Musikgeschichte

125 Jahre Schallplatte: Und läuft und läuft und …

rog

Von rog

Sa, 03. November 2012 um 00:05 Uhr

Kultur

Vor 125 Jahren hat Emil Berliner den Prototyp der Schallplatte erfunden. Oft tot gesagt, ist der Tonträger auch im Zeitalter von MP3 und CD belieb – und das nicht nur bei Klangfetischisten.

Es waren eine mit gehärtetem Ruß beschichtete Glasplatte und eine darauf kreisende Nadel, die die Welt des Musikhörens grundlegend verändern sollte. Emil Berliner, ein in die USA ausgewanderter Hannoveraner, hatte dazu das Patent angemeldet – am 8. November 1887. Er ahnte vermutlich nicht, dass er damit nicht nur den Prototyp der Schallplatte erfunden hatte, sondern auch am Beginn der Revolution der Tonaufzeichnung stand. Die Schallplatte ist bis heute das Symbol der HiFi-Szene geblieben, trotz I-Pad oder neuester Technologien zur Musikspeicherung. Und sie feiert – diesen zum Trotz – derzeit ein leises, aber bemerkenswertes Comeback.

Michael Schmitz, deutscher Product-Manager des Rock und Blues-Labels Mascot-Provogue, Anfang dieses Jahres: "Wir verkaufen von manchen Titeln neuerdings bis zu zehn Prozent Schallplatten. Damit ist die Vinyl-Ausgabe für uns wieder ein wichtiger Umsatzträger." Im Sommer teilte das Label dann mit: "Wir planen mit Verkaufsstart 9. November den gesamten Joe-Bonamassa-Katalog auch als Schallplatten herauszubringen." Bemerkenswert: Das Werk des Star-Gitarristen und Sängers Bonamassa ist komplett der Digital-Ära zuzurechnen. Seit 2000 hat er unter eigenem Namen über ein Dutzend Alben geschaffen. Das als Veröffentlichungstermin anvisierte Novemberwochenende aber erfährt in Sachen Vinyl-Angebot populäreren Zuwachs: Dann nämlich wird der komplette Beatles-Katalog der EMI in Stereo auf Vinyl erscheinen, während die Mono-Edition fürs kommende Frühjahr geplant ist. Eine Woche nach Beatles und Bonamassa erscheinen dann die Studio-Alben von The Who komplett auf Vinyl.

"Ich habe die Schallplatte immer bevorzugt", sagt der seit Jugendtagen vom HiFi-Virus befallene Fan und Klassik-Sammler Enrico Penthin im Musikzimmer des Untergeschosses seines Hauses in Schallstadt. Trotz vieler CDs dominiert unangefochten das Repertoire einiger Tausend Langspielplatten.

Bis heute das Symbol der HiFi-Szene

Von Rene Leibowitz’ legendären Beethoven-Einspielungen bis zu originalen Decca- und RCA-Living Stereo-Pressungen, wie der 2.Sinfonie von Jean Sibelius mit dem London Symphony Orchestra unter Pierre Monteux, Produktion aus dem Jahr 1959, reicht die Auswahl. Penthin: "CDs oder auch DVDs haben mich klanglich nie so ergriffen wie die Analog-Schallplatte, und so ein Album ist doch einfach was ganz anderes als die kleinen digitalen Formate".

Was augenfällig stimmt: Die gute alte Schallplatte hat mehr Platz für illustrative Gestaltung und Begleittexte. Freilich war und ist die schwarze Analog-Schallplatte wesentlich empfindlicher als die Compact Disc. Ein unvorsichtiges Aufsetzen der Nadel kann die Rille unwiderruflich zerkratzen, und so hatte unser uraltes Beatles’ Rubber-Soul-Album ein unüberhörbares Wiedererkennungsmerkmal in Form eines lauten Knackers am Anfang der Einleitung von "Norwegian Wood". Fetischisten propagierten daher gar, Alben immer nur in der Einlaufrille, nicht bei irgendwelchen Stücken mittendrin aufzusetzen, weil jedes Auflegen ein (mehr oder weniger lautes) Knacken verursache. Und Staub erwies sich als Feind sauberer Wiedergabe. Kleine Schmutzkissen unter dem Abtastdiamanten bewirken verzerrende Effekte.

Wesentlich zur Beliebtheit der guten alten schwarzen Scheibe dürfte ihre Spieldauer beitragen. Sie bewegt sich insgesamt im Rahmen von Schulstunden – oder Therapiestunden beim Psychoanalytiker: 45 bis 50 Minuten. Ein idealer Zeitraum für optimale Konzentration. Dagegen sind die fast 80 Minuten einer CD doch erheblich schwerer mit voller Aufmerksamkeit durchzuhören. Das unterstreichen auch jahrelange Befragungen von Kunden in HiFi-Geschäften: Kaum jemand hört eine prall gefüllte CD bewusst durch, oder fängt gar nach Hörabbruch später wieder genau nach 51:20 Minuten an. Oft wird die intensive Beziehung zur Musik früher gehörter Schallplatten mit weniger Ablenkung in vergangenen Zeiten erklärt. Das ist sicher nicht falsch, aber eben auch nur ein Teil des Phänomens. Natürlich hat man damals eine neue Scheibe vielfach genossen, oft auch gern mit zum gemeinsamen Hören bei Freunden präsentiert. Doch verschwindet eine Vinyl-Platte nicht nebenbei in der Jackentasche, wird unter Zeitungen verlegt, oder steckt noch im Autoplayer. Schallplatten präsentierten jahrzehntelang ein hochwertiges, pflegebedürftiges Produkt. Und (fast) jede Scheibe war ein spezielles Stück Kulturgut. Dieses wird, allem Verschleiß zum Trotz, bis heute gerne gebraucht gehandelt. Ein Blick auf die bevorzugt zur fortgeschrittenen Vormittagszeit überfüllte Freiburger Plattenbörse kündet davon.

