Tödlicher Hass

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Fr, 21. Februar 2014

Kultur

Die Freiburger Vortragsreihe "Gewaltprävention und Ästhetik": Richard Schindler über "Amok".

Bilder sind zerstört worden, großformatige Fotografien. Entstanden waren sie im Rahmen eines Kunstprojekts an der Albert-Schweitzer-Werkrealschule in Freiburg. Liebevoll und aufwendig hatten die jungen Fotokünstler ihre Schöpfungen gerahmt und in öffentlich zugänglichen Bereichen der Schule an die Wand gehängt. Sie zu zerstören, war ein Kinderspiel. Wohl mit einem Cuttermesser haben der oder die Täter die schützenden Glasscheiben aufgeritzt – eine Tat von Sekunden, sozusagen im Vorbeigehen.

Warum tun die das, was war die Motivation der Täter, ist man zu fragen versucht. Der Freiburger Künstler Richard Schindler, der das Projekt initiiert und begleitet hatte, wendete die Frage anders: Was bedeutet die Tat? Was wird darin sichtbar? Das Ereignis war für Schindler Anlass genug für die dreiteilige Vortragsreihe "Gewaltprävention und Ästhetik" am Ort des Geschehens. Im Januar hatte ein Psychologe über Mobbing referiert; im März spricht ein Erziehungswissenschaftler über Ästhetik. Schindler selbst schlug in seinem Vortrag einen großen Bogen zwischen dem Bildersturm in der Werkrealschule und dem zeitgenössischen Phänomen des Amoklaufs. Er räumte ein, dass man beim Thema Amoklauf als Referenten eher einen Psychologen oder Soziologen erwarteten würde. Dass auch ein Künstler Gewichtiges zur Diskussion beisteuern könne, bewies er im Laufe seines Vortrags.

Den in seiner Zerstörungskraft eng begrenzten Bildersturm an einer Realschule zum Anlass für einen Vortrag über Amoklauf zu nehmen, könnte prima vista etwas überzogen erscheinen; doch zeigen beide Phänomene auffällige Parallelen. Indem Bilderstürmer zum Ziel ihrer Attacken häufig Darstellungen von Menschen wählen, haben sie mit Amokläufern eines gemein: tödlichen Hass. Der "zentrale Link" zwischen Kunst und Amoklauf aber, so Schindler, ist neben dem Fehlen von Sprache die Bedeutung des Sehens. Nicht nur agiert der Amokläufer sprachlos wie ein Kunstwerk. Sondern was für Bilder gilt – dass sie gesehen werden, ohne selbst zu sehen –, trifft buchstäblich auf ihn selber zu. "Blindwütend" tötet er laut Kluges Etymologischem Wörterbuch Menschen. Als blindes Subjekt der Tat, macht er sich zum Gegenstand der entsetzten Blicke der Objekte seines Hasses. Er rückt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Der Amokläufer, der bis zum Zeitpunkt der Tat stets nur sah, nie gesehen wurde, wird erstmals gesehen – und verweigert seinerseits den Blick. Er setzt darin die Reziprozität des Sehens als zentrale Eigenschaft des Sozialen außer Kraft. Auf der Walstatt seines blinden Wütens, ließe sich zugespitzt formulieren, hinterlässt er Bilder. Wenn laut Shakespeare Tote Bilder sind – nämlich ihrer selbst als der Lebenden, die sie waren – , verwandelt der Amokläufer seine Opfer, wie in der finalen Selbsttötung auch sich selbst, in Bilder. Er schafft ein trostloses Tableau unaussprechlicher Trauer.

Schulen sind die häufigsten Ziele von Amokläufern. Dort entstehen aber auch, pausenlos, andere und trostreichere Bilder: Graffiti, Kritzeleien auf Schulbänken und ähnliche Mutwilligkeiten. Für Schindler sind es "persönliche Hinzufügungen", die eine "Auszeit" dokumentieren, ein Heraustreten aus der grauen Monotonie schulischer Routine: "Spielplätze des Selbst" und, darin Gewaltprävention per se, "wahrhaft kreative", "poetisch schöne Momente", die es leuchten zu lassen gelte.
– Der abschließende Vortrag: Norbert Jüdt zum Thema Ästhetik. Am 19. März, Albert-Schweizer-Schule II, Habichtweg 46, Freiburg Landwasser, um 20 Uhr.