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19. Mai 2009
Musiker mit großem Format
Elmar Schrammel kombiniert Werke der Romantik und Moderne
EMMENDINGEN. Auf längere Sicht müssen der Kulturkreis und die Stadt Emmendingen als Veranstalter klassischer Konzerte Sorge haben: Ein Gutteil der Stühle blieben in der Steinhalle am Freitag leer, junge Leute im Publikum waren die Ausnahme. Anderswo ist die Altersstruktur im Publikum klassischer Konzertabende ja ähnlich. Ist ein Programm mit Tiefgang und Anspruch nicht mehr zeitgemäß?
Dabei hat der Pianist Elmar Schrammel, Emmendinger Kulturpreisträger von 1998, durchaus viel zu bieten: Technik und Gestaltungskraft auf höchstem Niveau, Musikalität ohne Allüren, sichtbare Spielfreude. Sein Programm mit Werken aus Romantik und Moderne wirft eine entscheidende Frage auf: Immer wieder ist der Zuhörende nämlich versucht, zwischen zwei Klangwelten, die sich doch recht fremd sind, abzuwägen. Erst in der Zugabe von George Crumb führt Schrammel die beiden zusammen.
Salvatore Sciarinno (geb. 1947) ist vor allem für seine Musiktheater-Werke bekannt. Schrammel beginnt mit seinem "Perduto in una città d’aqque" (deutsch: "Verloren in einer Stadt des Wassers"), das gleichsam den sehr weiten Klangraum des Klaviers ausmisst. Beim ersten Anhören ist eine Dramaturgie nicht wirklich nachvollziehbar. Dann die Nocturnes Op. 56 Nr.1, Opus 62 Nr. 1 und 2, von Chopin. Schrammel entführt seine Zuhörer in die romantische Klangwelt voll Melodienseligkeit, das Klavier singt in schönen Bögen, hier und da vielleicht mit etwas viel Pedal. Das Liedhafte steigert sich zum Drama, dem – im Vergleich zu anderen Werken gebremsten Ausbruch. In der Themen-Wiederholung schmückt Chopin aus, ohne zu übertreiben. Manche Jazzer schöpfen heute aus ähnlichen Quellen. Großer Nachteil: Elmar Schrammel lässt kaum merkbare Pausen zwischen den einzelnen Nocturnes, so dass die Struktur schwer nachvollziehbar ist.
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Nicolaus A. Hubers (geb. 1939) "Disapperances" (noch am ehesten mit "Verschwindungen" zu übersetzen) wendet sich wieder anderen Klängen zu, dreht sich um Laut-Leise-Effekte, greift in den gewohnten Klavierklang ein.
Schuberts Sonate mit der Deutsch-Verzeichnis-Nummer 959 (nicht, wie falsch ausgedruckt, die D 958), einziger Programmpunkt nach der ausgiebigen Pause, kann die Nähe zur Musikalität Ludwig van Beethovens nicht verleugnen: Ernsthafter, mehr als gründlicher Umgang mit dem musikalischen Material, Harmonien, denen der für die Kammermusik oder manche Lieder typische Schmelz Schuberts fehlt. Schrammel bietet eine gut hörbare, in den Tempi aber manchmal leicht sprunghaft wirkende Interpretation an. Der über weite Strecken geübte Verzicht auf das Pedal wirkt angenehm klar und transparent. Schön das Andantino in seiner A-B-A’-Form, nur verhalten schnell das Scherzo allegro vivace mit seinem hübschen Trio.
Der Schlusssatz, ein Rondo allegretto, kommt zunächst als Variationen-Satz daher, um sich dann zu einer tiefen Auseinandersetzung mit den Themen zu steigern. Dass sich in dieser Sonate manche Schlusssequenzen in die Länge ziehen, war wohl dem Zeitgeschmack geschuldet.
Wie geht nun die Abwägung von Romantik und Moderne aus? Das ist eine Frage der persönlichen Vorliebe. So interessant es ist, in heutiger Musik die Klanggrenzen des Flügels auszukosten und zu erweitern, Percussives einzubeziehen und den Charakter des Saiteninstruments stärker herauszuarbeiten, in dem der Pianist an den Tasten vorbei in den Korpus des Instrumentes eingreift – berührender, melodiöser, vielleicht sogar spieltechnisch anspruchsvoller ist die Welt von Chopin und Schubert allemal.
Elmar Schrammel hat sich seinem Emmendinger Publikum – in einer sehr düster ausgeleuchteten Steinhalle – alles in allem als Musiker von großem Format und Können präsentiert. Recht begeisterter Beifall.
Autor: Frank Berno Timm