Frank Geisler, seit ihrer Gründung vor 27 Jahren zuerst "Mittäter" und seit einem Jahrzehnt Hauptverantwortlicher, beobachtet das Geschehen genau. "Seit etwa fünf oder sechs Jahren wächst der Besucherstrom wieder deutlich. Und von 60 Prozent CDs zu 40 Vinyl vor ein paar Jahren hat sich das Verhältnis umgedreht. Wir steuern auf fast zwei Drittel Schallplatten zu." Auf der Plattenbörse, jeweils im Frühjahr und Herbst, bieten private Verkäufer neben Händlern ihre Tonkonserven an. "Gerade von alten Aufnahmen besitze ich selbst lieber das Originalgemälde Schallplatte als den Kunstdruck CD", fügt der besonders an früher Rock- und Country-Geschichte interessierte Veranstalter an. "Ja, das wieder wachsende Interesse an der Schallplatte ist bei uns kaum zu übersehen, wobei Klassik aber kaum auf unserer Börse gehandelt wird. Hier geht Rock und Blues in
allen Variationen, und
auch Jazz ist bei uns laut Händlern erstaunlich stark vertreten". Klassik-Schallplattensammlungen werden oft gar nicht erst öffentlich angeboten. Stirbt ein Besitzer einer guten Klassik-Kollektion, so verraten es die Sammler untereinander ungern. Damit ihnen nicht die Bonbons vor der Nase weggekauft werden.

Derzeit schlägt die Stunde der günstigen Plattenspieler. Während Qualitätsfirmen wie das Lahrer Unternehmen Thorens mit über 600 Mitarbeitern oder Dual aus St.Georgen im Schwarzwald mit über 3000 Angestellten längst in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr existieren, drängt ein neuer Gerätetyp auf den Markt. Solche Spieler mit direktem Anschluss an den USB-Port des Computers aber bleiben für klanglich orientierte HiFi-Freunde ein No Go. Der leider kürzlich verstorbene Entwickler und HiFi-Guru Eugen Stöckl kommentierte das: "Damit kann man die Plattenrille hobeln – aber sauber hören geht weder mit solchen Tonabnehmern noch mit der eingebauten Fernost-Billig-Elektronik. Und zum Plattenlaufwerk selbst muss man beschämt schweigen".

Die Kinderjahre der berillten Scheibe hatten ihren Preis. Die ersten Schellack-Schallplatten kamen 1897 auf den Markt. 1904 kostete in Deutschland eine Platte 2,50 Mark – was richtig teuer war angesichts eines durchschnittlichen Monatsgehaltes von kaum 50 Mark. Erst 1922 nutzte man statt der Gussfertigung Pressverfahren mit mehrfach verwendbaren Matrizen. 1926 stand die erste elektrische Verstärkung zur Verfügung und man musste nicht mehr per Trichter verstärken. Der Siegeszug der Platte begann.

1925 bis 1929 verkauften sich in Deutschland 1,5 Millionen Grammophone. Und 1928 wurden hier bereits 30 Millionen Platten verkauft – wie auch noch einmal im Krisenjahr 1929. Zahlen, die erst wieder 1955 erreicht wurden, denn mit der Weltwirtschaftskrise brach auch der Tonträgermarkt zusammen: Nur fünf Millionen Stück gingen im Deutschland des Jahres 1935 über die Ladentische. Die Langspielplatte aus Vinyl wird – wie die Single – kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erfunden. 1951 auf der Funkausstellung in Berlin finden ein paar Deutsche Grammophon-LPs wegen ihrer Klangqualität und der Unterbringung von ungewohnt viel Musik auf einer Spielseite besondere Aufmerksamkeit. 1952 kommt dann die erste LP auch in Deutschland auf den Markt: Mendelssohn Bartholdys e-Moll-Violinkonzert. 1953 wird auch die 17-cm Single Industriestandard. Ende der 50er Jahre versinkt damit Schellack in Bedeutungslosigkeit.

Mit dem Erscheinen der Beatles in den Sechziger Jahren gewinnt die Schallplatte erstmalig an breiter Akzeptanz und wird zu einer Ikone der Jugendkultur. Während deutsche Eltern in den 1960ern vor ihrem neuen Altar namens Fernseher die Lieblingssessel platzierten, entwickelte sich gewissermaßen nebenan eine – erstmals eigenständige – Jugendmusikszene. Mit Plattenspielern, Verstärkern, Lautsprecherboxen und oft auch jeder Menge Gitarren...

