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21. Oktober 2017

Künstler stellen existenzielle Fragen

Doppelausstellung im Georg-Scholz-Haus Waldkirch mit Werken von Henning Eichinger und Stephanie Laeger.

  1. Henning Eichinger mit seinem Gemälde „Zum Licht“. Foto: Helmut Rothermel

  2. Stephanie Laeger mit „Urgestalten“. Foto: Helmut Rothermel

WALDKIRCH. Zwei Künstler mit ganz unterschiedlichen Ansätzen sind in einer Ausstellung im Georg-Scholz-Haus zu sehen. Henning Eichinger konzentriert sich auf Herausforderungen des digitalen Zeitalters und Möglichkeiten eines distanziert-kreativen Umgangs mit der technischen Welt. Stephanie Laeger nähert sich in ihren Einzelporträts und Gruppenbildern spielerisch den Facetten der menschlichen Psyche hinter der Fassade der "realen" Abbildung.

Die Frage "Was ist Aufklärung?" beantwortete Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren mit seinem berühmten Diktum, sie sei "der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" und forderte: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen." Im Zeitalter der digitalen Revolution haben diese Worte nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Eine Flut von (oftmals manipulierten und manipulierenden) Bildern, der Druck sozialer Netzwerke, getwitterte Fake-News, Burn-out als Folge von Multitasking in Arbeit und Privatleben sind nur einige der Auswüchse, die neue Abhängigkeiten und Unmündigkeit generieren und bei denen viele (selbstverschuldet?) mitmachen. Dem stehen natürlich jede Menge ungeahnter und unglaublicher Möglichkeiten gegenüber. Ein banales Beispiel: Mit GPS kann selbst ein Mitteleuropäer zielgerichtet durch den römischen Verkehr manövrieren.

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Auf diese kulturellen, sozialen und wissenschaftlichen Phänomene und Herausforderungen der Gegenwart reagiere Henning Eichinger mit seiner Kunst, analysiert die Kunsthistorikerin Karin Rase in einem Essay. Er nehme dieselben auf, verwandele sie und gebe dem Betrachter die Möglichkeit, mit Distanz auf sein Dasein zu blicken und sich in den verschiedenen Systemen besser zurechtzufinden.

Als treffende Zeitdiagnose ist in der Waldkircher Ausstellung das großformatige Gemälde mit dem Titel "Kumulation kleiner Überforderungen" zu sehen. Die ungeheure Komplexität der modernen Welt, erläutert der Künstler, mache uns unruhig und nervös, wir konzentrieren uns auf vieles gleichzeitig und schaffen das Gewünschte dann doch nicht. Diese oft kleinen, aber sich kumulierenden Überforderungen werden visualisiert in den stark kontrastierenden Farben Schwarz, Weiß und Rot. Pflanzen, Zahnräder, ein Fisch, abstrakte Formen und Figürliches sind aufs Engste miteinander verbunden und bilden "ein besonderes Energiefeld", schreibt Karin Räse. Neben der für den Künstler typischen Farbpalette von Rot, Schwarz und Weißtönen kommt hier das für ihn ebenso typische Arbeiten in sich überlagernden Schichten zum Tragen, wobei teils ältere Werke übermalt oder überklebt werden und die früheren Schichten stellenweise durchscheinen, was den Bildern Tiefe und einen eigene "Ge-schichte" gibt. Bemerkenswert ist, dass die Analyse der digitalen Welt mit rein analogen künstlerischen Mitteln durchgeführt wird, nichts entsteht am Computer.

Als Visualisierung der phantastischen Möglichkeiten des Digitalen ließe sich das Gemälde "Modified Cloud" interpretieren. Die Bildmitte wird dominiert vom Kapitell einer korinthischen Säule, die für das Starre, Feste und Unverrückbare, seien es Meinungen, Einstellungen oder Verhältnisse, stehen könnte. Darüber und darunter schweben eine schwarze und eine weiße Wolke. Stehen sie für die Wandlungsfähigkeit und die Fantasie, für die Offenheit im virtuellen Raum (die Cloud) mit Potenzial zur Rückwirkung auf die "Realität"? Auf dem verwandten Gemälde "Zum Licht" sind es reale Lebewesen, Insekten, die sich aus der Starrheit der Säule befreien. Die Schwarz-Weiß-Bilder und Collagen der Ausstellung dagegen erinnern an Plakate und Comics, Astronauten und unterschiedlichste Tiere sind Ausdruck des seit Kindertagen bestehenden Interesses des Künstlers an Science-Fiction und Biologie.

Stephanie Lägers künstlerische Auseinandersetzung gilt dem Menschen, genauer gesagt der Essenz des Menschlichen. Über ihre Arbeit sagt sie: "Der Mensch beschäftigt mich. Seit ich mich erinnern kann, habe ich Gesichter gemalt."

Dabei bewegt sie sich zwischen zwei Polen, einerseits der Abbildung, andererseits der Loslösung vom realen Abbild und der Sichtbarmachung von Innenwelten und "der ganz eigenen Schönheit einer Person". Sie löst die Gesichter auf, verdichtet sie und lässt sie neu entstehen. Dabei bedient sie sich der Tuschemalerei "mit bewusst reduzierten, oft lasierend aufgetragenen Farben, meist beginnend Nass in Nass ineinanderfließend", hinzugefügt werden manchmal Kohle, Kreide oder Acrylfarben. Es folgt die Weiterbearbeitung des Bildes durch Wischen, Rubbeln und Schmirgeln, wieder Überkleben und Auseinanderschneiden.

So erhält die Oberfläche eine Durchlässigkeit, die hinter die Fassade blicken lässt und in der radikalen Loslösung vom realen Portrait oder Gruppenbild entstehen "Urgestalten, gedrungene Figuren, halb Kind, halb Gnom", schemenhafte Erscheinungen, in denen sich doch deren Essenz konzentriert. Diese Figuren begegnen dem Betrachter in einem Spiel aus Nähe und Distanz als "Zaungäste", einerseits passiv beobachtend, andererseits fordernd.

Info: Eröffnung der Ausstellung im Georg-Scholz-Haus, Merklinstraße in Waldkirch, am Sonntag, 22. Oktober, 11 Uhr, Einführung durch Volker Bauermeister. Die Ausstellung dauert bis Sonntag, 26. November. Das umfangreiche Begleitprogramm beginnt am Montag, 23. Oktober, 20 Uhr, mit einem Kunstgespräch mit den beiden Künstlern, moderiert von Roland Krieg. Öffnungszeiten: Freitag/Samstag 15-18 Uhr, Sonntag 11-16 Uhr, Feiertag geschlossen.

Mehr Informationen im Internet: http://www.georg-scholz-haus.de.

Autor: Helmut Rothermel