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25. Februar 2012

Im Zweifel für den Zweifel

Vermutlich säßen die Menschen noch auf den Bäumen, wenn sie keine Skeptiker hervorgebracht hätten.

  1. m Foto: AFP ImageForum

  2. Bei aller Liebe für die Skepsis – zu viel davon lähmt nur. Foto: peshkova - Fotolia

D er Minister hält kurz inne, denkt über die Frage des Talkshow-Moderators nach und räumt dann ein: "Ich zweifle, ob ich das Richtige tue. Ich weiß es einfach nicht." Raunen im Publikum, die Augenbrauen des Moderators wandern himmelwärts. Die Kommentatoren an den Fernsehschirmen spitzen den Bleistift – manche reiben sich auch die Hände. So etwa liefe es wohl leider, wenn endlich einmal öffentlich gezweifelt würde: Hinrichtung folgt.

Dabei gehört der Zweifel zum Leben, sagt Anselm Grün, Benedektiner-Pater aus der Abtei Münsterschwarzach östlich von Würzburg: Der Zweifel "macht den Menschen menschlich" und "dient der Wahrheitssuche". Doch was kann man wirklich wissen? Und kann man das überhaupt: wissen? "Ich weiß, dass ich nicht weiß", hat Sokrates eingeräumt – übrigens stark verkürzt und leider häufig falsch übersetzt, so als habe der antike Grieche behauptet, "nichts" zu wissen statt "nicht". Genau genommen wollte er ausdrücken, dass alles vermeintliche Wissen vorläufig und im Prinzip unhaltbar ist.

Nun übertrage man diese Sichtweise einmal auf den politischen Diskurs kurz vor einer Bundes- oder Landtagswahl. Wie oft hört man von maßgeblichen, überdurchschnittlich informierten Wahlkämpfern, sie zweifelten an dem, was sie gestern noch für richtig hielten? Wie oft werden Bedenken eingeräumt an Plänen der eigenen Partei, die im Lichte neuer Erkenntnisse vielleicht nicht mehr ganz so ausgegoren wirken? Wie oft wird man in Talkshows Zeuge davon, dass speziell ein Politiker Wissenslücken und irrige Ansichten eingesteht? Zumindest kurz vor Wahlen – also eigentlich immer – lautet die Antwort: niemals!

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Politiker und andere – hoffentlich dabei zweifelnde – Entscheidungsträger sollten häufiger Gedichte lesen. Wie wäre es mit einem aus der Feder Erich Frieds (1921 bis 1988)? Der österreichische Lyriker hat nämlich einen sehr weisen Rat wie folgt formuliert: "Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat keine Angst. Aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel." Ins selbe Horn stieß Schauspieler Matthias Brandt, als er der Süddeutschen Zeitung sagte: "Jeder, der alle Tassen im Schrank hat, ist doch zerfressen von Selbstzweifeln. Die Irren, die richtig Gefährlichen – das sind die, die glauben, dass sie gut sind." Wenigstens das Strafrecht erkennt an, dass Menschen sich irren können und lässt den Zweifel zu. "Im Zweifel für den Angeklagten", lautet einer der wichtigsten Grundsätze in einem Rechtsstaat, der diesen Namen verdient: Nur wenn das Gericht vollends von der Schuld eines Angeklagten überzeugt ist, darf es diesen verurteilen; bleiben hingegen letzte Zweifel an der Schuld, muss ein Freispruch erfolgen – so schmerzlich dies für das Opfer der verhandelten Straftat oder für seine Angehörigen sein mag.

Die Menschen verlangen

immer nach Gewissheit.

