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13. Juli 2011

Die Würde des Menschen und die Scham

Ein Buch und ein von Spielszenen begleiteter Vortrag des Sozialwissenschaftlers Stephan Marks.

  1. Wenn Menschen sich schämen: eine Szene mit dem Theater Blickwechsel Foto: pro

Gleich zu Beginn des Abends brachte Stephan Marks ein Glas zum Überlaufen. Das Glas sind wir, und eingefüllt wird – Scham. Damit war Marks direkt beim Thema. Seit Jahren beschäftigt sich der Freiburger Sozialwissenschaftler damit, was Scham zu empfinden für den Menschen bedeutet. Sein jüngstes Buch trägt den Titel "Die Würde des Menschen". Das Wechselspiel zwischen diesen beiden Begriffen zeigte er nun im Kammertheater des Freiburger E-Werks auf, wo er einen Vortrag mit dem Titel "Ich war immer nur der Dumme für euch…" hielt, im Untertitel "Geschichten von Würde und Scham". Dabei war der Sozialwissenschaftler für den theoretischen Input zuständig und das Freiburger "Playback Theater Blickwechsel" dafür, die vom Vortrag im Publikum ausgelösten Bilder und Geschichten in improvisierten Spielszenen sichtbar zu machen.

Der Blick ins Publikum offenbarte ein auffälliges Geschlechterverhältnis: Auf knapp fünfzig Frauen kamen fünf Männer, auf einen Vortragenden sechs Theaterfrauen. Ist Scham ein Frauenthema? Ohne auf das Zahlenverhältnis bei der Veranstaltung einzugehen, gab Marks eine Antwort: Nicht die Scham, aber der Umgang mit Scham sei bei Frauen und Männern verschieden.

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Wenn bei Männern das Maß an Schamverletzung voll sei, neigten sie zu Aggression. Die könne individuell ausbrechen: "Du schickst deinen meist gehassten Ort zur Hölle", wie der Schüler Bastian B. vor seinem Amoklauf 2006 in Emsdetten in sein Tagebuch schrieb. Der Ausbruch könne aber auch kollektiv geschehen: Wenn Männer zum Bund gehen, wo sie mit Scham abgefüllt werden, bis der überlaufende Hass für Kampfeinsätze abgeschöpft werden kann.

Bei Frauen führt ein Übermaß an Scham eher zu Blockaden und Zusammenbrüchen, was ihnen offenbar intelligentere Auswege, wie beispielsweise den Gang in die Therapie, öffnet. Dass im E-Werk überwiegend Frauen anwesend waren, scheint die These direkt zu belegen. Der Abend erinnerte in der Art, wie "Blickwechsel"-Gründerin Jutta Heppekausen die theatralen Elemente moderierte, an eine Therapiestunde mit der ehemaligen Fernsehpsychologin Brigitte Lämmle. In einem öffentlichen Raum der Aufforderung von Heppekausen nachzukommen, eigene Schamerlebnisse auf der Bühne durchspielen zu lassen, erfordert schon Mut, der von einigen sogar aufgebracht wird.

Stephan Marks hatte eine ähnliche Bitte, bei einem Radio-Interview sein größtes Schamerlebnis zu erzählen, abgelehnt. Die zusammengewürfelte Gemeinschaft im Kammertheater adelt er dann doch zu einem geschützten Raum, indem er ihr sogar ein persönliches Geheimnis anvertraut: seine Angst vor Vorträgen. Einen hilfreichen Trick offenbart er gleich noch dazu: Wenn er sich im Vortrag unsicher fühlt, panzert er sich mit dem Zitat irgendeiner Autorität.

In diesem Sinne ist auch sein jüngstes Buch ein Panzer. Die dort angehäuften Erkenntnisse zum Zusammenhang der Würde des Menschen mit der Vermeidung unnötiger Scham sind anregend und lesenswert. Man erfährt viel über den Erfindungsreichtum, Mitmenschen auf dem jeweiligen Stand der Technik zu entwürdigen.

Sich damit auch anhand der eigenen Schamverletzungen auseinanderzusetzen, ist laut Marks der wichtigste Schritt, Wege zu finden, die produktive Kraft der Scham als Hüterin der menschlichen Würde zu nutzen – ob im Sportunterricht, in der Pflege oder im Strafvollzug. Wer in großen Schamproduktionszweigen wie der Schule arbeitet, sollte das Buch als Pflichtlektüre betrachten.
– Stephan Marks: Die Würde des Menschen oder Der blinde Fleck in unserer Gesellschaft. Gütersloher Verlagshaus, 2010. 240 Seiten,19,99 Euro.

Autor: Jürgen Reuß