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04. September 2013 10:25 Uhr

BZ-Interview

Rüdiger Nolte: "Von Kahlschlag kann eben nicht die Rede sein"

Die Pläne zur Neuordnung der Musikhochschulen in Baden-Württemberg haben einen erbitterten Streit entzündet: Reform oder Kahlschlag? Die BZ hat beim Freiburger Rektor Rüdiger Nolte nachgehakt.

  1. Rüdiger Nolte Foto: pr

BZ: Herr Nolte, selbst informierteren Beobachtern fällt es schwer, sachliche und rein emotionale Kritik noch auseinanderzuhalten. Was ist schief gelaufen?
Nolte: Das würde ich auch gern wissen. Als klar war, dass Kürzungen nicht mehr zu verhindern sind, als drohte, dass ein Standort geschlossen werden soll, haben Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg ein Konzept vorgelegt, das den neuen Rahmen der Kürzungen berücksichtigt, das alle fünf Hochschulstandorte erhält und das versucht, den Auftrag der Ministerin zu erfüllen, trotz Kürzungen sogar noch Qualitätssteigerung zu ermöglichen. Die Ministerin hat unseren Vorschlag mit einstimmiger Zustimmung einer extern geladenen Expertenrunde aufgenommen, allerdings mit der Auflage an Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg, ihrerseits deutliche Verschlankungen und Verbundmaßnahmen zu veranlassen. Dass daraufhin von Mannheim und Trossingen betroffen reagiert wurde, ist nachzuvollziehen. Nicht nachvollziehen kann ich, dass eine breite Öffentlichkeit die Debatte hoch emotionalisiert zum Simpelschema "Böse gegen Gute" reduzierte und dass das auch von mancher Presse so aufgenommen wurde. Wie auch von manchen Politikern. Ich finde es bemerkenswert, dass eine Ministerin versucht, mit Kürzungen gestaltend zu verfahren.

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"Das Ministerium hatte ausschließlich drei Möglichkeiten gelassen."

BZ: Sie sprechen von "gestaltend" – andere von "Kahlschlag". Kann man als Betroffener die Debatte überhaupt jenseits einer Sankt-Florians-Politik führen nach dem Motto: Schütz unserer Haus, zünd’ andere an...?
Nolte: Also von Kahlschlag kann bei unserem Konzept eben gerade nicht die Rede sein. Dagegen wäre es ein verheerender Kahlschlag gewesen, den Empfehlungen des Landesrechnungshofes zu folgen. Noch einmal. Das Ministerium hatte ausschließlich drei Möglichkeiten gelassen: Diesen Empfehlungen zu folgen. Oder einen Standort zu schließen. Oder eben auf der Basis eines Struktur-Konzepts drei in ihrer Größe zu belassen und zwei zu spezialisieren. Anders als die Trossinger Rektorin, die vorschlug, anstelle Trossingen könnte doch Freiburg reduziert werden, war für die Entscheidung, welche Hochschule dabei welche Zukunft haben soll, eine gewisse Verhältnismäßigkeit maßgebend, aber auch die Tatsache, dass es in Baden-Württemberg zwei Stammhochschulen gibt: nämlich Stuttgart und Freiburg. Und dass alle anderen erst sehr viel später zu Landeseinrichtungen wurden und sich dort die Ausstattungen allein schon historisch anders darstellen und begründen. Und dass schließlich Karlsruhe nicht nur in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Exzellenz-Steigerung schaffte, sondern vor kurzem baulich höchst aufwendig ausgestattet wurde.

