Die Weltzentrale

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Sa, 19. Februar 2011

Kultur

Rudolf Steiner schuf sich ein solides Gehäuse für seine Lehre: Ein Besuch in Dornach zum 150. Geburtstag des Gründers der Anthroposophie.

Der erste Blick: ungläubiges Staunen. Der erste Eindruck: eine moderne Festung, ein riesiger Bunker, von schwerer Masse und doch zugleich unwirklich wie eine Fata Morgana. Ein Fremdkörper aus grauem Beton vom anderen Stern, über diesen kleinen biederen Schweizer Ort mit seinen 6300 Einwohnern, seinen zwei Kirchen und seinen zahlreichen Vereinen gelegt. Eine eigene Welt, die auf der Homepage der Gemeinde Dornach im Kanton Solothurn nur notdürftig Erwähnung findet. Die Bevölkerungszahl sei durch die Ansiedlung der anthroposophischen Bewegung positiv beeinflusst worden, heißt es da lapidar. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als Rudolf Steiner durch das Angebot eines ansässigen Zahnarztes die Chance erhielt, hier das Zentrum für seine Weltanschauung zu errichten, verdoppelten sich die Einwohner Dornachs. Die Spannungen, die daraus entstanden sein müssen, sind heute noch greifbar. Um die Weltzentrale der Anthroposophie herum, das machtvolle Goetheanum, haben sich die Anhänger von Steiners Lehre angesiedelt und seine Ideen von Architektur im bescheidenen Format Stein werden lassen. Wenn man durch die Straßen fährt, begegnet man Menschen, die so gekleidet sind, wie man es von Anthroposophen erwartet: in bunten Naturstoffen mit nicht eben körperbetonten Schnitten.

Die Ghettoisierung der anthroposophischen Gemeinde in Dornach, sagt Wolfgang Held, sei früher schlimmer gewesen. Heute lebe es sich entspannter. Wolfgang Held, ein schmaler, blasser Mann mit klugen Augen, ist im Goetheanum für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Er empfängt die Besucherin nicht im Büro, sondern sitzt mitten im hellen, luftigen Empfangsraum des Gebäudes, das von innen eine ganz andere Ausstrahlung hat als von außen. Man schaut durch die großen Fenster hinaus in eine vorfrühlingshafte Parklandschaft, ein paar Kinder rechen die letzten Blätter des Herbstes zusammen, weiter weg, auf einem Hügel, hat sich in der schon intensiven Sonne eine Gruppe Jugendlicher versammelt. Kommen sie aus dem Dorf oder sind sie Gäste des Goetheanums? Egal. In die Ruhe des Steinerschen Zauberbergs mit dem von Plastiken im Geist des Gründers umsäumten Steiner-Archiv, mit dem floralen Betonturm des Blockheizkraftwerks und der verkleinerten Nachbildung des ersten Goetheanums in Sichtweite sind alle eingelassen, die sich hier aufhalten. An einem normalen Wochentag wie diesem ohne Tagung oder andere Veranstaltung sind es wenige. Aber unter diesen wenigen finden sich auffallend viele Junge. Die weitläufigen Freiflächen um das Gebäude herum bieten reichlich Platz für Flaneure. Warum sie so kahl sind, keine Bäume und keine Blumenkübel die Natur näher an den Monolithen bringen: Darauf weiß auch Wolfgang Held keine rechte Antwort.

Und das will etwas heißen. Denn Wolfgang Held ist ein großartiger Botschafter der Lehre Steiners und ihrer Manifestation in Beton. Großartig, weil er trotz seines Durchdrungen- seins vom Gedankengut der Anthroposophie Struktur und Leitidee des Goetheanums – das Rudolf Steiners Hausgott Johann Wolfgang von Goethe, dem Dichter und Naturkundler auf der Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, die Reverenz erweist – auch für den Nicht-Steinianer nachvollziehbar machen kann. Wie viele Heranwachsende war Held, was er nur kurz streift, in seiner Jugend auf der Suche nach etwas, das größer ist als der materielle Konsum.

Anstelle einer christlichen Prägung geriet er ins Magnetfeld der überkonfessionellen Anthroposophie, die sogar in muslimischen Ländern wie Ägypten ihren Einfluss entfaltet.

In diesen Tagen schaut man ja besonders auf dieses Land im Aufbruch, in dem sich der alternative Nobelpreisträger Ibrahim Abouleish unter dem Motto "Wirtschaft der Liebe" schon lange der ökologischen Landwirtschaft verschrieben hat.

1000 anthroposophische Schulen und 2000 anthroposophische Kindergärten gibt es weltweit. Die Gesellschaft für Anthroposophie, die in Dornach natürlich ihren Hauptsitz hat, zählt 50 000 Mitglieder. Die Bewegung, weiß der berufene Experte zu berichten, 800 Kolloquien, Tagungen und Kurse finden jährlich im Allerheiligsten der Lehre statt – e am Tag zuvor haben sich hier 700 Landwirte versammelt, die mit anderen Problemen zu kämpfen haben als mit Dioxin. Seit der Finanzkrise, sagt Wolfgang Held, expandiert besonders das anthroposophische Bankwesen. Die vor 30 Jahren gegründete GLS-Bank, die als erste ethisches Banking betreibt, hat gewaltigen Zulauf. Kein Wunder für Wolfgang Held, waren die antroposophischen Banker doch die einzigen, die sich an der Spekulationsblase um faule Immobilienkredite nicht beteiligt haben. Denn Zins für Geld zu nehmen, widerspricht Rudolf Steiners Überzeugungen. Wie ein Apfel verdirbt, wenn er nicht gegessen wird, erklärt Wolfgang Held das Prinzip der Steinerschen Geldwirtschaft, sollte Geld nicht gehortet, sondern in den Umlauf gebracht werden: Sogar einen Negativzins für angehäufte Finanzreichtümer hat er vorgesehen. Reizvolle Vorstellungen, die im globalen Turbokapitalismus so weltfremd wirken wie das Goetheanum in Dornach.

