Inklusion mal andersherum

Tanja Bury

Von Tanja Bury

Sa, 21. Juni 2014

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

BBZ Stegen öffnet seinen Gymnasialzug für gut hörende Schüler.

STEGEN. Mit der Inklusion ist es wie mit vielen anderen Dingen auch – sie sollte mit Maß und Ziel betrieben werden. Das ist die Meinung von Hartmut Jacobs, dem Leiter des Bildungs- und Beratungszentrums (BBZ) für Hörgeschädigte in Stegen. Die Einrichtung kann sich dabei – wie bislang nur wenige – auf jahrelange Erfahrung stützen. Und jetzt geht sie den nächsten Schritt hin zu einem sinnvollen Miteinander: Hörende Schüler können ab kommendem Schuljahr das BBZ-Gymnasium besuchen. "Allerdings stehen die Bedürfnisse der Hörgeschädigten weiter im Vordergrund. "

Hartmut Jacobs weiß, wovon er redet, wenn er in seinem Büro mit dem schönen Blick ins Grüne über Inklusion – also die gemeinsame Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung – spricht. Seit drei Jahren ist der Kindergarten des BBZ ein Inklusionskindergarten: Ein Drittel der Kinder ist hörgeschädigt, ein Drittel zusätzlich auch sprachlich beeinträchtigt und ein Drittel ist gut hörend. Der Erfolg des Kindergartens, der nach dem allgemeingültigen Orientierungsplan, aber nicht wie viele andere nach dem offenen Konzept arbeitet, kann sich sehen lassen. Jacobs spricht von einer langen Warteliste und noch ungeborenen Kindern, die schon für den Kindergarten angemeldet sind.

Bereits seit 2004 betreut das BBZ Stegen ebenso Grundschulklassen, in denen auch hörgeschädigte Kinder unterrichtet werden. Mittlerweile gibt es 17 solcher Außenklassen, am Bodensee, am Hochrhein, auf der Baar, in Freiburg, Stegen und in der Ortenau. "Die Erfahrungen sind sehr gut", sagt der Schulleiter.

Weiter gibt es die Möglichkeit, dass einzelne hörgeschädigte Kinder über die Vermittlung sonderpädagogischer Dienste in Regelklasse kommen und vom BBZ betreut werden. "Allerdings muss man hier beachten: Der Einzelintegrierte ist auch immer ein Einzelkämpfer, der sich für seine Rechte permanent einsetzen muss", sagt Hartmut Jacobs. Um einem hörgeschädigten Kind in einer Regelschule den Unterrichtsstoff gut vermitteln zu können, braucht es auch so etwas wie Barrierefreiheit – die einigen Aufwand bedeutet. "Es geht um die Raumakustik, also Teppichboden und spezielle Decken und Wände. Und es braucht eine FM-Anlage als technisches Hilfsmittel", sagt Hartmut Jacobs. Dabei sprechen Lehrer und hörende Kinder in spezielle Mikrofone.

All das gehört im BBZ Stegen zum Alltag. Hier wird hörgeschädigten Kindern, derzeit sind es über 300 aus ganz Deutschland, die gesamte Schulpalette geboten – von der Grund- über die Haupt- und Realschule bis hin zum Gymnasium ab Klasse 7, dem einzigen Zug in dieser Form in Deutschland. Der Gymnasialzug orientiert sich an dem des neunjährigen Regelgymnasiums. Die Schüler legen dieselbe Abiprüfung wie an einem Regelgymnasium ab. Als einzigen Nachteilsausgleich erhalten sie eine Zeitverlängerung. Unterrichtet wird in kleinen Klassen, Schwerpunkte bilden Sprache und Sprechen sowie ein naturwissenschaftliches Profil mit Ganztagsunterricht und Mensa. Alle Gymnasialschüler wohnen im BBZ-Internat. Im Moment sind hier 176 Schüler zu Hause.

Ab dem kommenden Schuljahr können nun auch hörende Schüler den gymnasialen Zug am BBZ Stegen besuchen. Allerdings ist dieses Angebot an klare Regeln geknüpft, so sollen höchstens 40 Prozent der Schüler einer Klasse gut hörend sein. "Es geht mir nicht darum, meine Schule vollzukriegen. Die Hörgeschädigten mit ihren Bedürfnissen haben Vorrang. Wir sind primär eine Schule für sie und wollen das auch bleiben", macht Hartmut Jacobs deutlich. Sein Bestreben bei der Öffnung für die Hörenden ist, das BBZ nicht zu einer Käseglocke werden zu lassen, sondern Normalität zu schaffen, Hörgeschädigte auf das Leben nach der Schule, in der Welt der Hörenden vorzubereiten, und bei ihnen wiederum Verständnis für das Handicap des anderen zu wecken.

"Von Inklusion auf Teufel komm’ raus halte ich allerdings nichts", bezieht Jacobs klar Stellung. Und auch nicht davon, Sonderschulen wie sein BBZ abzuschaffen. Er ist ein Verfechter eines differenzierten Bildungsangebots – nicht nur für Hörgeschädigte. Denn: Es gebe nicht den einen Menschen mit Behinderungen, sondern verschiedene Handicaps. Und deshalb sei Sonderschule auch nicht gleich Sonderschule: Während beispielsweise blinde Menschen auf einen akustischen Unterricht angewiesen sind, brauchen Hörgeschädigte eher eine visuelle Form des Lernens. "Hörgeschädigte", so Jacobs, "haben oft ’nur’ einen Hörschaden und können viel leisten – das aber muss durch Rahmenbedingungen möglich gemacht werden." Und das sei nach Meinung vieler Eltern, Lehrer und Schüler nur an Sonderschulen wirklich gegeben. Am BBZ lernen Hörgeschädigte Kommunikationsstrategien, verstehen mit technischen Hilfsmitteln umzugehen und sie zu bedienen. "Das sind Kompetenzen, die sie fürs spätere Leben brauchen und die es ermöglichen, im Berufsleben zu bestehen", sagt Jacobs und zählt Handwerker, Ingenieure, Ärzte, Anwälte unter seinen ehemaligen Schülern auf.

Um was es geht, ist sich zu verstehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Das BBZ Stegen möchte mit seinem neuen Gymnasialangebot für Hörende dazu beitragen, ohne sich aufzugeben.

Mehr Informationen unter http://www.bbzstegen.de