Freiwillige vor

Theresa Steudel

Von Theresa Steudel

So, 16. Dezember 2018

Weil am Rhein

Der Sonntag Der Seniorenarbeit fehlen immer mehr Ehrenamtliche.

20 Jahre lang hat Christa Stauß die Altennachmittage in Weil am Rhein organisiert. Nun tritt sie mit ihrem Team zurück. Nachfolger gibt es nicht. Die Altennachmittage sind kein Einzelfall – gehen den Seniorenangeboten die Ehrenamtlichen aus?

"Es ist einfach Zeit", sagt Christel Stauß. Mehr als 20 Jahre hat sie die Altennachmittage in Weil am Rhein veranstaltet – zum letzten Mal am gestrigen Samstag. Mit ihr tritt das zehnköpfige Team zurück. Die 76-jährige Stauß war eine der jüngsten. "Die anderen haben noch mitgemacht, bis ich aufhöre", sagt sie.

100 bis 200 Senioren kamen zu den vier Altennachmittagen im Jahr. Schon Monate vorher bereite Stauß alles akribisch vor – schrieb Vereine an, dachte sich Programme aus, entwarf ihre Moderation. "Auf so viel Arbeit hat wohl keiner Lust", sagt sie resigniert. Seit zwei Jahren suche sie nach Nachfolgern – vergeblich. Für Stauß ist nun die Stadt am Zug. Tatsächlich: "Zumindest die Sommer- und Weihnachtsaltennachmittage werden weiter angeboten", versichert Hauptamtsleiterin Annette Huber. Man suche noch nach einem Team. Zur Not werde dieses aber von städtischer Seite gestellt.

Auch andere kämpfen mit der Nachfolge

"Das Problem kennen wir", sagt Ina Pietschmann, Geschäftsführerin des Lörracher Kreisverbandes der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Jeder AWO-Ortsverein kämpfe um Ehrenamtliche. Laut Pietschmann sei die Hemmschwelle bei Seniorenarbeit höher als bei anderen Angeboten. Woran das liegt, wisse sie nicht. "Vielleicht gibt es Berührungsängste." Gerade bei Jüngeren – denn dass Oma und Opa mit im Haus wohnen, komme bei immer weniger Familien vor.

Ihre Vorsitzende, Hannelore Nuß, sagt: "Es wird schwieriger, Angebote für Senioren mit den nachfolgenden Generationen aufzubauen." Fehlt das Pflichtgefühl, sich für andere einzusetzen? Nuß sieht das differenzierter: "In der heutigen Arbeitswelt ist schnell eine Belastungsgrenze erreicht", sagt sie. Auch Jüngere hätten Verpflichtungen, wie sie das Ehrenamt mit sich bringt. Nur legen sie andere Schwerpunkte – zum Beispiel viel Zeit mit der Familie verbringen.

In Schopfheim beobachtet das Diakonische Werk, in Rheinfelden die Freiwilligenagentur, dass Seniorenangebote von jungen Senioren gestemmt werden. Für Dagmar Stetter von der Diakonie liegt das in der Natur der Sache: Wer jünger ist, beschäftige sich mit anderen Themen. "Damit junge Menschen helfen, braucht es spezielle Mehrgenerationen-Angebote", sagt Stefanie Franosz, Leiterin der Rheinfelder Freiwilligenagentur. Beispiel: Leihomas und -opas. Familien, deren Großeltern weit weg wohnen oder verstorben sind, werden an Senioren vermittelt, die keine Enkel haben oder nicht in der Nähe der Familie wohnen. Sie kümmern sich um die Kinder und profitieren im Gegenzug vom Anschluss an die Familie.

Sowohl in Weil am Rhein als auch in Rheinfelden und Schopfheim betonen die Gefragten: Das Angebot für Senioren ist trotz allem vielfältig. In Lörrach kann sich Seniorenbeauftragte Ute Hammler nicht beschweren. Dort engagieren sich mehr als 70 Ehrenamtliche bei "Pluspunktzeit", dem Treffpunkt für Ältere. Wieder handelt es sich bei den Freiwilligen aber um junge Senioren. Hammler begründet das folgendermaßen: "Sie sind in der Regel noch rüstig, mobil, können ihr berufliches Wissen einbringen – und suchen häufig eine neue Tagesstruktur, wenn der berufliche Alltag wegfällt." Junge Rentner würden nicht nur in der Seniorenarbeit gesucht, sondern auch bei Vereinen, Kinderbetreuung oder Flüchtlingsarbeit.

Lieber Projektarbeit als Ehrenamt im Verein

Hammler findet, das Problem in Weil am Rhein könne nicht auf die gesamte Seniorenarbeit übertragen werden. Denn dafür Nachfolger zu finden sei besonders schwierig: Einerseits seien die Nachmittage ohnehin immer weniger besucht, während der Stamm altert – so gewinne man nur schwer aktiv mitarbeitende Senioren. Andererseits lassen die häufig sogar wöchentlich organisierten Veranstaltungen den Organisierenden wenig zeitlichen Spielraum. "Das wollen nicht mehr so viele. Engagement gerne – aber zu den Zeiten und in der Häufigkeit, wie das der Einzelne möchte."

Ähnlich sieht das Ina Pietschmann: "Die Menschen sind nach wie vor bereit zu helfen. Nur binden wollen sie sich nicht mehr." Viele seien eher dazu bereit, sich spontan für ein paar Monate bei einem Projekt zu engagieren, als bei einem Verein oder einer Organisation langfristig Verantwortung zu übernehmen.

Pietschmann verlangt daher, dass die Politik die Struktur von Vereinen und Ehrenamt modernisieren müsse. Auch ihre Kollegin Nuß ist der Meinung, dass das Ehrenamt nicht mehr attraktiv ist. Sie findet, dass Freiwillige mehr geschätzt werden müssen – vielleicht sogar mit einer Ehrenamtspauschale.
Informationen zum Bürgerengagement im Landkreis Lörrach finden Interessierte unter:
http://www.loerrach-landkreis.de/be