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10. November 2012

Jobsuche ist für Migranten häufig ein Hürdenlauf

Integration über Arbeit funktioniert nicht, kritisieren Experten – auf dem Land noch viel weniger als in der Stadt.

  1. Gibt es Bewerber aus EU-Staaten, haben Flüchtlinge das Nachsehen bei der Jobsuche. Foto: dapd

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Sie haben es nicht leicht: Flüchtlinge auf Arbeitssuche müssen häufig Hürden überwinden. Wie zäh die Suche ist, erleben die Mitarbeiter des "Projektverbunds Bleiberecht Freiburg/Breisgau-Hochschwarzwald" seit Jahren. Und für die Flüchtlinge hängt ihre gesamte Existenz von Arbeit ab: Ohne finanzielle Eigenständigkeit sind Chancen auf ein Bleiberecht minimal. Wie kann man Abhilfe schaffen, speziell auf dem Land? Darum ging es im Rahmen einer Fachtagung, die kürzlich in Freiburg stattfand.

Er ist Krankenpfleger, aus Afghanistan geflüchtet, und freut sich über die Zusage einer Klinik im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald: endlich Arbeit. Bevor der Arbeitsvertrag unterschrieben wird, soll er ein vierwöchiges Praktikum absolvieren, unbezahlt. Doch nach den vier Wochen bekommt er keinen Vertrag. Statt ihm wird eine deutsche Bewerberin eingestellt. Seine Sprachkenntnisse seien nicht gut genug, lautet die Begründung, als Joachim Hacker aus Titisee-Neustadt nachfragt – er betreut den Mann und seine Familie ehrenamtlich. "Das war eine vorgeschobene Begründung, die haben ihn bis zum letzten Tag ausgenutzt", ist Joachim Hacker überzeugt.

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Spätestens, wenn die sogenannte Vorrangigkeitsprüfung ansteht, ist fast immer Schluss – das erlebt nicht nur Michael Forouz-Mehr, Sozialarbeiter des Jugendmigrationsdiensts der Caritas in Lörrach, ständig. Wegen des sogenannten Vorrangigkeitsprinzips muss bei jeder Stellenzusage erst überprüft werden, ob es nicht Bewerber mit deutschem oder EU-Pass gibt – falls ja, werden diese bevorzugt. Wenn Arbeitgeber Flüchtlinge einstellen wollen, müssen sie erst wochenlang warten, wie die Überprüfung ausgeht: "Das schreckt ab, dadurch kommt es fast nie zu einer erfolgreichen Vermittlung." Ausnahmen sind schlecht bezahlte Jobs bei Fastfoodketten oder in Reinigungsfirmen. "Aber die halten sich nicht ans Arbeitsrecht, und wer aufmuckt, wird entlassen", sagt Michael Forouz-Mehr, "das sind unerträgliche Zustände". Sie gelten längst nicht nur für schlecht ausgebildete Flüchtlinge, sondern ähnlich für qualifizierte Akademiker, deren Abschlüsse nicht anerkannt werden. Es kommt auch vor, dass Zeugnisse auf der Flucht verloren gehen.

Die Probleme sind überall ähnlich. Der Projektverbund Bleiberecht erlebt ebenfalls überwiegend Vermittlungen in schlecht bezahlte, oft unsichere Arbeitsbereiche, als Küchenhilfe oder im Reinigungsbereich, ab und zu auch in der Pflege. "Integration über Arbeit? Diesem Anspruch hinkt die Realität weit hinterher", bringt es Wolfgang Busse, Sozialarbeiter beim Caritasverband Breisgau-Hochschwarzwald, auf den Punkt. Auf dem Land ist die Situation dabei noch schwieriger als in größeren Städten wie Freiburg: Für die meisten Sprachkurse, Praktika und Jobs fallen teils lange und teure Fahrtwege an.

Der vom Europäischen Sozialfonds finanzierte Projektverbund, an dem vor allem die Caritas, aber auch die Fördergesellschaft der Handwerkskammer und das Jobcenter beteiligt sind, versucht, den schlechten Bedingungen einiges entgegenzusetzen: Seit 2008 vermittelt er Flüchtlinge in Freiburg und seit 2010 auch im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald in Qualifizierungen – vom Sprachkurs über den Gabelstaplerkurs bis hin zu Pflegepraktika. Derzeit nehmen 560 Menschen an solchen Angeboten teil. Im Lauf der vergangenen Jahre ist 150 Flüchtlingen über das Projekt der Sprung auf den Arbeitsmarkt geglückt, bilanziert Alexander Hauser vom Caritasverband Freiburg-Stadt: darunter waren 17 Ausbildungsplätze, rund 80 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze und ein oder zwei Leute, die ein Studium begannen. Der Rest waren Minijobs, die zwar keine finanzielle Unabhängigkeit ermöglichen, aber die Situation immerhin etwas entschärfen.

Autor: Anja Bochtler