Letztlich ist die Technik nur Beiwerk

Thomas Loisl Mink

Von Thomas Loisl Mink

Fr, 12. Oktober 2018

Kultur

Zwei Konzertflügel und jede Menge Elektronik: Ralf Schmid gastierte mit seinem Projekt Pynook im Lörracher Burghof.

Es braucht schon zwei Konzertflügel, um die Klänge zu produzieren, die Ralf Schmid mit seinem Projekt Pynook kreiert. Und eine Menge Elektronik. Aber alle Klänge kommen vom Piano, versichert Schmid, auch wenn es sich oft nicht so anhört. Mit seinen Händen spielt er nicht nur die weißen und schwarzen Tasten, sondern zugleich mit Datenhandschuhen die elektronische Verfremdung der Töne. Ein spannendes, eindrucksvolles und äußerst avantgardistisches Projekt.

Während die Bühne in sparsames, blaues Licht getaucht ist, wühlt Ralf Schmid in den Eingeweiden des Flügels, klopft an den Korpus, nähert sich der Tastatur, und langsam werden aus den perkussiven Klängen feine, lyrische Melodien. Ein ruhiges, melancholisches Stück entfaltet sich, der Pianist spielt Klavier, aber manchmal fuchtelt er mit den Händen und den Handschuhen durch die Luft. Auch dann entstehen Klänge. Früher sei er neidisch gewesen auf die Rock-Gitarristen, die ihre Pedalboards vor sich haben, mit denen sie die Klänge der Gitarre verfremden. Er hat dann ein Pedalboard ans Klavier angeschlossen, aber weil er das Gerät unter dem Klavier nicht immer sah, hat er manchmal falsch gedrückt. Vor eineinhalb Jahren sind ihm die Datenhandschuhe begegnet, von denen er sehr begeistert ist. Die seien wie ein Mischpult, aber statt an Reglern zu drehen bewegt man die Hand oder einen Finger. Den Bewegungen werden Funktionen zugeordnet. Die Handschuhe haben einen 3-D-Sensor wie das Smartphone, das das Foto zum Anschauen immer richtig herum dreht, erklärt Ralf Schmid im Vorgespräch. Handbewegungen verfremden die Töne, wiederholen sie oder öffnen einen Hallraum. Aber die Handbewegungen sind auch dazu geeignet, das Publikum zum Mitpfeifen zu bewegen.

Ralf Schmid sitzt zwischen zwei Konzertflügeln, spielt mal hier, mal da, manchmal auch mit einer Hand auf dem einen und der anderen Hand auf dem zweiten Konzertflügel. "Die beiden sind wie Licht und Schatten, wie bad and good", erklärt er. Der eine Flügel ist für die reinen und schönen Töne da, der andere für die schmutzigen. In diesen hat er Schrauben hinein gedreht, Gummis gespannt, manchmal legt er Gegenstände hinein, um den Klang ganz ohne Elektronik zu verfremden. Das tut dem Flügel nicht gut, deshalb hat er dazu einen eigenen. Die Musik, die er spielt, kann sehr rhythmisch werden, manchmal ist sie ein Schweben, dann wieder entwickeln sich romantische Songstrukturen. Ist das Jazz? Oder Neue Musik? Egal, die Grenzen sind ohnehin fließend. An der Freiburger Hochschule für Musik hat Ralf Schmid eine Professur für Jazz-Klavier. Als bedeutenden Einfluss auf seine Musik nennt er indessen John Cage, der im 20. Jahrhundert die Neue Musik mit experimentellen Kompositionen stark beeinflusst hat. Aber auch der Mundharmonika-Jazzer Toots Thielemans und der brasilianische Jazz-Komponist Ivan Lins hätten großen Einfluss auf ihn ausgeübt, verrät Schmid. Aus der Konserve trägt Lins ein Gedicht vor, das Schmid vertont hat.

Über der Bühne hängen wie aus Papier ausgerissene große Wolken. Darauf flimmern Bilder, Lichter, Grafiken, auch mal ein Film. Das Konzert soll zu einem audiovisuellen Erlebnis, zu einer synästhetischen Erfahrung werden. Die Lichteffekte sollen die Musik unterstützen, aber auch mal kontrapunktische Akzente setzen, erklärt Schmid. Dazu hat er den Videokünstler Pietro Cardarelli mitgebracht. Sie seien dabei, Musik und visuelle Effekte noch stärker zu verknüpfen, und in Freiburg arbeiten die beiden bereits daran, dreidimensionale Hologrammbilder auf die Bühne zu zaubern.

In der Tat ist Ralf Schmids Pyanook-Projekt ein faszinierendes Erlebnis. In den höchsten Tönen lobt Schmid den Burghof, der den Mut hat, so ein außergewöhnliches Projekt auf die Bühne zu bringen und auch sonst ein hervorragendes Programm mache. "Wir sind in Freiburg oft neidisch auf die Programmgestaltung im Burghof und würden ihn gerne mal zu uns holen", sagt er. Am Ende geht es aber auch bei Pyanook vor allem um die Musik. "Die Technik ist nur Beiwerk, letztlich geht es bei Musik darum, auf eine andere Ebene zu verweisen."