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16. Oktober 2015

Von Baden über Mexiko zu sich selbst

Vortrag über den Porträtmaler und Auswanderer Winold Reiss.

  1. Winold Reiss: Zapatista Soldiers, 1920 Foto: Veranstalter

Heimat. Was lässt sich zu diesem Kondensat aus geographischen Koordinaten, Herkunft und kultureller Identität jenseits der hoch emotionalisierten Tagesaktualität von Pegida und Willkommenskultur erzählen? Das Freiburger Carl-Schurz-Haus macht in den Räumen der Katholischen Akademie das angenehm unaufgeregte Angebot, dies unter Anleitung des Pianisten Jens Barnieck und des Amerikanisten Frank Mehring am Beispiel des badischen Auswanderers Winold Reiss zu verhandeln, in einer Mischung aus Musik und multimedial unterfüttertem Vortrag.

Reiss wurde 1886 in Karlsruhe geboren und ist in Freiburg aufgewachsen. Vater Fritz Reiss war als Düsseldorfer einer der wichtigsten Schwarzwaldmaler und lehrte den Sohn das Malen. Winold fühlte, obwohl viel im Badischen unterwegs, schon im Kindesalter – nach dem Besuch einer Show des legendären Buffalo Bill in Karlsruhe – dass er eigentlich im Land der Indianer leben wollte. Mit 27 Jahren wanderte er nach New York aus, machte in den USA als Künstler Karriere und gründete eine einflussreiche Schule.

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Zunächst machte der Erste Weltkrieg ihn aber wieder zum Deutschen: Reiss wurde unterstellt, ausgerechnet für das Land zu spionieren, dessen kriegerisches Gebaren 1913 dazu führte, dass der bekennende Pazifist Deutschland den Rücken kehrte. Recht heimisch wurde er als US-Bürger in New York, fernab der Indianer, wegen denen er gekommen war, nicht. Das änderte sich mit einer Reise durchs postrevolutionäre Mexiko. Dort erlebte der Immigrant erstmals das Gefühl, "heimgekommen" zu sein.

Für den Amerikanisten Mehring ist das ein Schlüsselmoment in Reiss’ Leben. Aus der mexikanischen Perspektive findet der ausgewanderte Badener einen eigenen Zugang dazu, was eine US-Identität für ihn bedeuten könnte: die Verwirklichung einer gleichberechtigten, demokratischen Vielfalt. Das prägte seine Sprache als Porträtist, und so wurde sie auch verstanden.

Das galt für die mexikanischen Banditen, die ihn in den postrevolutionären Wirren überfielen, sich dann aber von ihm porträtieren ließen. Das galt für die erste Blüte afroamerikanischer Kunst in der "Harlem Renaissance" zwischen 1920 und 1930, die er mit seinen Bildern mitprägte. Und das galt auch für seine Indianerporträts, die er endlich doch bei den Blackfeet in Montana verwirklichen konnte. Der Blackfeet und arbeitslose Zirkusarbeiter "Gelber Hirsch", den er Jahre zuvor einmal bei sich aufgenommen hatte, war vor Reiss’ Porträtier-Manie noch geflohen. In Montana war er willkommen.

Was wird also ein deutscher Amerikanist, der in Holland lehrt, über einen badischen Landschaftsmaler mit Heimweh nach Mexiko erzählen, der in den USA als Erneuerer der Kunst und Inbegriff des amerikanischen Traums teils verehrt und von der rechtspopulistischen Tea-Party-Bewegung gehasst wird, und dessen Asche die Blackfeet in Montana verstreut haben?

Freiburg: "Ein Tannenwald wie im Schwarzwald. Winold Reiss in Mexiko", Katholische Akademie, heute, Freitag, 19 Uhr.

Autor: Jürgen Reuß