"Der mündige Bürger lässt sich nicht mundtot machen"

Bettina Wieselmann

Von Bettina Wieselmann

Mo, 03. April 2017

Kultur

Der Theodor-Heuss-Preis 2017 wurde an Timothy Garton Ash verliehen / Asli Erdogan in Abwesenheit geehrt.

Weil sich die Zivilgesellschaft um eben jene Voraussetzungen kümmern muss, von denen der freiheitliche Staat lebt, die er aber nicht garantieren kann, gibt es seit 1965 den renommierten Theodor-Heuss-Preis. Zivilcourage, demokratisches Handeln, Einsatz fürs Gemeinwohl werden von der nach dem ersten Bundespräsidenten benannten, überparteilichen Stiftung ausgezeichnet. 2017 heißt das Motto: "Anerkennung im Streit – Idee der demokratischen Öffentlichkeit."

Und geehrt wurde am Samstag in Stuttgart der britische Historiker und Publizist Timothy Garton Ash (61). Der "englische Europäer", der auch den diesjährigen Aachener Karlspreis erhalten wird, hat zuletzt mit seinem Buch "Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt" in die aktuelle Debatte eingegriffen: "Die Freiheit, seine Meinung äußern zu können, ist nicht eine von vielen Freiheiten. Sie ist die Freiheit, von der alle anderen Freiheiten abhängen." Inzwischen wirbt der "überparteiliche Liberale" weltweit für Meinungsfreiheit. Wie "bedrückend" (Ash) die Erfahrung der an vielen Orten immer weiter zurückgedrängten Redefreiheit ist, machte in Stuttgart der Umstand deutlich, dass die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan zur Entgegennahme der Theodor-Heuss-Medaille nicht ausreisen durfte und sich nur mit einer viel beklatschten Videobotschaft an das Auditorium wenden konnte.

Nach monatelangem Gefängnisaufenthalt ist die 50-Jährige wegen angeblicher Terrorpropaganda angeklagt. "Völlig schockierend" nannte Ash den Angriff auf die Meinungsfreiheit in der Türkei. Aber auch innerhalb der EU, in Polen oder Ungarn zum Beispiel, gewinne der "Antiliberalismus als bewusste Reaktion auf die Ausbreitung des Liberalismus" an Boden. "Wo bleibt die normative Kraft der EU?", fragte der profunde Europa-Kenner besorgt. Gleichzeitig unterstrich er: "Der mündige Bürger lässt sich nicht mundtot machen." Demokratische Öffentlichkeit setze aber voraus, dass alle einander zuhören und einen gemeinsamen Weg zur Erkenntnis beschreiten wollen. Als "Grundhaltung eines Liberalen in antiliberalen Zeiten" gelte es, selbstkritisch, aber auch standhaft die Kräfte des Illiberalismus und des Antiliberalismus zu bekämpfen. Ebenfalls mit der Heuss-Medaille ausgezeichnet wurden die Journalistin Dunja Hayali, die als Kritikerin von AfD und Pegida mit deren Anhängern das Gespräch sucht. Geehrt wurden auch der Pressesprecher der Münchner Polizei, Marcus da Gloria Martins, der während des Amoklaufs im Sommer 2016 durch besonnene Kommunikation die Situation deeskalierte und der vorpommersche Staatssekretär Patrick Dahlemann, der in rechtslastigem Umfeld unermüdlich den Dialog sucht.