Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

05. September 2015 00:02 Uhr

Kulturgut

Der Wert einer eigenen Handschrift

Müssen Kinder heutzutage überhaupt noch Schreibschrift lernen – oder sollte man ihnen nicht viel eher beibringen, rasch und fehlerarm auf einer Tastatur zu tippen?

  1. Für viele Kinder gar nicht so einfach: Schreiben lernen Foto: dpa

  2. Daumentippen auf dem Handy Foto: dpa

Am Anfang sind die Buchstaben ein Spiel. Und oft ist es der eigene Name, den Kinder damit zuerst formen wollen. Schon einem Vierjährigen ist es wie Zauberei, dass aus ein paar hingemalten Zeichen etwas wird, das einen vertrauten Klang und eine Bedeutung hat: Dieses Wort – das bin ja ich. Wie stolz sind die Kinder, wenn sie lesen und schreiben können! Auch Schriftsteller haben klein angefangen.

Niemand vermisst die Zeit des strengen Frontalunterrichts, wie man sie etwa im Schulmuseum in Friedrichshafen besichtigen kann. Mit Neugier und leichtem Schaudern gehen die Kleinfamilien durch die original möblierten Klassenzimmer von anno 1900 und 1930, Mütter wie Großväter klemmen sich in die engen Schulbänke und denken: Wie schön, dass es heute nicht mehr so hart zugeht wie unter Kaiser Wilhelm. Unsere Kids haben’s doch besser – ohne quietschende Griffel beim Schönschriftüben auf der Schiefertafel.

Gute Handschriften werden allerdings auch immer seltener. Doch wozu braucht der junge Mensch in den Zeiten der digitalen Revolution überhaupt noch Kenntnisse wie Handschrift, Kopfrechnen und Rechtschreibung? Was manche schon als überflüssigen Ballast abtun, verteidigen andere als unersetzbare Basis jeden Lernens, ja von Bildung überhaupt.

Werbung


Schon seit Mai 2010 läuft durch Deutschlands Klassenzimmer eine kaum öffentlich gewordene "Experimentierwelle". Der Grundschulverband, der seinerzeit die mittlerweile gescheiterte "Vereinfachte Ausgangsschrift" durchsetzte, schlug den Bundesländern vor fünf Jahren die sogenannte Grundschrift als Ersatz vor. Auch die Lateinische Ausgangsschrift und die Schulausgangsschrift wurden in gleichem Maße als nicht praktikabel gescholten.

Doch das, was die bislang praktizierten Anleitungen zum verbundenen Schreiben offenbar nicht leisten konnten, sollen die Schüler nun selbst leisten und verantworten. Aus den als Erstes erlernten Buchstaben sollen sie sich eine verbundene Schrift in Eigenregie zusammenbasteln. Als Anregung dienen ihnen dabei kleine Häkchen an den Lettern a, d, h, i, k, l, m, n, p, t, u. Das war’s! Elf kleine Häkchen unterscheiden die Grundschrift von der Druckschrift!

Professor Erika Brinkmann (Schwäbisch Gmünd) plädiert seit Jahren unverblümt für die Abschaffung der bisher gelehrten Schreibschriften: "Angesichts der nicht befriedigenden Ergebnisse des herkömmlichen Schreibunterrichts muss gefragt werden, womit der zusätzliche Aufwand für die jeweiligen Schreiblehrgänge zu rechtfertigen ist", schrieb die Sprachwissenschaftlerin im Mai auf der Homepage der GEW Baden-Württemberg. Sie behauptet: "Der Zwang, Wörter in einem Zug zu Papier zu bringen, führt bei den Schreibenden leicht zu einer Erhöhung des Schreibdrucks und zu Verkrampfungen der Hand." Und fragt gleich im nächsten Satz suggestiv: "Ist das Schreiben mit der Hand heute überhaupt noch wichtig – oder sollen die Kinder stattdessen lernen, wie man rasch und fehlerarm auf einer Tastatur tippt?" Das ist in der Tat die Frage, um die sich der Konflikt letztlich dreht.