BZ: Welche inhaltlichen Argumente sprechen für den Vorschlag der Ministerin?
Nolte: Wenn der Verschlankungs- und Verbunds-Auftrag an Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg nicht immer wieder außer Acht gelassen würde – ich denke, wohl innerhalb des Böse-Gut-Schemas –, dann hätten wir alle, auch alle Politiker die Chance, den darin steckenden Reformansatz zu erkennen. Ich verstehe diesen Auftrag so, sich nicht nur kleinteilig aufzuteilen, sondern mit einer breiter angelegten Ausbildungsaufteilung die Chance zu nutzen, effektivere Kompetenzzentren zu schaffen. Ein Beharren darauf, dass alle deutschen Musikhochschulen weiterhin alles ausbilden sollen – und das heißt künstlerische Instrumental- und Gesangsausbildung, die Ausbildung von Dirigenten, von Kirchenmusikern, von Komponisten, von Instrumental- und Vokalpädagogen, von Gymnasiallehrern, von Musiktheoretikern, von Rhythmikern, das Angebot von Forschung bzw. Promotion – ein solches Beharren ist nach meiner Meinung in der Gefahr, Kleinteiligkeit zu sehr festzuschreiben. Natürlich stellt sich das von Land zu Land unterschiedlich dar. Für Baden-Württemberg aber mit seinen zur Zeit fünf Hochschulen birgt der Vorschlag der Ministerin die Chance einer effektiven Reform.

BZ: Dem Vorschlag des Landesrechnungshofes zufolge müsste die Kapazität aller Hochschulen landesweit um ein Sechstel zurückgefahren werden. Rasenmäherprinzip?
Nolte: Eher schlimmer. Es gibt ja unterschiedliche Möglichkeiten zu kürzen. Der Landesrechnungshof schlägt eine nivellierende Kürzung vor, mit dem Ziel, am Ende alle fünf Hochschulen auf etwa gleiches Niveau zu stellen. Das hätte für Freiburg struktureinschneidende Ausmaße zur Folge, für Trossingen dagegen eine Aufstockung.

Die Debatte ist reduziert auf das Simpelschema "Böse gegen Gute"

BZ: Der Landesrechnungshof warf den Musikhochschulen auch vor, sie bildeten über den Bedarf aus? Tun Sie das? Und wie lässt sich der Bedarf überhaupt seriös errechnen?
Nolte: Dieser Behauptung liegen keine gesicherte Zahlen zugrunde. Es gibt je unterschiedliche Vermutungen und subjektiv geprägte Beobachtungen, es gibt sachlich beobachtbare Reduzierungen, etwa im Orchesterbereich, doch zeigt sich beispielsweise der Berufsmarkt für Kirchenmusiker wiederum stabiler als häufig angenommen. Darüber hinaus muss darauf hingewiesen werden, dass viele Musiker die Form einer "Patchwork-Existenz" leben – ein Patchwork etwa aus Orchesteraushilfe, Unterrichten, Kammermusik, oder anderen musikalischen Tätigkeiten. Jedoch zu behaupten, dass diese Lebensform Existenz sichernd ist, ist wiederum auch hinterfragenswert. Bekannt ist nämlich, dass nicht wenige – hochqualifizierte – Musiker unterhalb einer steuerlichen Radargrenze leben und damit in keiner Arbeitslosenstatistik erscheinen. Doch gibt es auch dafür keine verlässlichen Erhebungen. Aber zu behaupten, auf dem Berufsmarkt sei für Musiker alles in Ordnung und man könne weiter ausbilden wie man wolle, grenzt für mich an Verantwortungslosigkeit.

Zudem muss ich daran erinnern, dass wir keine Berufsschulen sind, sondern Universitäten. Bei geisteswissenschaftlichen Studien etwa zeigt sich das Verhältnis von Studium und Berufsmarkt weit drastischer. Allerdings sind diese Studien billiger als das Musikstudium. Das ist sicherlich ein Problem. Wenn ich aber bedenke, dass der Kulturanteil am Gesamthaushalt ungefähr ein Prozent ausmacht, relativiert sich dieser Aspekt wiederum sehr.

BZ: Wäre es denn da nicht die einfachste Lösung, Studiengebühren für Studierende aus dem Nicht-EU-Ausland einzuführen? Die Leipziger Musikhochschule geht bekanntlich diesen Weg ab dem kommenden Wintersemester.
Nolte: Wir sind vom Ministerium einzeln abgefragt worden, ob wir für Gebühren für Nicht-EU-Ausländer sind oder nicht, und alle fünf Hochschulen haben sich dafür ausgesprochen. Jedoch gibt es da juristische Probleme, die übrigens auch in Sachsen noch nicht geklärt sind. Wenn Ihre Frage aber meint, dass mit den Gebühren ein adäquater finanzieller Ausgleich geschaffen würde, dann stellt sich das Problem schwieriger dar: Die Verwendungsmöglichkeiten von Studiengebühr-Einnahmen sind nämlich klar formuliert. Das heißt, mit den Einnahmen können keineswegs alle anstehenden Ausgaben aufgefangen werden.
"Trotz aller Proteste habe ich noch von keinem vergleichbaren Gegenkonzept gehört."

