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20. März 2012

"Machen Sie sich unbeliebt!"

BZ-INTERVIEW mit Carola Schark und Mark Bottke, die den Seniorenkurs "Sicher und selbstbewusst durch den Alltag" anbieten.

  1. Carola Schark und Mark Bottke Foto: privat

  2. Viele Senioren strahlen Hilfslosigkeit aus. In einem Kurs sollen sie lernen, selbstbewusst(er) zu wirken. Foto: dpa/privat

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Selbstbehauptungskurse für Senioren: In Kooperation mit dem Landratsamt und dem Verein Sicheres Freiburg möchten Kommunikationscoach Mark Bottke und die Kraft- und Balancetrainerin Carola Schark ältere Menschen stärken. Ihr Konzept haben sie BZ-Redakteurin Kathrin Blum erklärt.

BZ: Frau Schark, brauchen Menschen im fortgeschrittenen Alter Nachhilfe in Sachen Selbstbewusstsein?

Carola Schark: Manche schon.

BZ: Woran machen Sie das fest?

Schark: Ich arbeite als Trainerin für Sturzprophylaxe und Leiterin von Seniorengymnastikkursen schon viele Jahre mit Senioren. Mir fällt immer wieder auf, wie hilflos viele wirken: sie sprechen leise, gehen gebückt, strahlen Unsicherheit aus. Das merken natürlich auch potenzielle Angreifer.

BZ: An wen denken Sie da?

Schark: Das kann ein Handtaschendieb sein, aber auch ein Täter, der vor der Haustür steht, Stichwort Enkeltrick. Es geht auch um sexuelle Gewalt. Die gibt es leider selbst im Alter.

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BZ: Herr Bottke, Sie wollen Senioren zeigen, wie sie sich schützen können. Wie soll der Kurs aussehen?

Mark Bottke: Wir möchten Theorie und Praxis, also Selbstverteidigung, Selbstbehauptung und Kommunikation in vier Kurseinheiten verbinden. Dabei haben wir kein festgeschriebenes Konzept, sondern wollen individuell auf die Menschen eingehen, die unseren Kurs besuchen.

BZ: Was heißt das konkret?

Bottke: Wir wollen das Wissen vermitteln, wie sie sich richtig verhalten. Sie müssen raus aus der Opfermentalität und sich selbst bewusst werden.

Schark: Ich rate den Senioren: Machen Sie sich unbeliebt, sagen Sie nein! Das müssen viele erst lernen. In praktischen Übungen geht es darum, wie Stürze verhindert oder aufgefangen werden können, wie man Kraft, Beweglichkeit, aufrechte Haltung und einen sicheren Gang trainiert. Und wie man signalisiert: Stopp! Bis hierher und nicht weiter.

Bottke: Ich gebe Tipps zum Verhalten bei gewalttätigen Übergriffen und Sicherheit in der Wohnung. Außerdem spreche ich über Deeskalationstechniken und die richtige Einschätzung der eigenen Stärken und Grenzen. Gruppenübungen und die Reflexion eigener Erlebnisse spielen eine große Rolle in den Kursen.

BZ: Wenn ältere Menschen sich bislang nicht behaupten konnten, wird es für sie nicht einfach sein, das zu lernen.

Schark: Ja, deshalb arbeiten wir daran. Und das durchaus erfolgreich. Ein Beispiel: Einem Kursteilnehmer, der mit einem Rollator unterwegs ist und immer auf den Boden geschaut hat, habe ich geraten, aufrecht zu gehen und nach vorn zu schauen. Neulich hat er gesagt: Seit ich das umsetze, machen mir die Leute im Einkaufszentrum Platz. Das Ziel ist es, wahrgenommen zu werden. Und zwar nicht als Schwächling.

BZ: Man hört immer wieder von dreisten Überfällen. Manche Senioren haben Angst davor, zum Opfer zu werden. Geht es auch um diese Furcht in den Kursen?

Bottke: Ja. Um den Betroffenen die Angst zu nehmen, gehe ich beispielsweise darauf ein, wie Menschen reagieren, wenn sie unter Drogeneinfluss stehen. Und ich zeige verschiedene Waffen. Die Teilnehmer sollen konstruktiv mit ihrer Angst umgehen können.

Schark: Wer aufrecht geht, mit gestrafften Schultern und festem Blick, wirkt nicht ängstlich – und er fühlt sich auch weniger ängstlich, als wenn er gekrümmt geht und nach unten blickt.

BZ: Wen möchten Sie mit dem Kurs ansprechen?

Schark: Eine Altersgrenze nach oben gibt es nicht.

Bottke: Wichtig ist, dass die Senioren freiwillig kommen.

Schark: Angesprochen sind auch ältere Menschen, die andere schützen möchten, Stichwort Zivilcourage. Auch die thematisieren wir.

BZ: Wer bezahlt den Kurs?

Bottke: Träger von Einrichtungen oder die Teilnehmer selbst könnten ihn finanzieren. Wir wollen auf jeden Fall möglichst viele erreichen, die Teilnahme soll nicht am Geldbeutel scheitern.

Schark: Wir können uns auch vorstellen, Ermäßigung zu geben, wenn jemand teilnehmen möchte, sich den Beitrag aber nicht leisten kann.

BZ: Sich Schwäche einzugestehen ist nicht leicht. Glauben Sie, dass viele Senioren genau dazu bereit sind und Ihre Kurse besuchen werden?

Schark: In meinen Sturzprophylaxe-Kursen mache ich die Erfahrung, dass viele einsehen, Hilfe zu brauchen – und sie auch annehmen.

Bottke: Wir geben in diesem Kurs bewusst auch eigene Schwächen zu, weil das die Teilnehmer erfahrungsgemäß dazu bringt, sich mehr zu öffnen.

Die Infoveranstaltung am morgigen Mittwoch, 21. März, um 15 Uhr im Gebäude des Landratsamtes, Sautierstraße 30 in Freiburg, richtet sich an Multiplikatoren der Seniorenarbeit wie Leiter von Begegnungsstätten, Einrichtungen des Betreuten Wohnens, Vereine und Kirchengemeinden.

DIE PERSONEN: Mark Bottke

Der 1971 geborene Berliner wohnt seit 2009 in Freiburg. Er arbeitet unter anderem als Dozent und Trainer für den Verein Kommunale Kriminalprävention und Sicheres Freiburg, die Deutsche Angestellten Akademie, den Malteser Hilfsdienst, Schulen und soziale Einrichtungen. Der zweifache Vater hat Management im Gesundheitswesen und Psychologie studiert, ist staatlich anerkannter Krankenpfleger und zertifizierter Trainer für Kampfsport. Kontakt: Tel. 0176/61992650 , http://www.take-mabo.de

Die 1965 geborene Freiburgerin entschloss sich nach einer Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten, einen anderen Weg einzuschlagen. Sie bildete sich zur Übungsleiterin für Seniorengymnastik und -tanz, Yoga und Nordic Walking weiter. Seit 2005 ist sie selbstständig als Übungsleiterin mit dem Spezialgebiet Sturzprophylaxe, vor allem im Emmi-Seeh-Heim. Seit 2005 arbeitet sie mit dem Gesundheitsamt des Landratsamts zusammen. Kontakt: Tel. 0761/23480, http://www.carola-schark.de  

Autor: kbl

Autor: kbl