Das von der deutschen Kultusministerkonferenz vorgegebene allgemeine Lernziel lautet zwar nach wie vor: Schüler sollen in der vierten Klasse "eine gut lesbare Handschrift flüssig schreiben". Die meisten Bundesländer überlassen es den Grundschulen jedoch selbst, zu entscheiden, wie sie das tun – also welche Art von Schreibschrift sie den Kindern zusätzlich zur vorgeschriebenen Druckschrift vermitteln wollen. Hamburg schaffte schon 2011 de facto das Lehren der Schreibschrift ab und erlaubte die neue Ersatzmethode – allen Protesten zum Trotz. Auch in Thüringen und Nordrhein-Westfalen müssen die Grundschüler nur noch die Druckschrift beherrschen.

Bayerns Lehrer lehnen die "Reform" dagegen bisher mehrheitlich ab. Der Vorsitzende des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, Klaus Wenzel, sagte vor zwei Jahren: "Ich bin sehr dafür, dass junge Menschen im Jahr 2013 lernen, wie man mit verschiedenen technischen Medien umgeht, um Schriftstücke zu erstellen. In gleicher Weise bin ich aber auch dafür, dass wir bei aller Begeisterung für diese modernen Schreibmedien nicht vergessen, dass es eine Handschrift gibt, die eine jahrtausendelange Tradition hat und die ja nicht unnötig geworden ist." Womit er wohl auch den meisten Eltern aus der Seele spricht. Nicht nur in Bayern.

Mittlerweile hat die Freiheit, es in jedem Bundesland anders zu regeln, wie unsere Abc-Schützen zu Schrift- und Kulturerwerb gelangen sollen, einen didaktischen Wirrwarr erzeugt, der ältere Experten bereits an das fürchterliche Gezerre um die Rechtschreibreform oder an die Mengenlehre erinnert. Das lautlose, verdeckte Verschwinden der Schreibschrift aus den Schulen wird zunehmend zum Skandal.

In 16 Grundschulen Baden-Württembergs ist mit dem letzten Schuljahr eine vierjährige Erprobungsphase der Grundschrift zu Ende gegangen. Die Ergebnisse dieses Versuchs will das Stuttgarter Kultusministerium erst im Herbst veröffentlichen. Wie Sprecherin Christine Sattler auf unsere Anfrage hin mitteilte, stehe aber schon fest, dass die an dem Flächentest beteiligten Schulen so weitermachen dürfen.

Das sieht nach einer Vorentscheidung aus, zumal die im Sommer 2014 auf Nachfrage einiger CDU-Abgeordneter gegebene Zwischenbilanz (schon nach dem 2. Schuljahr!) auffallend positiv ausfiel: "Die Handschriften der Schülerinnen und Schüler sind gut gegliedert und gut lesbar." Probleme mit der Unterscheidung von Groß- und Kleinbuchstaben oder Schwierigkeiten beim Schreiben auf der Grundlinie träten nur in Einzelfällen auf.

Alles in Ordnung? Wohl kaum. Laut einer Umfrage des Deutschen Philologenverbands vom Frühjahr 2015 gaben immerhin 79 (!) Prozent der 2000 befragten Lehrkräfte an, dass ihre Schüler erkennbar schlechter schrieben als in früheren Jahren. Kein gutes Zeichen, eigentlich ein Alarmsignal. Wird es von der Politik ignoriert? Die Debatte über das Für und Wider der Schreibschrift, sie scheint den Bildungspolitikern eher lästig. Eine begleitende, systematische Erfolgskontrolle in den Klassen findet kaum statt. Der Grundschulverband ist für die Grundschrift, der Philologenverband ist dagegen, und die Lehrergewerkschaft GEW erscheint in der Frage tief gespalten.

Es ist vor allem einer engagierten Lehrerin aus Westfalen zu verdanken, dass es derzeit überhaupt verwertbare Erkenntnisse über die verheerenden Folgen einer verfehlten Schriftdidaktik und ihrer Verharmloser gibt. Frau Anna Maria Schulze Brüning unterrichtet an der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Hamm die Fächer Kunst und Französisch. Sie weiß, wie gern die Kinder eigentlich schreiben lernen, wie dankbar sie sind, wenn man es ihnen zeigt. Sie kennt auch die Not der Kinder, die mit nicht gefestigten Handschriften – unleserlichen Druckschriften sowie entgleisenden Schreibschriften des Typs "Vereinfachte Ausgangsschrift" – die weiterführenden Schulen erreichen.

