 77 bis 80 Prozent festgestellt. Göttinger Wissenschaftler haben bei einem weiteren Forschungsprojekt in den östlichen Bundesländern den Rückgang von bis zu 73 Prozent bestätigt. Das kann man ja auch im Alltag beobachten: Früher klebte die Windschutzscheibe im Sommer schnell voller Insekten. Das gibt es heute nicht mehr.

BZ: Viele Gemeinden scheinen da inzwischen auch etwas dagegen tun zu wollen: Man sieht immer häufiger Wildblumenwiesen an Ortsrändern oder auch innerorts. Halten Sie das – abgesehen davon, dass es schön aussieht – für sinnvoll?

Rudloff: Ich als Nabu-Mitglied bin natürlich für praktische Lösungen und nicht nur politisches Handeln. Klar, es muss mehr über Insektizide und Herbizide geredet werden und eine Veränderung der industriellen Landwirtschaft muss kommen. Erst wenn das wirklich angepackt wird, wird man eine Wirkung spüren. Aber im Kleinen kann man natürlich auch jetzt schon dagegensteuern und die ausgeräumte Landschaft teilweise kompensieren, in dem man Nahrung anbieten in den Siedlungen. Daher sind die Wildblumenwiesen eine sehr gute Sache. Je mehr Kommunen und Privatleute in ihren Gärten da mitmachen desto besser. Mancher mag vielleicht sagen, es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber es ist besser als gar nichts.

Simone Rudloff (72) ist Rentnerin und wohnt in Kirchzarten. Sie ist seit 2009 Mitglied im Nabu und seit drei Jahren die Vorsitzende der Nabu-Ortsgruppe Dreisamtal.