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29. April 2010

"Mit Geld allein wäre dies nicht zu bekommen"

BZ-INTERVIEW mit Gerhard Lai, der heute nach 24 Jahren als hauptberuflicher Kreisbrandmeister in den Ruhestand verabschiedet wird.

  1. Gerhard Lai Foto: privat

LANDKREIS BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Jede Ära geht einmal zu Ende: Gerhard Lai, seit 24 Jahren hauptamtlicher Kreisbrandmeister und seit 18 Jahren oberster Katastrophenschützer beim Landratsamt, geht in den Ruhestand. Franz Dannecker hat ihn über Ausbildung und Ausrüstung, Nachwuchswerbung und künftige Aufgaben befragt.

BZ: Sie sind Feuerwehrmann mit Leib und Seele. Stellen sich jetzt nicht Entzugserscheinungen ein, wenn Sie Ihr Amt als Kreisbrandmeister abgeben?

Lai: Nein, das wird nicht der Fall sein. Ich gebe zwar meine hauptberuflichen Funktionen ab als Fachbereichsleiter für den Brand-und Katastrophenschutz – dort bin ich seit 32 Jahren tätig – und als "hauptamtlicher Kreisbrandmeister", als der ich neben den in den 5 Unterstützungsbereichen ehrenamtlich tätigen Kreisbrandmeistern seit 24 Jahren für den gesamten Landkreis zuständig war. Bis Ende 2011 bleibe ich jedoch ehrenamtlicher Kreisbrandmeister für den Unterstützungsbereich südlicher Breisgau, außerdem bin ich bis 2014 Vizepräsident des Landesfeuerwehrverbandes. Feuerwehr wird also weiterhin zu meinem Alltag gehören.

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BZ: Im Lauf Ihrer Amtszeit hat sich sicher auch das Feuerwehrwesen gewandelt. Welches sind die wichtigsten Veränderungen?

Lai: Wichtigste Veränderungen waren sich ständig wechselnde Anforderungen an die Ausbildung und die Ausrüstung. In den letzten 15 bis 20 Jahren wurde Enormes geleistet, was Ausbildung, Einsatztaktik und Führungsarbeit betrifft, von den Gemeinden mussten dazu erhebliche finanzielle Mittel aufgewendet werden. Aber das alles ist für die heutigen Einsätze unbedingt notwendig. Wenn Sie dann in der letzten Jahresstatistik der Feuerwehren des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald lesen können, dass durch diese Ausbildung und Ausrüstung über 200 Personen aus unmittelbarer Lebensgefahr gerettet werden konnten, dann ist das eine Bilanz, auf die alle Feuerwehrkameradinnen und -kameraden sehr stolz sein dürfen. Mit Geld wäre diese Leistung alleine nicht zu bekommen.

BZ: Wie ist die Ausrüstung und die Ausbildung der Feuerwehren im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald? Wo sind wir gut, wo beseht Verbesserungsbedarf?

Lai: Zunächst etwas zur Ausbildung: Hier haben wir durch die landesweit seit etwa 25 Jahren eingeführte strukturierte Ausbildung inzwischen im gesamten Landkreis einen allgemeinen Ausbildungsstand erreicht, den ich mit gut bis sehr gut bezeichnen möchte. Dort, wo zusätzliche spezielle Ausbildung notwendig ist, etwa im Bereich der technischen Hilfe, im Gefahrgut- und Strahlenschutzbereich, haben wir ebenfalls einen guten Ausbildungsstand erreicht. Zunehmend Schwierigkeiten bereitet in der Personalplanung der Feuerwehren der Nachwuchs bei qualifizierten Führungskräften. Grund dafür ist unter anderem, dass diese Ausbildung sehr aufwendig ist; schon die übliche Feuerwehr-Ausbildung umfasst etwa 230 Ausbildungsstunden. Die Ausrüstung der Feuerwehr ist ständig wechselnden Anforderungen unterzogen, der technische Fortschritt macht teuere Ersatzbeschaffungen laufend notwendig. Die seit März dieses Jahres geänderten Bestimmungen der Landesbauordnung wird ebenfalls die Beschaffung anderer Rettungsgeräte notwendig machen, weil die vorhandenen tragbaren Leitern den neuen zulässigen Gebäude- und damit Rettungshöhen nicht mehr genügen. Ansonsten ist der heutige Ausrüstungsstand weitgehend ausreichend.

