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17. Februar 2016

Tanzen wie in Buenos Aires

Das Bandoneon-Museum in Staufen hat ein Tango-Fieber ausgelöst.

  1. So sieht’s aus, wenn man es kann Foto: David Fernandez

  2. Tango tanzen und Bandoneon spielen – das gehört zusammen. Ein Museum in Staufen zeigt eine Auswahl der mehr als 450 Stücke aus der Sammlung von Axel Steinhart. Foto: Rainer Ruther/Kathrin Blum/dpa

  3. Axel Steinhart Foto: Kathrin Blum

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Man kann ein Weltkulturerbe tanzen – und das sogar in Staufen. Denn die Auszeichnung "Unesco-Weltkulturerbe" haben nicht nur Städte, Kirchen und Landschaften erhalten, sondern auch der argentinische Tango. Seit 2009 steht er auf der Liste der besonders geschützten Kulturgüter. In Staufen bemüht man sich, diese Tradition zu erhalten. Seit Juli 2014 trägt ein Raum im Kapuzinerhof den großen Namen "Tango- und Bandoneon-Museum".

Mit dem Schritt über die Schwelle der Ausstellung ist der regnerische und kühle Wintertag vergessen. Tangomusik erklingt, der Blick fällt auf Plakate, Schellackplatten, ein uriges Grammophon – und einen Riesenraum voller Instrumente. Erst beim zweiten Hinsehen erkennt man, dass ein raumhoher Spiegel Größe nur suggeriert. "Den haben wir gerade neu installieren lassen, weil sich darin die Tänzerinnen und Tänzer beobachten können", sagt Axel Steinhart. Er ist der Besitzer all dieser Schätze – und von noch viel mehr Dingen, die aber in diesen relativ kleinen Raum nicht hineinpassen und bei ihm zu Hause lagern. In Staufen zeigt er 130 Bandoneons, dazu historische Schellackplatten mit Tangomusik aus dem Buenos Aires der 20er-Jahre, historische Noten von Tangoorchestern sowie Tango-Accessoires: alte Plakate, Postkarten, Fotos und Autogramme der berühmtesten Tänzer und Musiker. Die Sammlung ist in ihrer Art einzigartig und derzeit die größte der Welt; selbst im argentinischen Tango-Museum in Buenos Aires muss man sich mit nur einem Bandoneon begnügen.

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Bevor die Exponate eine neue Heimat in der Fauststadt fanden, lagerte die Sammlung bei Konrad und Axel Steinhart in Kirchzarten. Vater Konrad hatte seit den 1950er-Jahren viele Bandoneons vor der Zerstörung gerettet, aus Liebe zur Musik, aber auch aus handwerklicher Neugierde; sein Sohn Axel war von der Schönheit der Instrumente begeistert und führte das Erbe fort, als sein Vater vor sieben Jahren starb. Er hatte immer den Traum gehabt, die Sammlung zu präsentieren – doch erst im November 2012 kam der Durchbruch: Joachim Baar, Leiter der Jugendmusikschule Südlicher Breisgau, sah im Fernsehen einen Bericht über die Sammlung und befand: Die muss nach Staufen. Der Finanzausschuss des Gemeinderats stimmte zu, ein Raum im Kapuzinerhof wurde renoviert, im Mai 2014 wurde der Förderverein gegründet und im Juli 2014 das Museum eröffnet.

Instrumente kamen lange exklusiv aus Deutschland

Aus dem einstigen Übungsraum des Feuerwehr-Spielmannszugs ist ein Tango-Juwel geworden: Eine Wand ist mit Dutzenden von Bandoneons bedeckt; seltene Exemplare wie eins der ersten hergestellten Instrumente aus dem Jahr 1858 oder das Mini-Instrument des Clowns Grock haben Ehrenplätze. Neue Instrumente gibt es nicht zu sehen, denn die sind extrem selten. Der Grund: Die Herstellung ist sehr aufwändig und deshalb teuer, das Know-how verschwand fast völlig, als russische Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs die Produktionsstätten im Erzgebirge abbauten. So kurios es klingt: Die Instrumente, die in Argentinien Auftritte und Konzerte der Tango-Orchester und -Solisten begleiteten, kamen ein Jahrhundert lang fast exklusiv aus Deutschland.

Aber nicht nur die Herstellung ist kompliziert, das Bandoneon-Spielen ist es auch. Selbst Virtuosen wie der argentinische Musiker Astor Piazzolla übten bis zu sechs Stunden am Tag. Das Instrument besitzt 71 Knöpfe links und rechts, die aber nicht logisch angebracht sind wie die Tasten auf dem Akkordeon. Zusätzlich ergeben sich beim Ziehen und Drücken des Balgs unterschiedliche Töne. Und das Klappern der Knöpfe und die Luftgeräusche beim Spielen fügen sich zum unverwechselbaren Klang des Instruments.

Bei der Ausstellung allein hat man es seitens des Vereins aber nicht belassen. Die Sammlung hat in Staufen eine Vielzahl von Aktivitäten rund um den Tango ausgelöst. Stark nachgefragt werden die Tango-Argentino-Tanzkurse im Museum auf dem extra verstärkten glatten Tanzboden; ein Anfängerkurs unter Leitung von Jorma Reuland und Nicole Krüger hat gerade begonnen, der nächste folgt nach Pfingsten. Schon die Tanzszenen auf dem Videobildschirm des Museums lassen erahnen, wie sich körperliche und geistige Verbundenheit beim Tanzen ausdrücken lässt. Eine Leidenschaft, die mit einem Museumsbesuch beginnen kann.

Das Tango-Musem in Staufen ist samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt: fünf Euro. Kontakt: info@staufentango.de; http://www.staufentango.de

Autor: Rainer Ruther