Ansonsten aber haben Zweifel hierzulande schlechte Karten. Der Bedenkenträgerei geziehen, gelten sie als notorische Verhinderer oder nervige Spaßbremsen. Wer Zweifel hingegen beiseite schiebt oder zerstreut, hat damit oft Erfolg. Denn Menschen verlangen nach Gewissheit, wo sich allenfalls Wahrscheinlichkeiten bieten. "Mit diesen können wir aber intuitiv nicht gut umgehen", sagt Gerhard Vollmer, der bis 2008 die Geschäfte des Seminars für Philosophie an der Technischen Universität Braunschweig leitete. "Vom Arzt möchten wir hören: Das hilft Ihnen!; vom Handwerker: Das kriegen wir hin!; vom Anlageberater: Das bringt mit Sicherheit eine hohe Rendite!" Wenn etwas zwar sehr wahrscheinlich ist, aber nicht ganz gewiss, "dann sehen wir uns gleich als der Ausnahmefall", fügt Vollmer hinzu, der sowohl Physiker als auch Philosoph ist. "Das gilt für Risiken, aber auch für Chancen: Beim Lotto ist die Chance zwar verschwindend klein; aber auch hier sehen wir uns gerne als Gewinner."

Das hat mit Ängsten und Wünschen zu tun – also mit Gefühlen. Der emotionale Zustand des Zweifelns jedoch sei "eine Art Schwebezustand, der mit Uneindeutigkeit, Unsicherheit, Unabgeschlossenheit, Ambivalenz, also dem Zwiespalt von Gefühlen, Eindrücken und Meinungen einhergeht", befindet der Gießener Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth. Der nicht Zweifelnde hingegen sei "im sicheren Glauben", und das verleihe ihm das Gefühl von "Unverletzlichkeit und Stärke". Und von Stärke trennt man sich nur ungern. "Wer viel Wissen anhäuft, möchte auch sicherstellen, dass dieses Bestand hat", befand Andreas Sommer, Philiosophieprofessor in Freiburg und Autor des Buchs "Die Kunst des Zweifelns" im Interview mit der Zeitschrift Psychologie heute. "Deshalb wird der Zweifel oft als Bedrohung empfunden." Denn Zweifel scheinen Wissen zu vernichten – eine mühsame Errungenschaft, in der wir Sommer zufolge den "Schatz unserer Kultur" sehen. "Diesen Schatz wollen wir auf keinen Fall verlieren." Das erklärt auch den empörten Widerstand von Menschen, deren Wissenswerk durch provozierende Neuigkeiten ins Wanken gerät. Allerdings erschüttert das nicht überall die Menschen gleich. "Zum Beispiel gehört es im Buddhismus einfach dazu, Sachverhalte unter einem anderen Blickwinkel auszuleuchten" – und dies, weil das Wissen über die empirische, also mit den Sinnen und durch das Experiment erfahrbare Welt "nicht für derart entscheidend gehalten wird". Und das mit gutem Recht, wie Sommer findet: "All unser Wissen ist vorläufig, provisorisch und vergänglich, so wie das Leben selbst." Und dieses "verträgt keine absoluten Wahrheiten."

Leider sehen das viele anders – unter ihnen auch Mächtige. Vor allem deren Selbstgewissheit – echt oder zur Schau getragen – ist oft kein Segen. "Es ist ein Jammer, dass die Dummen todsicher und die Intelligenten voller Zweifel sind", hat der britische Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell (1872 bis 1970) einmal gesagt. Hätte auch ein von Zweifeln verunsicherter US-Präsident George W. Bush 2003 seinen Irak-Krieg begonnen, den freilich andere ausfechten und dabei sterben mussten? Würden demütige, die Grenzen ihrer Erkenntnis akzeptierende Chefredakteure über Menschen in schreihalsigen Überschriften richten? Hatte Hitler, und sei es nächtens vor dem Einschlafen, jemals leise Zweifel am Sinn seines Zerstörungswerks? Nun sollte man von Verbohrten, Schaumschlägern und Verblendeten nicht erwarten, sie brächten den Mut und vor allem die Weisheit auf, ihre Position zu hinterfragen. Nur geistig mehr oder minder Gesunde schaffen diesen unangenehmen Spagat. Sie mögen sich bei ihrer Mühe mit einem Wort des Philosophen Voltaire (1694 bis 1778) trösten, der einmal meinte, der Zweifel sei zwar "kein angenehmer", Gewissheit aber ein "lächerlicher Zustand".

