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01. Oktober 2016

Der Nestor der modernen deutschen Militärgeschichte

Zum 90. Geburtstag des Historikers Manfred Messerschmidt.

  1. Manfred Messerschmidt Foto: Rita eggstein

Er ist der Nestor der modernen Militärgeschichte, er hat die deutsche Militärgeschichte wieder wissenschaftlich hoffähig gemacht: Am heutigen Samstag wird Manfred Messerschmidt, der frühere Leiter des damals noch in Freiburg ansässigen Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, 90 Jahre alt.

Seine Jugend war noch in das Untergangsszenario des Dritten Reiches involviert: Mit 16 Jahren Flakhelfer, anschließend Reichsarbeitsdienst, Mitte 1944 Einberufung zur Wehrmacht. Nach kurzer US-Gefangenschaft 1945 machte er 1947 das Abitur. Das folgende Geschichtsstudium beendete er 1954 in Freiburg mit der Promotion bei Gerhard Ritter, einem der renommiertesten konservativen Gelehrten seiner Zeit. Anschließend drückte Messerschmidt noch einmal die Universitätsbank und absolvierte ein Studium der Jurisprudenz, das er 1959 mit dem ersten und 1962 mit dem zweiten Staatsexamen abschloss. Als er im selben Jahr in das Freiburger Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) eintrat, bedeutete dies eine wissenschaftliche Ausrichtung der besonderen Art. Die Militärhistorie hatte sich im Schatten zweier Weltkriege als eine an den Bedürfnissen der Streitkräfte orientierte Disziplin derart kompromittiert, dass ihr die Etablierung an den der Freiheit von Forschung und Lehre verpflichteten Universitäten versagt blieb. Nach politischem Willen sollte sie aber als Auskunftei zur Vergangenheitsbewältigung integraler Bestandteil des historischen Gedächtnisses bleiben. Deshalb zählte die Darstellung des letzten Krieges in seiner politischen, militärischen, ökonomischen und sozialen Dimension zu den primären Aufgaben des MGFA.

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Messerschmidt war bereits über Gerhard Ritter mit der Militärhistorie in Berührung gekommen, der sich mit dem Verhältnis von "Staatskunst und Kriegshandwerk" befasst hatte. Als sein Schüler sich dem Spannungsverhältnis von NS-Regime und Streitkräften zuwandte, passte dieses Thema exakt in den Forschungsrahmen des MGFA. Mit seinem bereits 1969 vorgelegten Buch "Die Wehrmacht im NS-Staat" verdeutlichte Messerschmidt die enge Vernetzung zwischen Hitler-Regime und Militär, insbesondere hinsichtlich der Kriegsverbrechen. Das gültige Bild von der "sauberen Wehrmacht" verschwand in der mythologischen Besenkammer. In Symbiose seiner fachlichen Qualifikation als Historiker und Jurist befasste sich Messerschmidt mit der Militärjustiz, was ihm zu internationaler Reputation verhalf, ihn aber auch zum angefeindeten homo politicus stilisierte. Bekanntlich wurde Hans Filbinger 1978 bezichtigt, als Marinerichter Todesurteile gefällt zu haben, was sich schließlich bestätigen sollte. Erweisen sich seine Urteile schon als furchtbar genug, weil er das Prinzip "im Zweifel für den Angeklagten" missachtet hatte, so lag das eigentlich Erschütternde der Affäre in der Selbstentwürdigung des Politikers und Menschen Filbinger. Sie trat in seiner Verteidigungsformel, dass "heute nicht Unrecht sein kann, was gestern Recht" war, zutage. Und so ist es verständlich, dass Messerschmidt die von Filbinger persönlich vorgetragene Bitte um ein bestätigendes Gutachten ausschlug. Stattdessen engagierte er sich in den 80er Jahren in der Waldheim-Kommission. Diese sollte aufklären, ob der österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim nicht nur "ein Pferd der SA geritten" hatte, sondern Steigbügelhalter der NSDAP gewesen und in Kriegsverbrechen verwickelt war. Das internationale Gremium entkräftete zwar die letztgenannte Anschuldigung, löste aber eine längst überfällige innerösterreichische Debatte über die NS-Vergangenheit der Alpenrepublik aus.

Ende 1971 übernahm Messerschmidt die wissenschaftliche Leitung des MGFA. Große Forschungsprojekte erhielten nun eine moderne inhaltliche Ausrichtung. So wurde eine zehnbändige Geschichte über "Deutschland im Zweiten Weltkrieg" auf den Weg gebracht, die das interdependente Verhältnis von militärischem Geschehen und Gesellschaft zum Inhalt hat. Die "Anfänge westdeutscher Sicherheitspolitik" (vier Bände) verstehen sich nicht nur vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, vielmehr auch der innerdeutschen Auseinandersetzung um Wiederbewaffnung in Reflexion der katastrophalen militärischen Vergangenheit. Die in der Ära Messerschmidt angeregten, konzipierten und inhaltlich gestalteten Studien besitzen nach wie vor Richtung weisenden Charakter für eine gesellschaftsbezogene Militärhistorie, die, auch ein Novum, über zahlreiche weibliche Repräsentanten verfügt. Heute gibt es wieder einen militärgeschichtlichen Lehrstuhl in Potsdam und einen Schwerpunkt des renommierten Münchner Instituts für Zeitgeschichte.

Der Autor (78) lehrte als außerplanmäßiger Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg, war von 1994 bis 2003 Direktor, Professor und Leiter
der Abteilung Forschung des MGFA in Potsdam.

Autor: Hans-Erich Volkmann