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09. März 2017

BZ-Interview

Die Soziologin Eva Illouz über die israelische Gesellschaft

BZ-INTERVIEW mit der Soziologin Eva Illouz über den Zustand der israelischen Gesellschaft.

  1. Eva Illouz Foto: Susanne Schleyer

Israel feiert im Juni den Sieg im Sechs-Tage-Krieg vor 50 Jahren. Wie dieser den jüdischen Staat verändert hat, was die Herrschaft über ein anderes Volk bedeutet und warum Premier Netanjahu und US-Präsident Trump mehr miteinander gemein haben, als man auf den ersten Blick erkennt, darüber sprach Inge Günther mit der in Jerusalem lehrenden Soziologin Eva Illouz.

BZ: Frau Illouz, der Sieg im Sechs-Tage-Krieg war der Beginn der bis heute anhaltenden Besetzung palästinensischer Gebiete. Wie hat die Herrschaft über ein anderes Volk die israelische Gesellschaft beeinflusst?
Illouz: Zu Beginn hielt man die Besatzung für eine temporäre Erscheinung. Israel hatte gewonnen, aber erkannte an, dass es internationale Gesetze gibt, an die jeder gebunden ist. Dieser Respekt hat sich massiv gewandelt. Wir sehen das in Untersuchungen über junge Leute. Sie denken, Demokratie ist nur für Juden, und dass das Versagen von Minderheitenrechten dazu nicht im Widerspruch steht. Es ist eine totale Verzerrung dessen, was Demokratie heißt, die mit Universalismus einhergeht.

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BZ: Es gibt ein widersprüchliches Phänomen in Israel. Auf der politischen Ebene sind antiarabische Slogans populär. Aber das Volk hat zugleich ein Faible für arabische Kultur entdeckt. Junge Israelis rennen in Konzerte mit arabischer Musik, rauchen Schischa und besuchen Bauchtanz-Festivals. Wächst der Wunsch, zum Orient gehören zu wollen?
Illouz: Nicht das, was wir tun, macht Identität aus, sondern das, was wir uns vorstellen. Die Mehrheit der Juden in Israel stammt aus arabischen Ländern. Sie würden sich niemals "Juden arabischer Abstammung" nennen. Diese sephardischen Juden, Misrahim genannt, die in immenser Weise vom europäischen Establishment ausgeschlossen wurden, suchen eine Antwort darauf. Noch heute sind sie kaum in Universitäten zu finden.

BZ: Außer Ihnen...
Illouz: Ich bin in Frankreich aufgewachsen. Es wäre politisch schlau gewesen, hätten die sephardischen Juden sich mit der arabischen Minderheit in Israel zusammengetan, um vereint ihre Rechte einzufordern. Aber das war für sie unmöglich, weil Juden in Israel ihre jüdische Identität als primär begreifen.

BZ: Heißt das, aus der Schischa <Wasserpfeife: Anm. d. Red.> wird ein israelisches Nationalsymbol? Wie es arabischen Gerichten wie Humus und Falafel ergangen ist?
Illouz: Alle Nationen erfinden ständig neue Traditionen. Es gibt einen starken Drang, uns lokal zu verorten, um uns zugehörig zu fühlen. Mit den Jahren ist das Jüdischsein immer wichtiger geworden, selbst wenn es im arabischen Kostüm geschieht. Alles dreht sich darum, "genug jüdisch zu sein". Netanjahu hat das vorgemacht und damit die Juden von der Welt isoliert.

BZ: In einem Essay über Hannah Arendts These von der "Banalität des Bösen" werfen Sie die Frage auf: "was, wenn überhaupt, hat Israel zu einem bösen Staat gemacht". Ist der Begriff nicht zu toxisch für eine rationale Debatte?
Illouz: Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde die Analogie zur Nazi-Politik grotesk. Ich diskutiere nicht mit jemandem, der Israel mit Nazi-Deutschland vergleicht. Im Unterschied zu einigen linken Freunden denke ich, dass das jüdische Volk 1948 das politische wie moralische Recht auf eine eigenen Nationalstaat hatte. Als das meistverfolgte Volk der Geschichte waren die Juden dazu berechtigter als andere Völker. Außerdem gab es den UN-Teilungsplan des historischen Gebiets Palästina. Was die Juden taten, war legitim. Nur: Israel hat sein moralisches Recht untergraben, indem es sich in ein illegitimes koloniales Projekt der Okkupation begab.

BZ: Worin besteht "das Böse"?
Illouz: In meinen Augen ist die Besatzung die Bürokratisierung des Bösen. Wenn man das Leben anderer mit Waffengewalt, Inhaftierung, Reiseblockaden dominiert und ein erheblicher Teil der israelischen Gesellschaft dies nicht wahrnimmt oder rechtfertigt, gerät man in diese Kategorie. Das Böse beginnt mit dem Blindsein gegenüber nackter Gewalt.

BZ: Welche Rolle spielt die Siedlerbewegung?
Illouz: Anfänglich war sie wie Donald Trump. Niemand nahm sie ernst. Die Siedler wurden gesehen wie Typen aus La-La-Land. Dass sie nahezu ungehindert in höchste Regierungskreise vorstoßen konnten, ist vor allem ein Versagen der Linken. Bis in die siebziger Jahre kontrollierte die israelische Arbeitspartei das Land: Gewerkschaften, Krankenversicherung, Medien, Unternehmen und Regierung. Die sephardischen Einwanderer lebten in Armutszentren der Peripherie. Sie taten, was amerikanische Arbeiterklassen jetzt auch getan haben: Sie revoltierten gegen das System, angeheizt von der Demagogie der Rechten.

BZ: Das brachte 1977 in Israel den konservativen Likud unter Menachem Begin an die Macht. Warum hat die Arbeitspartei so wenig daraus gelernt?
Illouz: Begin war der erste europäische Jude, der den sephardischen Juden erklärte: Ihr seid meine Brüder. Das hat funktioniert, so wie jetzt Arbeiter in den USA überzeugt sind, dass Trump sich um sie kümmert. Die israelische Linke hatte es verdient, von Begin geschlagen zu werden – so wie sie die Misrahim außen vorließ und auf ihre Kultur herabsah. Sie repräsentieren die städtische Bourgeoisie, die sozial privilegierten Kibbuzim. Dem Likud gelang der populistische Schritt, sich als Heimat des "wahren Volkes" auszugeben.

BZ: Begin war überzeugter Demokrat.
Illouz: Dann kam Netanjahu, ein Demagoge und Populist. Er hat die demokratische Rechte liquidiert und aus dem Likud eine rassistische Siedlerpartei gemacht.

Eva Illouz, 1961 in Fès geboren, wuchs in Frankreich auf, studierte in Paris und in den USA. Seit 2006 ist sie Professorin für Soziologie und Anthropologie an der

Hebräischen Universität Jerusalem.

Autor: gü