BZ: Worauf kommt es heute bei einem Feuerwehrmann an – muss er ein sportlicher Mensch sein, der ohne Furcht auf die Drehleiter steigt, oder muss er heute eher technisches Spezialwissen haben?

Lai: Wenn Sie die Belastung eines Atemschutzgeräteträgers aus medizinischer Sicht oder die psychische Belastung einer Führungskraft der Feuerwehr im Einsatz einmal näher betrachten, dann ist der sportliche Feuerwehrangehörige die logische und zwangsläufige Folge. Zum Spezialwissen: Die Feuerwehr war früher nur mit wenigen Spezialisten ausgestattet, der größte Teil der Mannschaft durchlief eine Ausbildung zum Allrounder, heute ist dies durch die vielen Spezialgebiete und durch die Anforderungen an professionelle Leistungen so nicht mehr möglich. Wir werden mehr und mehr zum Spezialistentum übergehen müssen, das hat aber weitgehende und gravierende Auswirkungen. Wenn Sie das unter dem Aspekt der bei vielen Feuerwehren immer kritischeren Tagesalarmsicherheit sehen, wird die Dimension dieser Problematik noch deutlicher.

BZ: Wie können mehr junge Leute für den Einsatz bei der Feuerwehr gewonnen werden? Sollte mehr um Frauen geworben werden?

Lai: Wir brauchen eindeutig auch die Frauen in unseren Feuerwehren. Dort, wo sie aktiv eingebunden sind, ist dies überhaupt kein Thema mehr und beide Seiten kommen sehr gut miteinander aus. Ich möchte interessierte Frauen nur auffordern, sprechen sie mit ihren Feuerwehren, den Kommandanten, den aktiven Feuerwehrfrauen oder mit Daniela Lösle, die im Kreisfeuerwehrverband Breisgau-Hochschwarzwald für die Gruppe der Frauen zuständig ist. Bei den Jugendfeuerwehren müssen wir in der Zukunft wieder etwas mehr Zeit und Aufwand in die Nachwuchswerbung stecken, sie sind für den Erhalt der Einsatzabteilungen die wichtigste Grundlage.

BZ: Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg, was muss möglichst schnell geregelt werden?

Lai: Zunächst möchte ich ihm keine Ratschläge geben. Axel Widmaier hat genug Erfahrung in diesem Bereich der Feuerwehren, und ich bin mir sicher, dass sowohl er als geschäftsführender Kreisbrandmeister als auch Peter Meyer als mein Nachfolger als Fachbereichsleiter beim Landratsamt Garanten für eine gute Zukunft im Bereich Katastrophen- und Brandschutz sind. Eine der wichtigsten Aufgabe wird es sein, die zur Zeit im Bau befindliche Intergrierte Leitstelle bei der Feuerwehr Freiburg zusammen mit dem DRK zu einem guten Start zu führen. Ein weiterer Punkt, der möglichst schnell geregelt werden muss, ist der Erhalt beziehungsweise die Wiedererrichtung des Katastrophenschutzlagers des Landkreises verbunden mit dem Feuerwehr-Ausbildungszentrum im Gewerbepark Breisgau. Wenn dort eine Standortveränderung notwendig wird, müssen die Weichen schnell gestellt werden, weil diese für die Ausbildung aller Feuerwehren dringend notwendige Einrichtung für die Sicherheit unserer Feuerwehrangehörigen unverzichtbar ist.

BZ: Ist Kreisbrandmeister ein Job wie jeder andere oder braucht man dafür so etwas wie "Berufung"?

Lai: Kreisbrandmeister ist sicher kein Job wie jeder andere, schon deshalb nicht, weil sie nie alleine über diesen Job entscheiden, sie brauchen in erster Linie eine Familie, die auch bereit ist, die teilweise doch enorme Einschränkung der Freizeit mitzutragen. Sie brauchen verständnisvolle und hochmotivierte Mitarbeiter, kameradschaftlich geprägte Kommandanten und insgesamt ein gesellschaftliches Umfeld, das ihnen den dazu notwendigen Freiraum gibt. Ich habe das weitgehend so erleben dürfen, 24 Jahre sind trotz allem eine schöne Zeit gewesen.







Autor: dan