Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

07. Januar 2015 14:07 Uhr

BZ-Interview

"Charlie Hebdo"-Chefredakteur Charb im Jahr 2012: "Wir testen Grenzen und überschreiten sie"

Unter den Opfern des Terroranschlags gegen das französische Satiremagazin Charlie Hebdo ist auch dessen Chefredakteur und Zeichner Stéphane Charbonnier alias Charb. Im November 2012 hatte er der BZ ein Interview über seine Arbeit und die Drohungen gegen ihn gegeben.

  1. Charb mit dem Satireblatt Foto: dapd

Er stand lange noch unter Polizeischutz: Der Zeichner und Chefredakteur des Pariser Satireblatts Charlie Hebdo, das im Herbst 2012 Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte – und nun zur Zielscheibe von Terroristen. Stéphane Charbonnier alias Charb würde alles wieder so machen. Mit Charb sprach Michael Neubauer. Hier noch einmal das Original-Interview von damals.

BZ: Monsieur Charbonnier, wie haben Sie in den vergangenen Wochen geschlafen?
Charb: Naja, geht so. Es gab gegen uns einen Mordaufruf im Internet. Und eine Drohung, uns umzubringen, kam offensichtlich von jemandem, der mit einer kürzlich in Frankreich ausgehobenen islamistischen Terrorzelle in Verbindung stand. Aber alles in allem sind wir weniger belästigt und belagert worden von gefährlichen bärtigen Islamisten als von den Medien. Die Medien taten so, als hätten wir einen Skandal ausgelöst wie einst die dänischen Karikaturen. Das war aber nicht so.

Werbung


BZ: Einige Minister warfen Ihnen vor, nach dem Aufruhr wegen eines islamfeindlichen Films weiter Öl ins Feuer zu gießen.
Charb: Alle Zeitungen machten doch Titelgeschichten über diesen in den USA gemachten idiotischen Film. Und wir, als wöchentlich erscheinendes Satireblatt, sollen nicht aktuell arbeiten? Das wäre doch grotesk. Wir würden das genauso wieder machen. Die Reaktion der Politik hat uns am meisten überrascht. Die hatten Panik vor Reaktionen – und provozierten damit genau diese.

BZ: Manche sagten, Sie zielten mit Ihren Karikaturen vor allem auf den Islam.
Charb: Wer das sagt, der liest uns nicht. Wir machen uns lustig über alle Religionen. Wir haben in 20 Jahren 1060 Ausgaben veröffentlicht, darunter waren nur drei Titelseiten über den Islam, die für Probleme sorgten. In derselben Zeit hatten wir 14 Prozesse mit extrem rechten Katholiken, weil wir uns lustig gemacht haben über ihre Religion. Es gab nur einen Prozess mit muslimischen Verbänden. Wir haben mal den Papst auf der Titelseite gezeigt, wie er einen Maulwurf penetriert und sagt, das sei mal was anderes als Chorknaben – das war zum Thema undichte Stelle im Vatikan. Da gab es gerade mal ein paar Protestmails.

BZ: Was ist für Sie der Reiz daran, Religionen aufs Korn zu nehmen?
Charb: Unser Magazin ist der Laizität verschrieben, also der Trennung von Staat und Kirche. Die ermöglicht allen sich frei zu äußern – ob sie glauben oder nicht. Wenn Vertreter von Religionen versuchen, Einfluss auf die Politik zu nehmen, halten wir dagegen. Etwa wenn jetzt Katholiken mit einem extremistischen Vokabular Druck auf unsere Regierung machen, weil diese den Weg für die Homoehe frei machen will.

BZ: Wo sehen Sie die Grenzen der Satire?
Charb: Nur in den Gesetzen meines Staates. Die Leute sagen, wir müssten auch an die Muslime in Afghanistan oder sonst wo denken. Ich sage Nein, denn ich zeichne für meine 45 000 Leser in Frankreich. Ob sich am Ende der Welt ein paar Extremisten über meine Zeichnungen aufregen, ist mir völlig egal.

BZ: Was sagen Sie Leuten, die fragen, warum Sie Mohammed mit nacktem Hintern zeichnen müssen?
Charb: Wir wollen Leute zum Lachen und zum Nachdenken bringen. Wir machen, was wir Satiriker nun mal gerne machen: Grenzen testen und auch überschreiten.

BZ: Ist Satire in diesen Zeiten wichtiger denn je?
Charb: Die Furcht vor Fundamentalisten darf nicht dazu führen, dass Satire unterdrückt wird. Wir müssen aufpassen: Machen wir den Zensoren kleine Zugeständnisse, wollen sie beim nächsten Mal noch harmlosere Zeichnungen. Satiriker müssen Muslime so zeichnen können wie Juden und Christen.Was mich beunruhigt, ist die Selbstzensur der franzöischen Journalisten. Viele bestätigen uns in dem, was wir tun. Aber sie selbst fürchten Reaktionen von Islamisten und schreiben nicht mehr alles, was vielleicht nötig wäre.

– Karikaturist Charb, geboren 1967, war seit 2009 Chef von Charlie Hebdo.

Autor: Michael Neubauer am 03. November 2012