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21. September 2011

Design statt Bewusstsein

Florian Schroeder spottet im Emmendinger Schlosskeller über das Dilemma seiner Generation.

  1. Mal elegant, mal exzentrisch, jedenfalls zu großen Gesten herausgefordert zeigt sich Florian Schroeder im Emmendinger Schlosskeller als Kind der „iPhone-Generation“. Foto: Markus Zimmermann

EMMENDINGEN. Gelegentlich ist man versucht, dem gerade in die 30er Jahre gekommenen Florian Schroeder zuzurufen, er möge sich endlich entscheiden, auch wenn er gar nicht so hilfsbedürftig ausschaut. Hilft ihm aus dem Dilemma etwa sein neues Programm "Offen für alles und nicht ganz dicht", das er am Freitag im Schlosskeller vor Publikum auf die Probe stellt? "Zur Völkerverständigung" möchte der aus Lörrach stammende Kabarettist beitragen. Damit meint er: Zur Verständigung von jung und alt, also zwischen denen, die im Markt der Möglichkeiten groß geworden sind, und denen, in deren Leben sich die Qual der Wahl erst breit gemacht hat, als sie schon groß waren. "Für uns ist alles möglich, aber Umwege dürfen wir uns nicht leisten", beschreibt Schroeder das Dilemma seiner Generation. Bloß keine Fehler, stattdessen Vollkaskoversicherung und BWL-Studium. Oder aber: Kreissaal, Hörsaal, Plenarsaal. Wenn er an seine Generation in der Politik denkt, befällt ihn das Grauen. Das steht dem glänzenden Mimen ins Gesicht geschrieben. "Die sind nicht repräsentativ" meint er zu Daniel Bahr, Philipp Rösler und Christian Lindner. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich Westerwelle einmal vermissen würde", fügt Schroeder hinzu, selbst groß geworden unter Kohl. Spät lernte er, dass Politik auch etwas mit Wahl zu tun hat. Auf dem Parkett der Politik teilt Schroeder, die Protagonisten gekonnt parodierend, nach allen Seiten aus. Schließlich seien Parteien so undifferenziert geworden wie der Rest der Welt. Irgendwo zwischen cool und spießig. "Die Grünen sind die CDU 2.0".

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Beispiele für den Wandel in die Zeit der Undifferenziertheit findet Schroeder selbst bei der Telefonansage. Hatte die früher "kein Anschluss unter dieser Nummer" verkündet, heißt es heute: "Diese Nummer ist uns nicht bekannt". Der Generation iPhone, iPad, iPod, iGedöns könne man aber alles erzählen: "Die glaubt alles, solange das Design stimmt". Da werde Design mit Bewusstsein verwechselt. Bachelor – "die Verlängerung der Realschule in noch dreckigeren Räumen"– lasse grüßen. Da hilft nur noch Facebook aus Angst vor sozialer Isolation.

Messerscharf seziert Schroeder unsere Welt, die kaum mehr unterscheide und selbst noch so unsinnige Texten bejubele. Gekonnt spielt er dabei auch mit dem Publikum, baut ein spontanes Wechselspiel auf, um seinen spritzigen Humor mit Tiefgang zu würzen. Unsere Welt der Freiheit sei auch frei von Verantwortung. "Toleranz ist die Offenheit der Gleichgültigen", schreit er. Am Ende sind die Lachmuskeln strapaziert und der Geist ist inspiriert.

Autor: Markus Zimmermann