Starke Zweifel könnten in der Tat "sehr belastend sein", sagt auch der US-Psychologe Neal Roese, der Entscheidungsvorgänge seit Jahren erforscht. Doch Vertreter seines Faches wüssten heute, "dass es für einen gesunden Allgemeinzustand unentbebehrlich ist, etwas in mäßiger und üblicher Ausprägung anzuzweifeln oder zu bedauern". Übergingen Menschen nämlich die Botschaften der eigenen Gefühle einfach, drohten sie bei kontraproduktiven Verhaltensweisen stehen zu bleiben und "einmalige Entwicklungs- und Erneuerungschancen" zu verpassen, schreibt der Professor für Marketing an der Kellogg School of Management in Illinois in seinem Buch über das Verwandeln von nachträglichem Bedauern in künftige Chancen.

Drastisch formuliert: Mit großer Wahrscheinlichkeit würde die Menschheit noch auf den Bäumen hocken, wenn sie keine Skeptiker hervorgebracht hätte. "Der Zweifel ist die Grundlage und Voraussetzung von Erkenntnis über die Welt und über sich selbst", findet Hans-Jürgen Wirth. "Wer nicht an sich selbst zweifelt, weiß nichts über sich selbst, ist zu Selbsterkenntnis nicht fähig." Und nur wenn man anzweifele, "was die gesellschaftlichen Autoritäten als Gewissheiten vermitteln, kann man eine innere Distanz zu den überkommenen Werten und Normen erlangen".

Der französische Jesuit und Philosoph Pierre Teilhard de Chardin (1881 bis 1955) nannte ein weiteres, gewichtiges Argument für das Hinterfragen des zurzeit Gewussten: "Wer nichts anzweifelt, prüft nichts. Wer nichts prüft, entdeckt nichts. Wer nichts entdeckt, ist blind und bleibt blind." Dann wird es halt nichts mit Fortschritt. Dann schleppt man die Steine weiterhin, statt an der Unausweichlichkeit dieser Plackerei zu zweifeln – und das Rad und damit die Schubkarre zu erfinden.

Gerhard Vollmer zählt obendrein ganz praktische Vorteile gesunder Skepsis auf. Erstens: "Wenn es – entgegen allen Zweifeln – klappt, freuen wir uns umso mehr." Zweitens: "Wenn es nicht klappt, sind wir nicht ganz so enttäuscht; denn wir wussten ja, dass es auch schief gehen kann." Drittens mache Zweifeln uns vorsichtig. "Wir überprüfen noch einmal alles: ob wir den Gashahn abgestellt, den Ausweis eingesteckt, den Klettergurt richtig angelegt haben – und können den Urlaub, die Reise, die Klettertour dann richtig genießen."

Skepsis ist überdies lebensklug. "Wer sich der Fehlbarkeit aller Menschen bewusst ist, wird sich bei Fehlern nicht zu sehr grämen und schämen und Andere weniger tadeln oder verurteilen", urteilt Vollmer. Daraus ergibt sich für ihn ein fünfter Vorteil: "Zweifel macht bescheiden und tolerant." Nicht umsonst habe der Dichter Max Frisch einmal geschrieben, nur der Zweifel mache human. Immerhin erschwert er Größenwahn und mäßigt überbordenden Stolz. "Im Zweifel muss man sich immer für den Zweifel entscheiden", findet Axel Hacke, Kolumnist des Magazins der Süddeutschen Zeitung. "Zweifeln zu können und zu dürfen gehört zu den größten kulturellen Errungenschaften der Menschheit." Nicht umsonst meinte der französische Philosoph und Gelehrte René Descartes (1596 bis 1650), zu zweifeln sei "der Weisheit Anfang".

