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26. Januar 2010

Sparsamer Wohnriese

Vorbild für die energetische Sanierung von Hochhäusern: In Freiburg entsteht Deutschlands erstes Passivhochhaus

  1. Ökologisch neu durchdacht: Hochhaus in Freiburg-Weingarten Foto: kunz

Für Öko-Touristen könnte es neben Vauban bald ein neues Pilgerziel in Freiburg geben: In der Bugginger Straße 50 im Stadtteil Weingarten wird gegenwärtig ein 16-stöckiges Hochhaus der Stadtbau zu Deutschlands erstem "Passivhochhaus" umgebaut. Bis Ende 2010 soll das zur Zeit noch schmutziggrüne Gebäude aus dem Jahr 1968 in frischer Farbe erstrahlen. Das Wichtigste liegt dabei unter dem neuen Anstrich: Eine 20 Zentimeter dicke Dämmschicht aus Mineralfaserplatten und eine mit Unterstützung des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) konzipierte Gebäudetechnik mit kontrollierter Lüftung sollen dafür sorgen, dass das Gebäude künftig mit nur noch 15 Kilowattstunden Heizenergie pro Quadratmeter und Jahr auskommt – früher verbrauchte es mehr als das Vierfache. Die Sanierung erfolgt im Rahmen des Modellvorhabens "Niedrigenergiehaus im Bestand" der Deutschen Energie-Agentur (dena), in dem seit 2003 bundesweit 330 Wohngebäude, darunter viele Plattenbauten aus DDR-Zeiten und ihre westdeutschen Pendants aus den 1960/1970er-Jahren energetisch modernisiert werden.

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Viel Effekt mit wenig Mehraufwand


Sebastian Herkel, Gruppenleiter Solares Bauen beim ISE, stellt den Leuchtturmcharakter des Projekts heraus . Von Vorteil sei, dass die Bauweisen dieser Epoche bestimmten Typologien folgten, so dass sich die bei der Sanierung eines bestimmten Gebäudetyps gefundenen Lösungen leicht auf andere übertragen ließen. "Bei einem großen Gebäude wie dem Hochhaus in der Bugginger Straße gibt es zudem ein günstiges Verhältnis von Volumen zu Oberfläche, das den Energiebedarf mindert", so Herkel . Trotz dieser günstigen Voraussetzungen sei der Umbau "bei diesem ersten Haus eine Herausforderung": Zum Beispiel müssten Durchbrüche für die neue Haustechnik geschaffen werden, ohne die Statik des Gebäudes zu beeinträchtigen, denn ohne die zentrale Belüftung mit Wärmerückgewinnung wären die gewünschten Energiekennwerte nicht zu erreichen.

In puncto Energieeffizienz wird dem Freiburger Projekt, wenn es einmal fertiggestellt ist, niemand etwas vormachen – ein anderer Rekord bleibt jedoch bis auf Weiteres in Berlin: Das im Stadtteil Lichtenberg gelegene Doppelhochhaus der Berliner Wohnungsbaugesellschaft Howoge ist mit 21 Stockwerken, 296 Wohnungen und 18000 Quadratmetern Wohnfläche zur Zeit Deutschlands größtes Niedrigenergiehaus. Die neun Millionen Euro teure Sanierung des maroden Plattenbaus aus dem Jahr 1974 wurde im März 2007 abgeschlossen und erbrachte eine Senkung der Energiebedarfs um mehr als die Hälfte.

Das Berliner Gebäude und weitere Sanierungsbeispiele habe man sich im Vorfeld des Freiburger Projekts natürlich angeschaut, erzählt der Technischer Leiter der Stadtbau, Manfred Börsig. Allerdings wollte man hier noch einen Schritt weiter gehen, da die Stadt Freiburg auf städtischen Bauflächen generell den – energetisch noch günstigeren – Passivhaussstandard anstrebe. Diesen Ansatz findet auch ISE-Projektleiter Sebastian Herkel prinzipiell sinnvoll: "Politisch ist es sicher richtig, dass man auf den Passivhausstandard setzt; ob dieser in jeder Situation immer das Richtige ist, muss man von Fall zu Fall entscheiden. Es geht darum, technisch machbare und bezahlbare Lösungen zu finden."

Technisch machbar ist heute vieles – ob und wie es bezahlbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Ohne erhebliche Fördermittel lassen sich aufwändige Sanierungen wie diese auf keinen Fall realisieren. So erhält das Freiburger Projekt neben einem zinsgünstigen Kredit von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) einen Zuschuss aus dem Programm "Soziale Stadt" von 4,7 Millionen Euro, das sind rund 35 Prozent der Sanierungskosten. Eine weitere Million gibt es für die wissenschaftliche Begleitung dieses und weiterer Sanierungsprojekte in Weingarten-West. "Nur durch diese Fördermittel ist ein solches Projekt im Moment wirtschaftlich darstellbar", räumt Manfred Börsig ein. Um die Sanierungskosten zu refinanzieren, könne man die Miete nämlich nicht beliebig hochsetzen: "Unsere Adressaten gehören nicht zu den Spitzenverdienern."

Um die Mieten stabil zu halten, bedient man sich bei der Stadtbau eines zusätzlichen Kniffs: Bei der Sanierung wird die vermietbare Fläche erhöht, indem die bisherigen Loggien des Gebäudes geschlossen und neue Balkone außen angesetzt werden, was aus energetischen Gründen ohnehin geboten ist. Zugleich werden die Grundrisse verkleinert. Die Mieter, die nach der Sanierung zurückkehren, erhalten somit für die gleiche Warmmiete eine um 16 Quadratmeter kleinere Wohnung, dafür mit Neubaukomfort.

Plattenbauten gibt es überall
Von den rund 13 Millionen Euro Sanierungskosten entfallen nach Angabe von Manfred Börsig 12 bis 14 Prozent auf den Passivhausstandard. Sinnvoll investiertes Geld? Bei der Berliner Howoge hat man es jedenfalls nicht bereut, etwas mehr für einen besseren als den gesetzlich vorgeschriebenen Energiestandard ausgegeben zu haben: "Mit sechs Prozent Mehrinvestition haben wir 30 Prozent mehr Effekt erreicht", freut sich Howoge-Sprecherin Angela Reute. So gesehen könnten das Berliner Niedrigenergie- und bald auch das Freiburger Passivhochhaus wegweisend für die künftige Sanierung der Großsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre sein , die viele Städte vor sich herschieben. "Früher, in der DDR, dachten wir in unserer Naivität, Plattenbauten gäbe es nur im Osten, aber die gibt es ja überall", lacht Angela Reute. "Und mit unserem Projekt haben wir gezeigt, wie man so ein Haus mit relativ günstigen Mitteln energetisch flott machen kann."

Autor: Reinhard Huschke