In der Kathedrale der Anthroposophie hat auch das Hirn der Bewegung, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaften mit ihren elf Sektionen ihren Sitz. Wolfgang Held möchte die Institution, die anthroposophische Medizin, Landwirtschaft, bildende Künste (Architektur, Plastik, Malerei), Zeitkünste (Schauspiel, Eurythmie, Musik, Figurenspiel), Naturwissenschaft, Mathematik/Astronomie, Sozialwissenschaften und Jugend vereint, als Zukunftslabor sehen. Für diesen Gedanken gerät er fast in Rage – soweit man bei einem nach der Balance von innen und außen, Mensch und Natur, Ich und Anderen strebenden Gemüt davon sprechen kann. 150 Jahre nach Rudolf Steiners Geburt – am 26. Februar 1861 – befinde sich die Anthroposophie in einer schöpferischen Krise, sagt Wolfgang Held. "Sie muss auf eigenen Füßen laufen lernen". Wie sie sich aber von ihrem Übervater Steiner, dem "Genie" (Held) lösen kann, bleibt im Gespräch im Vagen. Dass Steiner’sches Gedankengut längst in der Mitte der Gesellschaft und ihrem Ratgeberwesen angekommen ist, daran besteht ja kein Zweifel. Doch ob die geistige Dimension der Lehre, die wie jede spirituelle Bewegung davon ausgeht, dass mehr ist hinter der Oberfläche der Erscheinungen, als der gemeine Verstand sich vorstellen kann, in der säkularen Konsumgesellschaft Widerhall findet, ist zweifelhaft. "Wir haben den Mythos verloren", sagt Wolfgang Held. Man könnte auch sagen: den Sinn. Und er zitiert einen für Außenstehende enigmatischen Satz von Rudolf Steiner: "Schmetterlinge sind Blüten, die lebendig geworden sind." Esoterik ist für Held kein Schimpfwort.

Entscheidend für den Erfolg der An-throposophie ist etwas anderes. "Sie gibt Antworten, die sich in der Praxis bewährt haben." Ob der gigantomanische Bau des Goetheanum auch dazu gehört? Nun ja. Damals, in den Zwanzigern, war das Bauen in Beton revolutionär. Nachdem das erste Goetheanum, ein Holzbau mit zwei Kuppeln im schönsten Jugendstil, nur zwei Jahre nach dem Bau der Brandstiftung zum Opfer gefallen war, wollte der Prophet ein solides Gefäß für seine Lehre schaffen. Das ist ihm mit dieser Trutzburg, deren nach innen gezogene Außenhaut die Korrespondenz zwischen dem Gemäuer und seiner Umgebung symbolisieren soll, mehr als gelungen. Selbst Held muss zugeben, dass Steiner ein großes Rad gedreht beziehungsweise einen "dicken Stein" geworfen hat.

Die Anthroposophie ist

in einer schöpferischen Krise.

Allein der zentrale Veranstaltungsraum mit seinem Lichtfarbenspiel und einem monströsen Katheter bietet über 1000 Zuhörern Platz. Das in Regenbogenfarben getauchte Hintertreppenhaus nimmt auf den ersten Blick für sich ein – was man von Steiner höchstselbst in viele Meter Holz geschnitzter Weltsicht nicht sagen kann. Wenn Kunst zum Transportmittel für Ideen degradiert wird, verliert sie ihre kreative Kraft und wird zur dürftigen Illustration – weswegen die Anthroposophie in der Ästhetik eher Peinliches wie die Eurythmie hervorgebracht hat. Gerade jemandem wie Rudolf Steiner hätte das klar sein müssen. Man wundert sich.

Die überzeugendsten Ansätze sind auf dem weiten Feld zwischen dem Dienst an der Natur und am Menschen zu verzeichnen. Wenn der Mensch, ein mit Vernunft, Sinnen und Seele und der Fähigkeit zur durch das Rationale hindurch greifenden Erkenntnis (Steiner: "Der Weg zum Herzen führt über den Kopf") begabtes Wesen im Mittelpunkt des Denkens und Handelns steht – und nicht die Ökonomie, sollte das gerade heute Anlass zu einer Neuorientierung geben. So sieht es jedenfalls Wolfgang Held, der in der Weisheitslehre vom Menschen die Zukunft sieht. "Was die Welt voranbringt, ist immer ein kleiner Bereich", sagt er. Und beruft sich auf die Grünen-Vorsitzende Renate Künast, die neulich in Dornach gewesen ist und die Anthroposophen animiert hat: "Schließen Sie schamlos Allianzen!" Schamlos: Bei dem Wort zuckt Wolfgang Held ein bisschen zusammen. Aber um Bündnisse geht es, wenn man sich in Verantwortung für die Welt sieht. Bündnisse mit Gleichgesinnten. Mit Food Watch, Greenpeace, mit Thilo Bode und dem Goethe-Institut. Im Jahr des 150. Geburtstags ihres Gründers ist die Anthroposophie, so scheint es, lebendiger denn je.