Der Himmel ist für alle da

Hannes Klug

Von Hannes Klug

Fr, 11. Januar 2019

Kultur

Wege zum Dialog: Die Theologische Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg hatte zu einem interreligiösen Studientag eingeladen.

Wer eine Kippa trägt, muss befürchten, auf offener Straße beschimpft zu werden. Jüdische Schüler werden bedroht, jüdische Restaurants angegriffen. Laut einer Studie der EU vom Dezember haben 41 Prozent aller jüdischen Deutschen 2018 Antisemitismus erlebt. Eine erschreckend hohe Zahl. Sicherheitsvorkehrungen, wie sie etwa vor Synagogen üblich sind, findet Annette Böckler, Fachleiterin Judentum am Zürcher Institut für Interreligiösen Dialog, dennoch problematisch. Für sie sind Antisemitismus und auch die Reaktionen darauf bereits Teil einer Außenperspektive auf ihre Religion: Dass Jüdinnen und Juden als verfolgt oder schwach dargestellt würden, sei bereits ein Klischee, ebenso wie Medien oft plakativ ultra-orthodoxe Ausprägungen des Judentums ausstellten: "Damit werden wir bereits als ‚die Anderen‘ gezeigt, dabei wollen wir eigentlich die Gesellschaft von innen heraus aktiv mitgestalten."

Woran liegt es, dass von vielen Religionen so viele Zerrbilder im Umlauf sind? Was wissen wir eigentlich von Glaubensrichtungen, die nicht unsere eigenen sind? Religion ist nicht mehr Privatsache, sondern wieder auf der politischen Tagesordnung gelandet, wenn auch eher unfreiwillig: durch Anfeindungen, Vorurteile, Hetze. Dabei ist es dringend nötig geworden, Stereotype zu unterlaufen und einander über die Glaubensgrenzen hinweg kennen zu lernen. Wie aber kann ein interreligiöser Dialog gelingen, und wie führt er zu einem fruchtbaren Ergebnis? Diese Frage haben fünf Studierende des Fachbereichs Theologie an der Freiburger Uni gestellt und einen Studientag organisiert, an dem sie Vertreterinnen und Vertreter der drei großen monotheistischen Religionen zum "Dialog zwischen Kippa, Kreuz und Kopftuch" mit Workshops und Diskussionen eingeladen haben.

"Wir müssen als Muslime ernst nehmen, dass es nicht eine Wahrheit gibt, sondern viele", sagt Hamideh Mohagheghi, islamische Theologin, die an der Universität Paderborn lehrt. Mit ihrem Wunsch nach einer "Vielfalt der Stimmen" stößt sie auf Zustimmung in der Runde. "In allen Religionen ist Wahrheit zu finden", sagt Günter Riße von der Universität Bonn und sieht Bedarf, auch die Universitäten und den Religionsunterricht in Schulen vielfältig zu besetzen. In seinem Wohnbezirk in Bonn, erzählt er, seien 80 Prozent der Grundschüler muslimischen Glaubens.

In Zeiten, in denen Pegida-Anhänger durch die Innenstädte ziehen, ist gegenseitiges Verständnis gefragt. "Der Islam wird per se als Angeklagter gesehen, der antwortet, und nicht als jemand, der Fragen stellt", so Mohagheghi. Sie gibt sich denn auch große Mühe, Erklärungsmodelle für die Verführungskraft radikaler islamistischer Weltbilder zu finden: Die Perspektivlosigkeit einer Jugend, die in vielen Ländern ökonomisch abgehängt ist, die Verquickung realpolitischer Machtansprüche mit verkürzten religiösen Parolen, Mangel an Bildung oder die Demagogie selbsternannter Religionsführer. Religion, stellt sie klar, kann nicht ohne Politik diskutiert werden. Annette Böckler unterstreicht diesen Standpunkt: Statt zu fragen, wie man in den Himmel komme, sei es besser zu überlegen, wie man einen positiven Beitrag für diese Erde leisten könne. So wird denn auch das konfessionslose Drittel der Deutschen in den interreligiösen Dialog mit einbezogen.