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19. Januar 2016

Alles muss jetzt neu gelesen werden

Eine weitere Freiburger Tagung zu Heideggers Schwarzen Heften.

  1. Philosophie im Nazismus? Martin Heideger in den 1930er Jahren Foto: BZ

Als 2014 nach der Publikation von Martin Heideggers Schwarzen Heften der Antisemitismus des Philosophen zum Skandalon wurde, mit dem sich weltweit Kongresse befassten, hielt die Universität Freiburg still. Auch Günter Figal, renommierter Heidegger-Experte, Inhaber des "Heidegger-Lehrstuhls" am Philosophischen Seminar der Freiburger Universität und Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft, wartete ab. Und hat nun, ein Jahr nach seinem Rücktritt vom Vorsitz der Gesellschaft und vier Wochen nach einer Tagung des Fachkollegen und Fakultätsdekans Hans-Helmuth Gander, seinerseits eine Tagung zu den Schwarzen Heften veranstaltet – zusammen mit dem Freiburg Institute for Advanced Studies (Frias), finanziell gefördert von der Fritz-Thyssen-Stiftung. Die Verspätung dieser Parallelaktion hat sich gelohnt: mehr Überblick, mehr Tiefenschärfe und die Ausleuchtung vieler bisher unbeachteter Winkel dieses komplexen Denkens.

In seinem Eröffnungsvortrag nannte Günter Figal die Schwarzen Hefte Heideggers Ecce homo. Anders als in seinen Vorlesungen und anderen Schriften trete hier der Philosoph als Person auf und lege seine Affekte und Vorurteile offen. Homogene Kollektive, allen voran die Juden, tauchten als Akteure der Seinsverlassenheit und Seinsvergessenheit der Moderne auf, ohne Begriff und argumentative Begründung. Bloße Überzeugungen fänden Eingang in Heideggers Denken und machten seine Schwarzen Hefte zu einem unverträglichen Amalgam von Ressentiment und Philosophie.

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Als besonders infames Exempel dafür zog Figal Heideggers Behauptung heran, Edmund Husserl habe aufgrund seiner jüdischen Herkunft keinen Zugang zu "wesentlichen Entscheidungen" gehabt, weil die jüdische "Rasse" in ihrer "leeren Rationalität und Rechenhaftigkeit" dazu nicht fähig sei. Durch diese antisemitische Zuschreibung legitimiere Heidegger sich selbst durch die Herabsetzung des Gegners – und entziehe sich einer philosophisch argumentierenden Auseinandersetzung. Angriff und Ausschluss zeigten sich hier als typische Denkfiguren Heideggers. Die Figal auch in Heideggers Notaten nach 1945 gefunden hat: in seiner Verachtung für die alliierten Sieger, für das den Deutschen "fremde Wesen" der Amerikaner, Engländer oder Russen. Figal zitierte die Formulierung vom "planetarischen Terror der Weltöffentlichkeit, mit dem verglichen die massive Brutalität des geschichtslosen Nationalsozialismus’ die reine Harmlosigkeit" gewesen sei, und nahm sie als Beispiel für die zynischen Überbietungsgesten eines in ideologischer Blindheit unphilosophisch gewordenen Denkens in den Schwarzen Heften. Dessen eingeschriebener Antisemitismus lasse sich auch nicht dadurch relativieren, dass man ihn, wie Friedrich Wilhelm von Herrmann (Heideggers letzter persönlicher Assistent und Hauptherausgeber der Gesamtausgabe wurde weder bei dieser noch bei der Tagung im Dezember gesichtet), als bloße Variante von Heideggers Modernekritik bezeichne und auf wenige Stellen im gesamten Textbestand reduziere: Jede dieser Stellen sei eine zu viel für die Integrität von Heideggers Philosophie.

Die Entschuldigungsformel von den "nur 15 antisemitischen Stellen" auf über 1300 Seiten wurde auch von Gérard Bensussan von der Marc-Bloch-Universität in Straßburg zurückgewiesen. Bensussan, Spezialist für Schelling, Rosenzweig, Lévinas und die Verbindungen zwischen deutscher und jüdischer Philosophie, liest antisemitisches Ressentiment auch in Begriffen wie Intellektualismus, Haarspalterei, leerlaufende Dialektik oder freischwebendes Bewusstsein, also in einem von Heidegger wie Goebbels gebrauchten Vokabular. Dass Heideggers Antisemitismus der biologistische Rassismus fehle und er das Weltjudentum als quasi geistigen Universalfeind einer "abendländischen Haltung" überall hineininterpretiere, vom Christentum über den Amerikanismus und Liberalismus bis zu jeder Art von Kulturbetrieb, mache alles nur noch schlimmer. Bensussan nennt Heideggers Gedanken in den Schwarzen Heften "Philosophie im Nazismus", will damit aber nicht seine gesamte Philosophie entwerten: Alles müsse jetzt aber neu gelesen werden.

Markus Gabriel aus Bonn (er hatte im vergangen Jahr die Onlinepetition gegen die befürchtete Umwidmung und Herabstufung von Figals Lehrstuhl initiiert) kritisierte in seinem Abschlussvortrag sowohl die "unsägliche, nicht zeitgemäße Publikationsform der Gesamtausgabe" als auch den "ungebremsten Wunsch nach Skandalisierung und Verwerfung". Es sei unaufgeklärt, Heidegger als Engel oder gefallenen Engel anzusehen. Auch wenn er streckenweise Brutalität und Vernichtungswillen des Nationalsozialismus preise, verdanke ihm die moderne Philosophie doch viele kritische Impulse. Gabriel verwies auf Habermas, der schon vor einem halben Jahrhundert forderte, mit Heidegger gegen Heidegger zu denken. Heideggers Philosophie sei eben, wie viele andere auch, ein "Konglomerat aus Einsicht und Unsinn".

Einsichten aus Heidegger zu gewinnen, hält auch Figal weiterhin für möglich und produktiv – nur müsse man sich eben Heidegger von außen, von der jeweils zu untersuchenden Sache her nähern. So, als wolle man sein Werk ohne Respekt als Steinbruch nutzen.

Autor: Eggert Blum