Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

09. Januar 2015 09:14 Uhr

Terror in Paris

Satire darf alles – zum 125. Geburtstag von Kurt Tucholsky

Vor 125 Jahren wurde der Satiriker Kurt Tucholsky geboren. Der Terroranschlag in Paris gibt seinen Gedanken zu dieser Kunstform eine neue Aktualität. Der berühmteste: "Was darf Satire? Alles!"

  1. Kurt Tucholsky Foto: dpa

Was er wohl gesagt hätte? Was er geschrieben – oder wie manche heute mutmaßen: gebloggt hätte nach diesem rabenschwarzen Mittwoch, dem 7. Januar 2015? Kurt Tucholsky wäre sich doch wohl treu geblieben, so entlarvend, so scharfsinnig und so radikal wie gewohnt? Unvorstellbar, dass der Journalist und Schriftsteller, der heute auf den Tag vor 125 Jahren auf die Welt kam, seinen berühmtesten Aphorismus relativiert hätte: "Was darf Satire? Alles!"

Tucholsky hat den Sieg des Nationalsozialismus über die Demokratie noch erlebt. Deutschland, das Deutschland der fragilen Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg, hatte er bereits 1924 verlassen. Er starb vor 80 Jahren im schwedischen Exil. An einer Überdosis Schlaftabletten. Leiser war der politisch so lautstarke Linke und Pazifist bereits zuvor geworden. 1932, im Jahr seines allmählichen publizistischen Verstummens, klagte er darüber, dass seine Artikel und Texte im Falle eines Nachdrucks immer häufiger verkürzt, der "Giftzähne" beraubt oder mit kritischen Zusätzen veröffentlicht würden und äußerte eine Bitte an die "verehrte" Kollegenschaft: "Druckt meine Aufsätze nicht, wenn eure Abonnenten und Inserenten zu fein dafür sind. Lasst mich unzensiert. Ich möchte nicht mit einer Ausgabe für Kinder und Militär herauskommen, bar aller Schärfe, ohne jene Salzkörner, um derentwillen die Speise serviert worden ist. Euern Leuten bekommt das nicht? Dann lasst das ganze Gericht fort."

Werbung


Anzeige gegen Kabarettisten Dieter Nuhr

Die Botschaft, die der ganz offensichtlich verletzte Autor mit diesen Worten verbindet, alarmiert einen Tag nach dem verheerenden Anschlag auf die Redaktion des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo mit zwölf Todesopfern umso mehr. Lautet sie denn nicht: Wenn Ihr keine Satire vertragen könnt, dann lasst sie lieber gleich weg, bevor Ihr sie verwässert! Das erinnert an so manche mehr oder weniger offen vorgetragene Forderung, auf derlei Satire zu verzichten, als im September 2005 die dänische Zeitung Jyllands-Posten zwölf umstrittene Mohammed-Karikaturen abdruckte. Vor dem Hintergrund einer erzürnten arabischen Welt war es zu zahlreichen – radikalen – Protestaktionen weltweit gekommen. Nicht wenige Bedenkenträger und Versteher aus der abendländischen Hemisphäre mahnten damals zur Besonnenheit und zum Rückzug der Satiriker. Weil die Verwundungen es nicht wert seien. Noch frischer in Erinnerung ist die Anzeige eines Moslems gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr im vergangenen Oktober, weil dieser in seinen Programmen verkündete: "Wenn man nicht wüsste, dass der Koran Gottes Wort ist, könnte man meinen, ein Mann hätte ihn geschrieben." Der Vollständigkeit halber: Die zuständige Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen gegen Nuhr ein – sie habe, teilte sie im November mit, die Freiheit der Kunst gegen den Schutz von Religionsgemeinschaften abgewogen. Doch auch hier gab es genug Stimmen, die dem Kabarettisten vorwarfen, zu weit gegangen zu sein mit seinem Spott.

Mahnende Stimmen angesichts des Terrors

Mahnende Stimmen auch angesichts des Terroranschlags von Paris. Der Würzburger Medienwissenschaftler Lutz Frühbrodt unterstreicht aktuell in einem Interview zwar die durch Artikel fünf des Grundgesetzes garantierte Presse- und Meinungsfreiheit als auch die Freiheit der Kunst. Einschließlich deren Grenzen, dort, "wo Satire zur Schmähkritik entgleist", etwa wenn "Personen und ihre Eigenschaften in den Dreck gezogen" würden. Nachdenklicher stimmen seine Äußerungen zu den ethisch-moralischen Grenzen von Religionssatire: "Zwar lebt Satire von Zuspitzung und Übertreibung, aber überall dort, wo dann doch pauschalisiert wird, sollte zumindest nicht der humoristische Holzhammer zum Einsatz kommen." Wie definiert sich der satirische "Holzhammer"? Mit Blick auf die Maschinengewehre der Attentäter von Paris scheint es sich doch um eine vergleichsweise harmlose Waffe zu handeln...

Kurt Tucholsky war sich ihrer Wirkungskraft gleichwohl bewusst. Und ihres Sprengpotenzials. Seine 1919 im Berliner Tageblatt veröffentlichte, so oft zitierte Satire-"Definition" diskutierte die Thematik in einem Artikel auch deutlich differenzierter. Der Satiriker sei "ein gekränkter Idealist", schrieb er. Er wolle "die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an". Weshalb Übertreibung und Ungerechtigkeit zum "tiefsten Wesen" der Satire gehörten. Bemerkenswert auch, was Tucholsky den Empfängern satirischer Botschaften abverlangte: "Nun kann man gewiss über all diese Themen denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten, aber die Berechtigung eines ehrlichen Mannes, die Zeit zu peitschen, darf nicht mit dicken Worten zunichte gemacht werden." Geschweige denn Schüssen.

Der Satiriker –"gekränkter Idealist"?

Wenn Tucholsky im gleichen Jahr in der Weltbühne urteilte, Satire sei heute – 1919 – gefährlich geworden, "weil auf die spaßhaften Worte leicht ernste Taten folgen können, und dies umso eher, je volkstümlicher der Satiriker spricht", lässt das aufgrund seiner Aktualität in der Gegenwart erschauern. Der Satiriker Tucholsky, der die Zensur des Kaiserreichs noch miterlebt hatte, warf seinen Zeitgenossen vor, nicht zu wissen, was es heiße, frei zu sein.

Vor diesem Hintergrund lässt sich Tucholskys erwähnte Notiz von 1932 dann doch eher als eine Bestätigung seiner Prinzipien sehen. Und die lauten: Beraubt Satire nicht ihrer Schärfe und den Satiriker nicht seiner Giftzähne. Viele der Solidaritätsbekundungen der letzten Stunden zu Charlie Hebdo, zu den Opfern und ihren Angehörigen scheinen diese Sprache zu sprechen. Welch empfindliches, hohes Gut die Freiheit des Wortes in einer demokratischen Gesellschaft ist, zeigen die historischen Rahmenbedingungen von Tucholskys Leben ebenso wie die unserer wieder einmal in ihren Prinzipien erschütterten Gegenwartsgesellschaft. Mag der Satiriker ein "gekränkter Idealist" sein, wie Tucholsky befand. Ihm ist tausend Mal mehr zu trauen als dem gekränkten Fanatiker.

Mehr dazu:

Autor: Alexander Dick