Nun gibt es selbstredend Situationen, in denen man lieber nicht zweifeln sollte. Der Mittelstürmer zum Beispiel, der immer wieder die entscheidende Zehntelsekunde lang zögert und abwägt, ob er wohl besser mit dem Spann oder dem Außenrist schösse, wird nur selten ein Tor erzielen und sehr bald zur tragischen Figur. "Zweifeln kostet Zeit", sagt denn auch Gerhard Vollmer – nicht nur auf dem Fußballfeld. "Und zu viel Zweifel macht handlungsunfähig." Mit den meisten Alltagssituationen komen wir auch ohne Zweifel gut zurecht. Deshalb loben vor allem Psychologen inzwischen die intuitiven Entscheidungen, Geschmacks- und Werturteile – so etwa Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in seinem Buch "Bauchentscheidungen – Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition." Wobei er keineswegs ein Feind des Zweifels ist, wie seine Schrift "Das Einmaleins der Skepsis – Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken" zeigt.

Gigerenzer hält es sogar für eine "Kernaufgabe der Schule, junge Menschen zu ermuntern, selbst nachzudenken und sich ein unabhängiges Urteil zu bilden". Dafür sei das Hinterfragen des Stoffes die Motivation. "Zweifel statt blinder Glaube wirft Fragen auf, und diese verlangen nach Evidenz", urteilt der Wissenschaftler. "Der Mut, Evidenz einzufordern ist eine wesentliche Voraussetzung für einen Staat mit mündigen Bürgern." Für einen Markt mit mündigen Verbrauchern übrigens auch. Ihnen hämmert eine milliardenschwere Werbe-Maschinerie seit Jahr und Tag Slogans ins Hirn, die dort buchstäblich Fleisch geworden sind oder zumindest Nervenmasse. "Haribo macht Kinder froh" – das ist so ein raffinierter Satz. Oder auch, mindestens drei Geschmacks-Stockwerke tiefer, Sprüche wie "Geiz ist geil" und "Wir hassen teuer". Wie befand schon der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799): "An nichts muss man mehr zweifeln als an Sätzen, die zur Mode geworden sind."

Wo wichtige Entscheidungen mit weit reichenden Folgen zu treffen oder Lösungen für heikle Probleme zu finden sind, müssen Zweifel also erlaubt sein. Dazu braucht es eine Kultur der Skepsis. Leider aber erscheint ein Politiker manchen bereits als unsicher und meinungsschwach, wenn er auf eine spannende Frage hin fünf oder gar zehn Sekunden lang schweigt – und sei es, weil er vor einer Antwort tatsächlich nachdenken muss oder möchte. Doch bei aller Liebe für den Zweifel sollte eines nicht geschehen: dass man sich durch zu viel Skepsis selber in Ketten legt. Dann nämlich droht man durch Zweifeln am Ende wirklich als Verlierer dazustehen. "Wenn die Haltung des Zweifelns selbst zu einem Dogma, zu einem Ritual, zu einem inneren Zwang wird, verliert sie ihren kritisch-aufklärerischen Charakter und lähmt sowohl die Selbsterkenntnis als auch die kritische Sicht auf die Welt", sagt Hans-Jürgen Wirth. "Dann wird der Zweifel zum Selbstzweck."

Entsprechendes gelte auch für die Skepsis gegenüber Autoritäten, Mitmenschen oder der Gesellschaft: "Wenn das Verhältnis zur Welt nur noch vom Zweifel geprägt wird, kann man nicht mehr unterscheiden, wo denn berechtigter Zweifel angebracht ist und wo nicht", warnt der Psychologe vor einem ungesunden Übermaß. "Dann wird der Stachel des Zweifels zur stumpfen Waffe." Auch Philosoph Andreas Sommer findet: "Wenn man alles anzweifelt, läuft man Gefahr, sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen" – das Ende jedes tragfähigen Standpunkts.



Autor: Walter Schmidt