IN WEISER VORAUSSICHT: Sonnenwesen und Wiederkäuer

Kathrin Kramer

Von Kathrin Kramer

Sa, 19. Februar 2011

Kultur

Rudolf Steiner, die Einheit der Bienenvölker und der Wahnsinn des Rindviehs.

Vor den Arbeitern, die das neue Goetheanum in Dornach errichteten, hielt Rudolf Steiner 1923 erhellende Vorträge über die Dinge, wie er sie sah. Eines seiner Themen war die Biene als Sonnenwesen und die sechseckige Struktur ihrer Wabe. Schlecke der Mensch vom Honig, so gehe der ihm ins Blut und vollbringe Wundersames: "Da wirkt durch den Bienenkörper der Honig so, daß er das Wachs in der Gestalt bilden kann, die gerade der Mensch braucht, denn der Mensch muß diese sechseckigen Räume (im Organ-, Muskel-, Knochenaufbau) in sich haben." Das ist für Ungeübte ziemlich um die Ecke gedacht und soll hier so stehenbleiben.

Auf jeden Fall lag Steiner mit der Voraussage, dass die Imkerei in achtzig bis hundert Jahren in eine schwere Krise schlittern werde, richtig. Der Grund: künstlich gezüchtete Königinnen. Tatsächlich ist der globale Handel mit solchen Tieren zur Erhöhung der Honig-Produktion heute gang und gäbe. Als im Jahre 2007 in den USA das große Bienensterben ausbrach, wurde auf den vermehrten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die zunehmende Monokultur, den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft verwiesen. Aber auch auf Steiner und seine Mahnung: "Ein Bienenvolk ist eine innige Einheit. Niemals ist eine solche Verbundenheit herzustellen zwischen einer eingepflanzten Königin und den Arbeitsbienen, wie sie besteht, wenn eine Bienenkönigin von der Natur selber da ist."

Auch zum Rinderwahnsinn (BSE) als Folge der Verfütterung von Tiermehl ans wiederkäuende Vieh hatte Steiner schon 1923 eine seiner Zeit weit vorauseilende Meinung: Würden Rinder Fleisch fressen, ließe sie das irre werden. Denn die Energie, so Steiner, die dem Rind zur Verfügung stehe, um Pflanzennahrung in Fleisch umzuwandeln, läge dann brach und würde sich einen Weg bahnen, indem sie statt des Fleisches schädliche Stoffe erzeuge. "Wenn wir das Experiment machen könnten, eine Ochsenherde plötzlich mit Tauben zu füttern, so würden wir eine ganz verrückte Ochsenherde kriegen", sinnierte Steiner, "das ist so der Fall. Trotzdem die Tauben so sanft sind, würden die Ochsen verrückt werden."

Er führte dies auf eine Überproduktion von Harnsäure zurück, die sich im Hirn des Rindviechs ablagere. Eine Theorie, die von der jüngsten BSE-Forschung nicht bestätigt wird. Trotzdem gilt Steiner seither als Prophet des Rinderwahnsinns, was vielleicht ein bisschen hoch gegriffen ist. Für die Vorhersage, dass reine Pflanzenfresser, die Fleisch als Futter erhalten, irgendwann nicht mehr richtig ticken, reichte auch sechzig Jahre vor Ausbruch der Rinderseuche der gesunde Menschenverstand. Genauso wie für die Einsicht, dass es auf Dauer für die Bienenvölker kein Honigschlecken ist, mit fremden Königinnen vorlieb zu nehmen.