"Die Konflikte bekommen ein Gesicht"

Daniel Gramespacher

Von Daniel Gramespacher

Mi, 08. Oktober 2014

Kreis Lörrach

Jörg Hinderer, Beauftragter für Asyl im Kirchenbezirk Markgräflerland, weist auf Chancen hin, die Flüchtlinge mit sich bringen.

LÖRRACH. Den Auftrag, sich des Themas Asyl im Kirchenbezirk Markgräflerland anzunehmen, hat Jörg Hinderer schon seit vier Jahren. Seit die Zahl der Flüchtlinge, die der Landkreis Lörrach aufnehmen muss, steigt und Unterkünfte gesucht werden, wird er vermehrt angesprochen. "Es kommen mehr Anfragen; der Handlungsbedarf steigt", sagt der evangelische Pfarrer. Dabei will er nicht nur helfen, Probleme zu lösen, sondern auch hinweisen auf kaum beachtete Chancen, die in der Aufnahme von Flüchtlingen liegen.

Hinderer kennt keinen weiteren evangelischen Kirchenbezirk mit einem Beauftragten für Asyl. Dass diese Stelle im Oktober 2010 im Bezirk Markgräflerland eingerichtet wurde, hat mehrere Gründe: In Hinderers Wohn- und Dienstort Rheinfelden stand damals die einzige Unterkunft für Asylbewerber im Landkreis; die evangelische Kirche wollte mit der Schaffung des Auftrags Position beziehen und sich zu den Menschen, die dort wohnen, bekennen. Der 2010 aus der Fusion der Bezirke Lörrach und Schopfheims hervorgegangene Bezirk Markgräflerland ist zudem überdurchschnittlich groß und kann entsprechend viele Aufträge vergeben. Schließlich verfügte Hinderer über die notwendigen Vorkenntnisse, um den Auftrag auszufüllen (siehe Info).

Hinderers Aufgaben sind vielfältig. Er informiert innerkirchlich und öffentlich über das Thema Asyl, vermittelt als Leiter der evangelischen Erwachsenenbildung Referenten und berät organisatorisch. Gemeinden können ihn in konkreten Fällen ansprechen; bei Bedarf zieht der Pfarrer den juristischen Rat eines Experten im Oberkirchenrat in Karlsruhe bei.

Kirche werbe für offene Türen und Herzen, sagt Hinderer. Denn Flüchtlinge zu schützen, gebiete der christliche Glaube. Solidarität sei Grundlage des menschlichen Miteinanders und Kennzeichen der Demokratie. In Rheinfelden hat die Akzeptanz der Asylarbeit nach Hinderers Einschätzung deutlich zugenommen. Viele wollten sich ehrenamtlich einbringen und übernahmen Patenschaften.

Dem Landratsamt attestiert der Asylbeauftragte großes Bemühen, mit der "angespannten Lage" im Landkreis konstruktiv umzugehen. Bund und Land dagegen hätten mit einer kurzsichtigen Politik den extremen Engpass verursacht. "Der erneute Anstieg der Flüchtlingszahlen kam schließlich nicht aus heiterem Himmel." Hinderer plädiert dafür, die Leistungen für Asylbewerber weiter anzuheben, Flüchlingen mehr Deutschkurse zu ermöglichen sowie den Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Da der Wohnungsmarkt in der Region eng ist, könne der Landkreis derzeit nur eine neue zentrale Unterkunft schaffen. Grundsätzlich hält Hinderer aber eine dezentrale Unterbringung für den besseren Weg. Wohnungen und Wohngemeinschaften seien günstiger als große Sammelunterkünfte; Verantwortlichkeit, Eigenständigkeit und Selbstwertgefühl würden gestärkt, die Integration gefördert, Lärm und Gettos würden vermieden. Werden die Menschen angemessen untergebracht, gebe es auch weniger Zwischenfälle. Auch wenn viele Flüchtlinge kommen, müsse die Menschenwürde gewahrt bleiben.

Bei allen Problemen dürfe man die Chancen nicht vergessen, betont Hinderer: Viele, die es bis nach Deutschland geschafft haben, seien mobil, flexibel, mehrsprachig, leistungs- und risikobereit. Sie könnten Engpässe auf dem Arbeitsmarkt entschärfen helfen. So würden in Pflege und Erziehung verstärkt Fachkräfte mit Migrationshintergrund gesucht. Interkulturelle Qualifikationen machten Flüchtlinge auch für Firmen attraktiv. Mindestens ebenso wichtig: "Wenn Flüchtlinge im Landkreis aufgenommen werden, bekommen die weltweiten Konflikte ein Gesicht; sie sind nicht mehr nur eine Sache der medialen Realität, sondern haben Auswirkungen bis vor die Haustüre."