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28. März 2009

Klavierspiel wie von Geisterhand

Der Internationale Kongress für Musikermedizin in Freiburg gibt spannende Einblicke in ein junges Fach

  1. Trockenübungen am Klavier: Szene aus dem Film „Vier Minuten“ Foto: dpa

Musizieren auf professionellem Niveau ist Höchstleistung. Zwar nicht immer eine künstlerische, aber eine körperliche. Eine vierstündige Wagner-Oper singen – das müssen die Stimmbänder erst einmal aushalten. . . Erst seit rund zwanzig Jahren ist die Musikermedizin in Deutschland präsent. Auch deshalb stand jetzt wieder ein "Internationaler Kongress für Musikphysiologie und Musikermedizin" an: zur Standortbestimmung des Fachs. Eine Veranstaltung dieser Größenordnung, dreitägig und mit namhaften Wissenschaftlern aus aller Welt und den eigenen Reihen, gab es zu diesem Thema in Freiburg zuletzt 2003. Neben der Deutschen Gesellschaft für die genannten Bereiche (DGfMM) war das Freiburger Institut für Musikermedizin Ausrichter.

Kann Musizieren krank machen? Zum Beispiel, wenn zu viel geübt wird. Besonders beliebt in den Fächern Klavier und Violine, weil hier die Konkurrenz am größten ist. Die Folge sind dann Überlastungserscheinungen, etwa im Handgelenk. "Musikermedizin ist wie Sportmedizin, nur mit Musikern", erklärt Claudia Spahn, die zusammen mit Bernhard Richter das Institut leitet. Aber ein Instrument, das an und für sich ein gesundheitliches Risiko birgt, gebe es nicht. Gut so. Klavier und Streicher sind nur deshalb so präsent in der Medizin, weil so viele diese Instrumente spielen. Beim Kongress, dessen Themenspektrum nicht nur medizinische, sondern auch psychologische und soziale Aspekte umfasste, ging es natürlich auch um Lampenfieber oder um das Musizieren im Laufe des Lebens.

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Thema Bewegungsanalyse. Hans-Christian Jabusch etwa geht in seiner fundierten Untersuchung den Fragen nach, von welchen Faktoren die musikalisch-motorische Entwicklung bei Kindern abhängt, wie präzise ein Profipianist spielen und wie er das einmal erreichte Niveau aufrechterhalten kann. Mit mindestens vier Stunden täglichem Üben; es dürfen auch mehr sein – nur übertreiben sollte man es nicht, siehe oben… Außerdem belegte die Studie, dass äußere Faktoren einen positiven Einfluss nicht nur auf die allgemein-musikalische (das war auch dem Laien klar), sondern auch auf die spieltechnische Entwicklung bei Kindern ausüben. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen; Tonleiter-Üben allein hat wohl noch niemandem Spaß bereitet.

Von der Motorik zur Interpretation. Christoph Sischka warf die provokante Frage auf, ob virtuelle Klavierpartner die besseren Begleiter seien. Sind sie nicht, lautete die Antwort, aber doch eine zukunftsträchtige Ergänzung für den Unterricht. Denn mit einem Disclavier, das aussieht wie ein Konzertflügel, aber ein elektronisches Innenleben hat, kann der Pianist bei schwierigen Stellen eine einzelne Stimme üben und den Rest spielen lassen. Mehr noch: Ein Sänger kann bei entsprechender Software-Ausstattung mithilfe eines Controllers, wie man sie von Spielekonsolen kennt, die Klavierbegleitung in Sachen Lautstärke und Tempo seinem Gesang anpassen. Die Sopranistin Katharina Schwesinger machte es vor: singen mit der Fernbedienung in der Hand, Klavierspiel wie von Geisterhand. Ein ungewöhnlicher Anblick. Aber es funktionierte, erstaunlich gut sogar.

Musik als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Bei alledem kann es nicht um den Einsatz von Musik in der Medizin oder um ihre Wirkung auf den Menschen gehen. Und doch legte Claudia Spahn bei der Podiumsdiskussion "Musizieren und Gesundheit" zu Recht Wert auf die gesundheitsfördernden Kräfte des Musizierens. Die Diskussion drehte sich dabei nicht um spezifisch musikmedizinische Fragen, sondern um soziale. Für eine Breite des Musizierens setzen sich die beiden Stargäste ein, Pamela Rosenberg, Intendantin der Berliner Philharmoniker, und Catherine Milliken, die deren "Education Program" leitet, bekannt aus "Rhythm is it". Hochschulrektor Rüdiger Nolte wiederum differenziert zwischen Breiten- und Spitzenförderung: Die künstlerischen Belange in der Spitze dürften nicht zu kurz kommen. Kamen sie nicht, als vor der Gesprächsrunde zwei junge Musikerinnen der Freiburger Begabtenförderung Ravels "Tzigane" aufgeführt hatten. Für Violine und Klavier, wunderbar – und ohne Komplikationen medizinischer Art.

Autor: Dennis Roth