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07. Oktober 2016

Kanten und Nachdenklichkeit

Ute Lemper eröffnet mit Stefan Malzew und dem Vogler Quartett die neue Spielzeit im Burghof.

  1. Ute Lemper eröffnete mit „Paris Days, Berlin Nights“ in ausverkauftem Haus die neue Saison. Foto: Annette Mahro

Chanson braucht Ecken und Kanten, sonst ist es nichts. Wer sich auf die Spuren von Großmeistern wie Marlene Dietrich, Edith Piaf, Jacques Brel oder Bertolt Brecht und Kurt Weill begibt, tut gut daran, das im Kopf zu behalten. Ute Lemper wäre nicht zum Weltstar avanciert, brächte sie nicht eine gehörige Portion solcher Sperrigkeit mit auf die Bühne. Dass die 1963 im westfälischen Münster geborene und seit Jahren in New York lebende Chansoninterpretin jetzt die neue Saison im Lörracher Burghof eröffnet hat, gibt für die Spielzeit eine Richtung vor, die solche Kanten und Nachdenklichkeiten zulässt.

Schon mit ihrem Eingangssong, Edith Piafs berühmtem "Milord", nimmt sich Ute Lemper die erste Freiheit, indem sie das Programm nicht punktgenau mit der angekündigten Stückfolge aufnimmt. Das für den Spatz von Paris von Georges Moustaki 1958 geschriebene Stück gibt jedoch die von der Melancholie nach einer durchfeierten Nacht getragene Stimmung des Abends vor. Moustakis Milord ist ein eben von seiner Frau verlassener Oberschicht-Engländer, den ein französisches Hafenmädchen tröstet, sich dabei selbst aber nur wie ein Schatten auf der Straße fühlt. Lemper singt das Lied ganz in Schwarz im eng anliegenden bodenlangen Paillettenkleid. Das schulterfreie Outfit lässt Arme und Hände besonders lang erscheinen und rückt sie in die Nähe einer manieristischen Renaissance-Madonna.

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Natürlich ist sie das nicht, noch weniger aber eine verruchte Diva, ein Vamp. Stattdessen steht hier eine singende Schauspielerin auf der Bühne, die mit jeder Faser ihres Körpers in den Figuren ihrer Songs aufgeht. Sie ist weder die Piaf noch die Dietrich, sondern tief drinnen in deren Liedern. Zur Gratwanderung wird Marlene Dietrichs Lied aus dem 1930 im Blauen Engel gesungenes "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt", bei dem unweigerlich das Bild des frühen UFA- und späteren Hollywood-Stars vor dem inneren Auge erscheint. Dagegen lässt sich kaum ankommen. Ganz anders ist es bei Edith Piafs gut zehn Jahre später aufgenommenem "L’Accordeoniste" in dem es wieder um die Liebe eines Straßenmädchens geht, diesmal aber zu einem Akkordeonspieler, der Soldat wird und den sie nie wieder sieht.

Das Kriegsthema greift Lemper an diesem Abend von den 1920ern bis in die 1940er Jahre noch mehrfach auf, so etwa in Kurt Tucholskys 1926 unter Pseudonym veröffentlichtem und von Hanns Eisler vertontem Gedicht "Der Graben". Das Bekenntnis gegen den Krieg singt die Interpretin, die selbst Mutter von vier Kindern ist, im Refrain mit echter Grabesstimme. Der Text, der sich nacheinander an die Mutter richtet, die ihren Sohn verliert, an die Kinder, die ihren in den Krieg gezogenen Vater nicht mehr wiedersehen, gerät ihr zum aufrüttelnden pazifistischen Fanal. Das die Sängerin begleitende Vogler-Streich-Quartett, das es für die Einspielung des Programms "Paris Days, Berlin Nights" bis zur Grammy-Nominierung gebracht hat, nimmt die Schrecken des Krieges zusätzlich ins Zentrum seines Spiels, wird dissonant und lässt gleichsam Kanonenkugeln sirren.

Als Fünfter im Bunde ist der Multiinstrumentalist und Programm-Arrangeur Stefan Malzew mit von der Partie, der zwischen Flügel, Akkordeon und Klarinette hin und her pendelt und ganz zum Schluss mit dem Star des Abends in einen herrlichen musikalischen Dialog treten wird. Nach der Pause kommt Ute Lemper im neuen Gewand zurück auf die Bühne und gibt sich zunächst mit einem jiddisch gesungenen Volkslied nach Chava Alberstein und Itzik Manger tänzerisch aufgekratzt. Der Bogen spannt sich indes noch einmal weiter nach Südamerika und zu Astor Piazzollas argentinischem Tango, bevor die Sängerin und ihre Musiker wieder zurückfinden zu Valse Musette, zu Léo Ferré und Jacques Brel und dessen so schön melancholischem Hafenlied "Dans le Port d’Amsterdam".

Autor: Annette Mahro