BZ: Haben Sie den Eindruck, dass die Debatte – gerade in der Politik – frei von Tabus geführt worden ist? Wie steht es um die Frage, ob die Schließung einer Musikhochschule im Lande nicht der gangbarere und womöglich vernünftigere Weg wäre?
Nolte: Wenn Sie damit Trossingen meinen, dann ist es seit Jahrzehnten schon die Frage, ob ein Standort mit 15.000 Einwohnern und einem Kino für Musikstudierende der adäquate Ort ihrer Ausbildung ist. Das Struktur-Konzept aber sieht ja gerade vor, dass der Standort Trossingen erhalten bleiben soll.

BZ: Wie ist Ihr derzeitiger Eindruck? Wird sich für das Konzept des Wissenschaftsministeriums eine Mehrheit im Parlament finden? Ist es alternativlos?
Nolte: Aus Gesprächen weiß ich, dass Politiker unterschiedlicher Parteien keineswegs gegen dieses Konzept sind. Das aber ist bekanntlich nicht identisch mit der Veranlassung zu politischem Verhalten. Ich kann nur hoffen, dass der inhaltlich bezogene und gestaltend angelegte Plan von Ministerin Bauer schließlich so überzeugend wirkt, dass Ärgernisse über vielleicht mangelnde Kommunikation nicht ausschlaggebend für eine Entscheidung sind, sondern dass man erkennt, um was es hier geht, nämlich um die Chance einer innovativ angelegten Reform. Denn eines muss man festhalten. Trotz aller Proteste habe ich noch von keinem vergleichbaren Gegenkonzept gehört, außer vielleicht dem, dass alles so bleiben soll wie es ist. Dagegen hätte und habe ich gar nichts. Das geht halt nur nicht, wenn gekürzt werden muss.
Reformkonzept des Ministeriums

Die Eckpunkte des Wissenschaftsministeriums sehen den Erhalt aller fünf baden-württembergischen Standorte vor. Dabei wird eine starke Profilbildung vorgeschlagen. 500 Studienplätze werden abgebaut. Nicht betroffen vom Abbau ist die Schulmusik.
  • Freiburg, Karlsruhe und Stuttgart werden als "Voll"-Musikhochschulen in bisherigem Umfang erhalten.
  • Mannheim konzentriert sich auf Jazz, Popmusik und Tanz. Die Popakademie wird in die Musikhochschule Mannheim integriert und erhält Hochschulstatus.
  • Trossingen konzentriert sich auf Alte Musik und Elementare Musikpädagogik.
  • Die Ausbildungskapazitäten für Jazz und Pop im Hauptfach werden landesweit in Mannheim gebündelt, die Ausbildung für Elementare Musikpädagogik und Alte Musik in Trossingen.
  • Die Standorte Freiburg, Karlsruhe und Stuttgart vereinbaren miteinander weitere Profilbildungen.
  • Die Räumlichkeiten und die Verwaltungskapazität der MHS Trossingen werden für eine landesweite Musikhochschulakademie zur Verfügung gestellt, die Kurse zur intensiven Förderung junger Künstler und Ensembles sowie Meisterkurse miteinander verbindet. (Quelle: Ministerium)

    Durch das neue Modell sollen vier Millionen Euro eingespart werden.

Rüdiger Nolte

Der promovierte Literaturwissenschaftler, Jahrgang 1951, war in verschiedenen Stationen des Literatur-, Medien- und Musikbetriebs tätig. 1994 Leitung der Festtage Alter Musik Stuttgart. Von 1998 an Dramaturg beim Freiburger Barockorchester. Seit 2006 Rektor der Freiburger Musikhochschule.

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Autor: Alexander Dick