Schweigen konserviert die Vergangenheit

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Fr, 27. Oktober 2017

Kultur

Podiumsdiskussion zum Thema Erinnerungskultur in Freiburg.

Die Suche nach einem angemessenen Umgang mit der Vergangenheit ist selten einfach, wie in Freiburg zuletzt die Diskussion um den Platz der Alten Synagoge zeigte. Hitzige Debatten, so notwendig sie für eine lebendige Demokratie sind, erschweren jedoch, sich gemeinsam darauf zu besinnen, welche Erinnerungskultur in der heutigen Gesellschaft sinnvoll und gewünscht ist.

Aus diesem Grund haben der Gedenkstättenverbund südlicher Oberrhein, das Colloquium politicum der Uni Freiburg, die Katholische Akademie und die Landeszentrale für politische Bildung (LpB) als Gastgeber in ihre Außenstelle in der Bertoldstraße geladen, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Erinnerung allgemeiner und umfassender ins Blickfeld zu rücken. Das Podium war mit Aleida Assmann, die an der Uni Konstanz zum Thema kulturelles Gedächtnis forscht, dem Historiker und Friedensforscher Wolfram Wette und Sibylle Thelen, die bei der LpB für Gedenkstättenarbeit zuständig ist, hochkarätig besetzt und wurde von BZ-Redakteur Wolf Rüskamp als Historiker kompetent moderiert.

Nagelprobe für Erinnerungskultur in Deutschland ist der Umgang mit der NS-Zeit. Für den umreißt Wette folgenden Zeithorizont: Nach dem Krieg 40 Jahre Schweigekartell, aufgebrochen von den 68ern, die 25 Jahre Fakten gegen eine aufgeschreckte Gesellschaft sammelten und als Überbringer furchtbarer Botschaften, die keiner hören wollte, verfemt wurden. Wette hat diese Zyklen mit der Erforschung der Karriere des Waldkircher SS-Mannes Karl Jäger, der für den Tod von 140 000 Juden verantwortlich war, selbst durchlaufen und konnte das Bonmot der Historiker, nachdem man nie am eigenen Wohnort forschen soll, bestätigen.

Assmann beschrieb diese Zyklen lieber als Übergang vom Schluss- zum Trennungsstrich. Nach dem Krieg wollten alle einen Schlussstrich ziehen, um alles auf den Aufbau einer neuen Zukunft zu richten. Dieser Schlussstrich hatte aber auch eine dunkle Seite. Traumata verschwinden nicht durch Verleugnung. Schweigen konserviert die Vergangenheit. Dieses Schweigen brach in der Breite der Gesellschaft erst mit dem Historikerstreit in den 80ern richtig auf. Gedenken wurde möglich und Erinnern als Akt erfahren, sich durch Auseinandersetzung mit der Geschichte auch von ihr distanzieren und einen Trennstrich ziehen zu können.

Thelen bestätigte, dass erst nach dem Schweigekartell durch bürgerschaftliches Engagement Gedenkstätten möglich wurden. Ohne engagierte, mutige Einzelne vor Ort gäbe es keine Gedenkstätten, die von 17 in Baden-Württemberg auf 70 angewachsen sind. Auch der Mauerfall war ein wichtiger Schritt in die heutige Erinnerungskultur, gerade in Abgrenzung zu der in der DDR. Während es in Bergen-Belsen einen hauptamtlich Beschäftigten gab, waren es in Buchenwald 100, allerdings wurden dort alle Baracken abgerissen, bis auf die, in der Ernst Thälmann hingerichtet wurde – instrumentalisiertes Erinnern.

Sollten in Zukunft Gedenkstätten etwas sein, wo man, wie Altkanzler Schröder anregte, gern hingeht, lenkte Rüskamp den Blick nach vorn. Assmann fand es gut, dass das Stelenfeld in Berlin attraktiv ist, wozu aber untrennbar das Infocenter gehört. Auf den Genozid dürfe kein Mnemozid, kein Gedächtnismord, folgen, der Auslöschung der Menschen muss die Wiedergewinnung der Namen folgen. Wenn die Zeitzeugen sterben, werden Aktionen wie "Zweitzeugen", bei denen junge Menschen den Stab der Zeitzeugen übernehmen und weitertragen, immer wichtiger. Wette betonte, dass Erinnern nie Selbstzweck sein, sondern immer in Richtung besserer Zukunft wirken soll, was Thelen durch die praktische pädagogische Aufgabe von Gedenkstätten gefördert sieht. Ein randvoll gefüllter Saal folgte mit Gewinn dieser spannenden Diskussion.