Zurück in die Gegenwart. Heute wünschen Künstler wieder verstärkt von den Vertriebsfirmen, ihre Musik auch als Schallplatte zu produzieren. Aufstrebende Akteure wie die Sängerin Beth Hart fragten in Vertragsverhandlungen nach Veröffentlichung ihrer Alben auf Vinyl, berichtet der Mascot/Provogue Deutschland-Manager Michael Schmitz. In diesem Jahr werden wohl erstmals wieder über 1,65 Millionen Schallplatten verkauft. Bemerkenswert auch, weil der Disko-Markt, der einst mit 600 000 von knapp 800 000 Scheiben die Platte am Leben erhielt, intensiv durch neue Technik ergänzt wird. 150 Millionen CDs, Downloads dazu zeigen, wie viel Musik in Deutschland den Markt bestimmt. An Presswerken dagegen hat Europa nicht mehr viel zu bieten. Pallas bei Diepholz produziert am Tag 10 000 Schallplatten. Mit alten Maschinen, die von hauseigenen Technikern mit Ersatzzubehör aus ausgemusterten Pressen gewartet werden müssen – denn vor geraumer Zeit schon wurden Neubauten unbezahlbar. Record Industry bei Haarlem in Holland ist das größte Werk – und schafft 25 000 Scheiben am Tag.

Je filigraner und sauberer das Granulat für die Schallplatte, desto feiner der Klang. "Virgin Vinyl" nannte man einst erstmalig verwendetes Granulat, ohne übliche Beimischung mit wiederverwendetem Stoff . Hochreines Vinyl wurde vor allem für CD-4 Quadro-Platten, für audiophile Pressungen (wie MFSL), und auch für LPs mit besonderem dynamischen Anspruch (E-Musik) verwendet. Gern wurde auf dem Cover dieser Platten auf das besonders reine, sehr laufruhige Material verwiesen.Ein Teil der Legende guter Japanpressungen resultiert daher. Quadro-Vinyl war eine Domäne des JVC-Konzerns, aber Insidergerüchten zufolge durfte beim Pressen in Asien Material verwendet werden, das hier als gesundheitsgefährdend galt Auch die Vinyl-Verwendung in Deutschland durchlief verschiedene Stadien. Oft wurde versucht, Herstellungskosten zu reduzieren, mit dem Resultat, dass ab dem Schallplatten-Boom etwa 1970 dank Materialknappheit Scheiben nah um die oder gar unter der Minimumgrenze von 100 Gramm verkauft wurden. Mit der Ölkrise von 1973 und Öl-Anteilen im Vinyl hatte das weniger zu tun.

Die besten Platten wurden wohl gegen Ende der Siebziger bis Anfang der Achtziger Jahre veröffentlicht. Eine "Tosca" mit Montserrat Caballé unter Colin Davis aus guter Philips-Pressung – die konkurrierte selbst als 18,90 DM-Angebot mit audiophilen Schallplatten. Die wiederum waren schon immer teuer. Pink Floyds "Dark Side Of The Moon", als UHQR-Scheibe in der Box geliefert, kostete Anfang der Achtziger Jahre bis zu 180 Mark. Dafür erhielt man sorgfältige Arbeit: Eine Überspielung mit halber Bandgeschwindigkeit (Half-Speed), hochwertiger Elektronik, sauberstem Vinyl und vor allem nicht allzu häufig verwendeten, teuren Pressmatrizen sollte besseren Klang garantieren. Welches Preisniveau heute gebrauchte Schallplatten auch Dank Versteigerung im Internet erklimmen können, zeigen diese Beispiele: Für Beethovens Violinkonzert mit Leonid Kogan und dem Paris Conservatoire Orchestra unter Constantin Silvestri, 1960 auf Columbia, wurden im Mai dieses Jahres 5040 Euro gezahlt. Die erste Beatles-LP "Please. Please Me" in seltener Stereoversion wurde im Netz für 14 268 Euro verkauft. Gut 23 400 Euro brachte eine frühe Pressung der gleichen Band, das "White Album" mit der No. 5 in Mono von 1968.

Sie läuft also und läuft. Und die Branche ist darauf eingestellt. "Wir haben schon seit Jahren immer ein Repertoire an gut klingenden Vinyl-Scheiben im Angebot, verzieren mit den Plattencovern auch gern unsere Verkaufsräume", sagt Oliver Gogler. "So ein richtig schöner Plattenspieler", meint der HiFi-Händler in zweiter Generation, "wird nach wie vor gern gekauft. Der Analogfreund schätzt den emotionaleren, wärmeren Ton. Wir halten unser Angebot an guten Apparaten seit Jahren auf konstantem Niveau. Und wir waschen auch Platten. Mancher ist erstaunt, wie gut danach seine Scheibe klingt." Emil Berliner hätte gestaunt.

– Nächste Freiburger Plattenbörse: 10. November im Haus der Jugend, Uhlandstr. 2.

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