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08. Februar 2014

In der eigenen Bleibe bleiben

Mit einem Modellprojekt des Bundes sollen Familien im Kreis Lörrach nicht obdachlos werden.

  1. Bevor es zur Zwangsräumung kommt, will die Fachstelle Wohnungssicherung gefährdeten Familien helfen. Foto: dpa

LÖRRACH. Ein bundesweites Modellprojekt ist jetzt im Erich-Reisch-Haus gestartet. Ab sofort werden Familien im gesamten Landkreis Lörrach, die vom Verlust ihres Zuhause bedroht sind, von der Fachstelle für Wohnungssicherung beraten. Bislang gab es dieses Angebot nur für Lörrach und Weil am Rhein. Bezuschusst wird das Projekt, das auf drei Jahre angelegt ist, vom Bundesfamilienministerium mit 75 000 Euro. Die Duale Hochschule Villingen-Schwenningen begleitet es, im Erfolgsfall könnte es deutschlandweit eingeführt werden.

Obdachlosigkeit erst gar nicht entstehen lassen, sondern Lösungen zu finden, dass Menschen, die Mietschulden haben, denen die Räumungsklage droht, trotzdem in ihren vier Wänden bleiben dürfen, ist das Ziel der Fachstelle zur Wohnungssicherung. Der Schwerpunkt des nun auf den gesamten Landkreis ausgedehnten Modellprojekts liegt dabei auf Familien, die in Not sind. Das Besondere: Sylvia Ziegler, die die Fachstelle leitet, berät die Menschen nicht nur in ihrem Büro in der Lörracher Wallbrunnstraße sondern kommt bei Bedarf auch zum Hausbesuch.

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Das Konzept des Modellprojekts sieht vor, dass die Fachstelle stark mit öffentlichen und freien Trägern vernetzt wird, wie etwa dem Landratsamt, dem Jobcenter, dem Sozial- und Jugendamt und der Freien Wohlfahrt. Deren Mitarbeiter vor Ort sollen so sensibilisiert werden, dass, wenn sie sehen, dass Familien potenziell von Wohnungslosigkeit bedroht werden könnten, ein entsprechender Kontakt mit der Fachstelle vermittelt wird, bevor es überhaupt zu einer Räumungsklage kommt.

Sylvia Ziegler kann dann auf verschiedene Arten versuchen, zu helfen. So kann beispielsweise versucht werden, ein Darlehen aufzubringen oder es kann mit dem Vermieter über Ratenzahlung verhandelt werden. So konnten in den vergangenen Jahren Dank der Hilfe der Fachstelle immerhin in 70 Fällen von der Räumung bedrohte Menschen in ihren Wohnungen bleiben, wie Stefan Heinz, Leiter des Erich-Reisch-Hauses, am Freitagnachmittag anlässlich des Projektstarts wissen ließ.

Bereits vor zwei Jahren hatte Staatssekretär Josef Hecken der Fachstelle die frohe Botschaft überbracht, dass das Familienministerium sie als Modellprojekt auserkoren hat und finanziell unterstützt. Dann hatte sich die Finanzierung allerdings als schwieriger erwiesen als gedacht, berichtete der Bundestagsabgeordnete Armin Schuster am Freitagnachmittag, "wegen nicht vorhandener Förderkulisse im Familienministerium". Doch es sei hart daran gearbeitet worden, "jetzt ist es in trockenen Tüchern", sagte Schuster. "So etwas ist einmalig im Familienministerium." Die Erwartung des Bundes sei nun, dass das Projekt auf ganz Deutschland übertragen werden kann.

"Der Landkreis Lörrach unterstützt ideell nicht finanziell", brachte die Sozialdezernentin Elke Zimmermann-Fiscella das Zutun des Landratsamtes auf den Punkt. Schuster forderte: "Das ist ein gemeinsames Thema und auch der Kreistag gehört dazu."

"Das könnte wirklich ein wegweisendes Projekt sein" urteilte Thomas Rutschmann, vom Referat Wohnungslosenhilfe der AGJ Freiburg. Die AGJ ist ein Fachverband für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg und betreibt auch das Erich-Reisch-Haus und somit die Wohnungslosenhilfe im Landkreis Lörrach. Es gehe darum, "die Entfernungen zwischen Sozialem und Ordnungswirtschaftlichem zu verringern", sagte Rutschmann. Es sei "alternativlos, diesen Weg zu gehen".

Das Modellprojekt wird von der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Neben den Ursachen von Wohnungsverlust soll auch die Wirksamkeit der Lörracher Fachstelle bewertet werden. Zudem sollen Lücken im sozialen Netz, die Wohnungsverlust ermöglichen, aufgedeckt werden.

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Familien obdachlos werden können. Das können der Verlust des Arbeitsplatzes, eine Erkrankung oder familiäre Probleme sein. Mietschulden sind für die Lörracher Fachstelle der häufigste Auslöser für Räumungsklagen oder Zwangsräumungen. Trennungen und Scheidungen können dazu führen, dass die bisherige Wohnung zu teuer ist. Dann könnte eine billigere Ersatzwohnung verhindern, dass Menschen auf der Straße landen. Deshalb sucht die Fachstelle Vermieter, die Familien in Wohnungsnot eine Bleibe anbieten können. Dazu soll ein Vermieter-Pool gebildet werden.

Das Büro der Fachstelle Wohnungssicherung ist in der Wallbrunnstraße 66, 79539 Lörrach, Tel. 07621/9304-45 oder 9304-42; Mobil: 0170-5221966; Fax: 07621/9304-30; E-Mail: fachstelle-loerrach@agj-freiburg.de

Sprechzeiten sind dienstags von 10 bis 12 Uhr, donnerstags von 14 bis 16 Uhr sowie nach Vereinbarung.

Kontaktdaten im Internet unter http://www.agj-erich-reisch-haus.de

Autor: Michael Reich