Richter müssen über Beziehung urteilen

Georg Voss

Von Georg Voss

Sa, 30. Mai 2015

Kreis Emmendingen

Prozess in Emmendingen.

EMMENDINGEN. Auf der Anklagebank vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Emmendingen sitzt derzeit ein 55 Jahre alter Versicherungskaufmann wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung und körperlicher Misshandlung. Er führte mit dem Opfer aus dem Landkreis Emmendingen eine Fernbeziehung, im März 2014 soll er sie geschlagen, gewürgt und vergewaltigt haben – obwohl sie an Krebs erkrankt war (die BZ berichtete).

Am zweiten Verhandlungstag ging es nicht um die Anklagepunkte, sondern um die Beziehung zwischen den beiden – und um das, was vor dem Vorfall im März vergangenen Jahres passiert ist. Richter Günter Schmalen hat die Vermieterin als Zeugin geladen, die im Haus der Frau wohnte. Sie erzählt, dass sie nicht Zu Hause war, als der Angeklagte seine damalige Freundin besuchen wollte und dass sie ihm den Schlüssel aushändigte – bei der Rückgabe hätte die Frau ein blaues Auge gehabt. Auf Anfrage von Richter Schmalen, ob die Vermieterin etwas von einer Auseinandersetzung mitbekommen habe, verneinte sie diese. Sie sagte, sie sei enttäuscht gewesen vom Angeklagten – sie hätte ihn nach früheren Besuchen für einen angenehmen Mann gehalten.

Eine weitere geladene Zeugin erschien bei diesem zweiten Gerichtstermin nicht. Verteidiger Philipp Rinklin stellte weitere Beweisanträge. Die betreffen die Frage, ob die Beziehung zwischen Täter und Opfer im Vorfeld harmonisch war oder nicht. Beide verbrachten den Tag vor dem Vorfall in einer Nachbargemeinde. Beim nächsten Verhandlungstermin sollen die Zeugen Auskunft geben, ob es zu Streitigkeiten zwischen den beiden gegeben hat – oder ob es ein harmonisches Wochenende war. Weitere Beweisanträgen sollen klären, wie groß das Ausmaß der Eifersucht der Frau auf den Angeklagten war – sie soll ihn auf dem Anrufbeantworter als "Arschloch" und "Scheißkerl" bezeichnet haben.

Beim ersten Prozesstermin sagte sie aus, dass sie nur einmal eifersüchtig gewesen sei, und zwar zu Beginn der Beziehung. Außerdem erklärte der Angeklagte, dass seine damalige Partnerin selbst zu Gewalt neige: Sie habe ihn beschimpft, auf ihn eingeschlagen und ihn mit einem Fleischermesser bedroht – in Gegenwart von Zeugen. Für den Prozess, bei dem Aussage gegen Aussage steht, sind am 12. und 24. Juni weitere Termine angesetzt.