Lörrach

Julian Moehring und Ester Wiesnerová haben in der Alten Feuerwache ein Duo-Konzert gegeben

Barbara Ruda

Von Barbara Ruda

Mo, 02. Januar 2017

Kultur

Julian Moehring und Ester Wiesnerová begeisterten in Lörrach mit eigenen Kompositionen und Bekanntem aus Pop und Folk.

Zwei kleine Teilzeitsemester als Student und Stipendiat am weltweit renommierten Berklee College of Music in Boston (USA) hat Julian Moehring noch vor sich, dann ist der Pianist, Sänger, Komponist und Songwriter aus Lörrach fertig ausgebildet – und startet, wie er vorausblickt, in eine ungewisse Zukunft. Über die Weihnachtstage hat er wieder mal die Reise über den großen Teich in heimatliche Gefilde angetreten. Freunden, Bekannten und Musikfans der Region machte er am Freitagabend mit einem Duo-Konzert in der Alten Feuerwache in Lörrach ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk. Mitgebracht hat er die slowakische Sängerin, Kommilitonin und ebenfalls Stipendiatin Ester Wiesnerová, die, wie er selbst, auch komponiert und Lieder schreibt. Die beiden Musiker – er 23, sie 22 Jahre jung – zeigten sich stilistisch vielfältig und bestens aufeinander eingespielt. Man konnte hören, dass sie seit ihrem ersten Semester am Berklee, also schon mehr als drei Jahre lang, miteinander musizieren.

In der intimen Atmosphäre des restlos gefüllten Saals – Julian Moehring fühlt sich angesichts des nahen Publikums ein bisschen wie im Wohnzimmer – erzählen er und Ester Wiesnerová Geschichten in Musik. Das sind zumeist eigene, aber auch geläufige Stücke aus Pop und Folk wie Stings "Fields of Gold" oder "Scarborough Fair", ein Liebeslied, das schon von unzähligen Künstlern gesungen und von Simon & Garfunkel berühmt gemacht wurde.

In diesen Balladen gibt das langsame Tempo der Sängerin den Raum, ihre glasklare Stimme in kleinsten Nuancen unterschiedlicher Klangfarben und Lautstärken zu modulieren und eine breite Ausdrucksskala an Empfindungen zu zeigen, um am Ende ganz weich zu werden. Die Slowakin bringt zu Singing/Songwriting und Jazz als weiteres Element traditionelle osteuropäische Volksmusik mit ins Spiel.

Slowakisch gibt mit seinen Zischlauten besonders expressive Wortfetzen zum Scatten her. Wie es aus der Sängerin herausströmt, wenn sie so die Melodien auslotet und mit dem Rhythmus spielt, und wie sie dabei jede einzelne Silbe exakt artikuliert – am eindrücklichsten tut sie das in "Co je Clovek", das ihre Mutter Maria schrieb, als der Eiserne Vorhang zum Osten noch nicht gefallen war. Da zerlegt Ester Wiesnerová plötzlich nicht mehr bloß die Sprache in Fragmente, sondern ahmt bei einem atemraubenden Flügel-Gesang-Duett auch die pianistischen Elemente und dichten perlenden Läufe nach, die Julian Moehring gerade spielt.

Die Geschichten, die die beiden mit den Mitteln der Musik erzählen, sind oft von Melancholie durchwoben und meist aus dem eigenen Leben genommen oder von Erlebten inspiriert, etwa wenn sie über das Erwachsenwerden sinnieren, den Umgang mit Erfolg, über quälende Erinnerungen und überkommene Konventionen (Wiesnerová) oder den Herbst in Boston impressionistisch nachzeichnet, der die Sehnsucht nach Hause und nach der Ferne weckt. Gerne würde Julian Moehring darin dem Vogel folgen, der durch den gelb gefärbten Himmel davonfliegt.

In "The Wall" vertont er ein sehnsuchtsvolles Zwiegespräch zwischen Vater und Tochter über eine trennende Mauer hinweg, das in einer zweistimmig gesungenen Strophe gipfelt. Wie sehr den jungen Musiker die Flüchtlingsthematik bewegt, die er in den USA nur per Nachrichten mitverfolgt, kommt in seinem Song "Strange Fish" zum Ausdruck. Im Pianospiel manifestieren sich die traurigen Gedanken, in denen er sich verliert. Bei einem slowakischen Volkslied blitzen romantische Harmonien und schwebende Klänge eines Claude Debussy durch seinen Anschlag. Unmerklich changieren sie in jazzig-grooviges Feeling und wieder zurück. Das begeisterte Publikum will noch mehr hören und erklatscht sich eine Zugabe, den Jazzstandard "Lullaby of birdland". Damit schließt sich der Kreis zu dem slowakischen Wiegenlied, mit dem das Konzert begann: Eine runde Sache also.