Ein Universalhistoriker vor der Zeit

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Mi, 15. Februar 2017

Kultur

Ernst Schulin, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Freiburg, ist im Alter von 87 Jahren gestorben.

Ernst Schulins letztes großes Buch über Kaiser Karl V. ist geprägt vom Duktus der Lehre. Das sagt zunächst nicht viel, basierte es doch auf Vorlesungen. Aber weit mehr noch ist es durchdrungen vom Willen, Schneisen der Erkenntnis zu schlagen durch die komplizierte Geschichte des alten Habsburgerreichs. Das war bekanntlich so groß, wie ein gern zitierter Satz sagt, dass in ihm die Sonne nicht unterging; in ihm liefen deshalb viele Prozesse unabhängig voneinander ab, einziges Bindeglied war oft der Kaiser. Schulin hat deshalb in diesem Buch die Geschichte Karls V. gleich dreimal erzählt – mit je verschiedenen Aspekten und jedes Mal aufs Neue fesselnd. Sein Kollege Gottfried Schramm hat angesichts solcher didaktisch klugen Vorgehensweise sicher Recht mit seiner Aussage, Schulin sei ein unter seinen Studenten beliebter Professor gewesen – wie auch anders?

Ernst Schulin war gerade fünf Jahre emeritiert, als dies Schramm in den Freiburger Universitätsblättern schrieb. Am Montag ist Schulin im Alter von 87 Jahren nach längerer Krankheit in Freiburg gestorben. Sein Geburtsort war Kassel, sein Studium der Germanistik, Geschichte und Religionswissenschaften absolvierte er bis zur Promotion weitgehend an der Universität im benachbarten Göttingen. Studienaufenthalte in Spanien und Frankreich dürften sein Interesse an europäischer Geschichte begründet haben. Über die Stationen Mainz, Gießen und Berlin führte ihn seine wissenschaftliche Karriere 1974 schließlich nach Freiburg, wo er als Professor für Neuere Geschichte die Nachfolge von Erich Hassinger antrat.

Es gibt in Schulins Werk zwei große Arbeitsfelder. Zum einen war er ein Historiker der Geschichtsschreibung selbst. Das war zwangsläufig mit einem Überblick über die europäische Geschichte und deren nationale Ausprägungen verbunden. Seine wichtigen Bücher über die Französische Revolution, über den Handelsstaat England, aber auch die intensive Auseinandersetzung mit dem deutschen Politiker Walther Rathenau belegen die Spannweite seiner Interessen. So wurde er zum anderen Universalhistoriker, und zwar zu einer Zeit, als dieses Fach aus der Mode schien. Das hat sich heute grundlegend geändert, das lehrt der Erfolg des in Konstanz lehrenden, in Freiburg lebenden Historikers Jürgen Osterhammel. Dass Schulin sein akademischer Lehrer war – es verwundert nicht.