In Eigeninitiative hat die beharrliche Pädagogin 1000 Schriftproben von Schülern der 5. und 6. Klasse untersucht und kam zu dem erschütternden Ergebnis: Jeder sechste dieser Schüler hat eine unlesbare oder kaum entzifferbare Handschrift. Damit fehlt aber das wichtigste Handwerkszeug zum Erstellen von Mitschriften, Klassenarbeiten und Klausuren, was zu erheblichen Beeinträchtigungen bis in die Studienzeit führen kann.

Schreiben mit der Hand ist aber nicht nur (immer noch) schulische Realität. Schreiben heißt auch Lernen, Behalten, Erinnern. Und wie kommen Jungen und Mädchen heute wie gestern zu einer lesbaren, flüssigen, vielleicht sogar schönen Handschrift? Vor allem durch die richtige Anleitung und Übung, aber keineswegs durch wildes Experimentieren mit Buchstabenformen und Verbindungen. Üben kostet Zeit, doch diese steht angeblich nicht mehr zur Verfügung. Die Lehrpläne sind überladen mit Inhalten, die für wichtiger erachtet werden als der Erwerb einer flüssigen Handschrift als Grundvoraussetzung des Schreibens.

Die Kritik der zweifachen Mutter läuft letzten Endes auf den Vorwurf hinaus: Immer mehr Kindern wird – meist aus Unkenntnis der langfristigen Folgen – das professionelle Erlernen einer Handschrift vorenthalten – und das beschädige nachhaltig ihre Chancen auf schulischen Erfolg. Mit der Grundschrift werden Schüler allein gelassen, so Schulze Brüning. Rudimentäres, unkoordiniertes Schreiben sei häufig die Folge. Völlig unnötig bleibe die Handschrift unter Niveau, wenn die Kinder keine gute, geduldige Anleitung finden, etwa schon, wie sie den Stift richtig halten. Die Frustration beim Schreiben führe dann zwangsläufig zu wachsenden Defiziten beim Lernen, besonders bei den Jungen: "Die Handschrift wird dem Schüler zum Schicksal."

Die Kunstlehrerin befürwortet ausdrücklich das Beherrschen der Tastatur. "Dennoch ist die Tastatur nicht das geeignete Medium des Schriftspracherwerbs. Es spricht nicht alle Sinne an, vor allem nicht das motorische, prozedurale Gedächtnis." Der Grund: "Auf einer Tastatur formt der Schüler kein Zeichen selbst, er zeigt nur auf Buchstaben." Er "begreift" die Buchstaben, Silben, Wörter im wahrsten Sinne des Wortes nicht. In der Entwicklungsabfolge ist das so, "als ob man ein Kind auf ein Bobbycar setzt, bevor es laufen kann".

Bei Orwell begann die Rebellion mit einem Füllfederhalter
Wozu braucht der Mensch eine gut lesbare Handschrift? Für das ausdrucksfähige Bewerbungsschreiben, für die Unterschrift auf jeder Urkunde bis hin zum Testament. Für schnelle Notizen unterwegs. Um die Briefe der Großeltern später noch lesen zu können. Um selber überhaupt Briefe schreiben zu können. Wer weiß, wie viel handgeschriebene Briefe über den Schreiber im Moment des Schreibens verraten, nämlich Liebe, Freude, Scham, Angst und Wut – der wird nie bereit sein, auf solche Zeugnisse menschlichen Lebens zu verzichten.

Und der ungeheure Verdacht nimmt Gestalt an: Die Schreibschrift soll künftig nur noch als Privileg der Eliten fortleben. An den bereits heute boomenden Privatschulen können Führungskräfte in spe mit dem Montblanc-Füller die schwungvolle Signatur üben, während die große Masse nur die Kenntnisse bekommt, die auch Analphabeten genügen, um ein Smartphone zu bedienen und Pizza online zu bestellen.

Wer aber nicht richtig lesen und schreiben kann, kann auch politisch kaum mitreden. Eine eigene Handschrift ist Ausdruck von Persönlichkeit und Autonomie in einer vernetzten, kontrollierten Welt. Es gibt sie nicht als Download.

Worin bestand in George Orwells berühmten Roman "1984" der erste Akt der Rebellion gegen Big Brother? Winston Smith suchte sich in seiner Wohnung einen Platz außer Reichweite des Überwachungsmonitors, holte einen alten Füllfederhalter aus dem Versteck und begann, den totalitären Schrecken in ein Tagebuch zu schreiben ...

Autor: Stephan Clauss