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22. Dezember 2011 11:13 Uhr

BZ-Interview

Was der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff über die katholische Kirche sagt

Eberhard Schockenhoff ist Professor für Moraltheologie in Freiburg und einer der renommiertesten Vertreter seines Fachs. Johannes Adam hat mit ihm über Erscheinungsbild und Außenwirkung der katholischen Kirche gesprochen.

  1. Hat die Leitungsvollmacht: Papst Benedikt XVI. Foto: dpa

  2. Eberhard Schockenhoff (58) Foto: Thomas Kunz

BZ: Herr Schockenhoff, der Papstbesuch in Deutschland war für viele ein Ereignis. Die in diesen Besuch gesetzten und zum Teil überzogenen Hoffnungen, etwa bei der Ökumene oder dem Kommunionempfang wiederverheirateter Geschiedener, aber wurden fast alle enttäuscht. Hinterher herrschte eine Leere, war es, als seien Kirche und Gesellschaft in ein Loch gefallen. Sehen Sie das auch so?
Eberhard Schockenhoff: Dass es überzogene Hoffnungen im Vorfeld gab, ist sicher richtig. Allerdings gab es auch realistische Erwartungen, die durchaus erfüllbar gewesen wären. Diese Hoffnungen wurden enttäuscht, weil der Papst auf dem Gebiet der Ökumene und der wiederverheirateten Geschiedenen keine Bewegung gezeigt hat. In der Ökumene wurde die Frage gestellt, wie es sich in konfessionsverschiedenen Ehen verhält. Es ist immerhin so: Zwei getaufte Christen, ein evangelischer und ein katholischer, sind durch die Ehe verbunden, die ja nach katholischem Verständnis ein Sakrament ist. Somit ist der evangelische Teil gleichsam schon in der sakramentalen Ordnung der katholischen Kirche. Es ist gar nicht so einfach zu begründen, warum er dann von der Kommunion ausgeschlossen werden soll, auch wenn beide Kirchen noch immer unterschiedliche Vorstellungen von dem haben, was Einheit bedeutet. Das ist das grundsätzliche Problem, das einer generellen Abendmahlsgemeinschaft im Weg steht. Nach katholischer Auffassung gehört die sichtbare Einheit zum Verständnis der Kirche hinzu. Nach evangelischem Verständnis ist zur Einheit ausreichend, dass Kanzeltausch und Mahlgemeinschaft möglich sind. Dann können die Kirchen auch nach dem Modell der versöhnten Verschiedenheit getrennt nebeneinander existieren. Trotz dieser Differenzen wäre realistisch erwartbar gewesen, dass bei konfessionsverschiedenen Ehen die katholische Kirche selber einen ersten Schritt tut.

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BZ: Der Papstbesuch ist bislang in der Öffentlichkeit nicht aufgearbeitet – auch nicht in der Deutschen Bischofskonferenz. Teilen Sie diesen Eindruck?
Schockenhoff: Soweit man das verfolgen konnte, fand in der Bischofskonferenz eine Diskussion darüber statt. Man hat sicher auch unterschiedliche Bewertungen vorgenommen. Man darf solch ein Ereignis aber auch nicht hochstilisieren. Das ist in der Geschichte einer Ortskirche ein wichtiges geistliches Ereignis, aber man darf nicht erwarten, dass ein Papstbesuch eine grundsätzliche Wende der seelsorglichen Situation bringt.

BZ: Sie haben Papst Benedikt einen nicht-kommunikativen Stil vorgeworfen. Es drohe eine Spaltung zwischen Papstkirche und Ortskirche. Wo liegt für Sie das eigentliche Problem?
Schockenhoff: Das Problem liegt darin, dass es seit fast fünf Jahrzehnten, seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, zwischen Rom und den deutschen Bistümern Kommunikationsstörungen gibt. Wir hatten ab 1971 die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland in Würzburg. Das war ein wichtiger Schritt in der nachkonziliaren Umsetzung der Reformen des Konzils. Da wurden Fragen wie der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, Fragen einer lebensnäheren Sexualethik, auch die Frage des Diakonats der Frau behandelt. Diese Fragen wurden damals in großer Einmütigkeit in der deutschen Kirche gestellt und mit Zustimmung der deutschen Bischöfe in Rom vorgetragen. Darauf gab es bis heute keine Antwort. Rom hat sich den Problemen verweigert, teilweise wurden die Diskussionen abgeblockt. Die Fragen waren damit aber in der Sache nicht gelöst. Bei einem Papstbesuch kommen diese unerledigten Aufgaben wieder aufs Tapet. Die Probleme haben sich verschärft, und die Ungeduld wächst. Als junger Theologe war der heutige Papst ja ein mutiger Vordenker seiner Kirche. Und er hat gerade in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen einen Weg gewiesen, der bis heute in den amtlichen Verlautbarungen der Kirche noch nicht realisiert ist.

BZ: Er hat sogar 1970 ein Memorandum mit unterzeichnet, das eine "Überprüfung des Zölibatsgesetzes" forderte...
Schockenhoff: Niemand stellt den Zölibat in dem Sinn in Frage, dass er ihn aufheben möchte. Aber: Es muss auch andere Zugänge zum Priestertum geben. Seit seiner Einführung im 11. Jahrhundert war der geistliche Sinn des Zölibats vor allem der, dass er eine individuelle Lebensform ist im Sinn der Hoffnung auf das Reich Gottes. Zudem hatte er aber auch einen praktischen Sinn, da er die Seelsorge erleichterte, weil die Priester besser verfügbar waren. Nun droht zum ersten Mal in der Geschichte der Kirche das Festhalten am Zölibat als dem alleinigen Zugang zum Priesteramt der Seelsorge zu schaden.

BZ: Welches Menschenbild steckt hinter dieser Kommunikationsstruktur?
Schockenhoff: Die katholische Kirche ist in sich weniger ein monolithischer Block, als das von außen vielleicht so erscheint. Das Leben der Kirche vollzieht sich auf verschiedenen Ebenen. Da sind ganz oben der Papst und die Bischöfe, die die Kirche leiten und lehrmäßige Entscheidungen fällen. Dann gibt es die Ebene der theologischen Diskussion, also der intellektuellen Auseinandersetzung – das ist gerade in den säkularen Gesellschaften, wo die Kirche ja nur eine Stimme neben vielen anderen ist, etwas ganz Wesentliches. Und drittens gibt es das Leben vor Ort, in den Diözesen und den Gemeinden. Da ist häufiger eine viel größere Vielfalt anzutreffen, als das der uniforme Blick von oben erahnen lässt.

BZ: Ist die katholische Kirche so, wie sie ist, überhaupt dialogfähig?
Schockenhoff: Die Kirche ist sehr lebendig, es findet viel Austausch statt. Es hakt allerdings in der obersten Ebene, weil Rom da eher eine Einbahn-Kommunikation von oben nach unten sieht, bei der die untere Ebene nur die Entgegennahme von getroffenen Entscheidungen zu leisten hat. Man könnte sagen: Was alle angeht, muss auch von allen beraten werden.

BZ: Weshalb wird bei der Kirche, sei es in Rom oder im Freiburger Ordinariat, so viel gemauert? Hat man etwas zu verbergen, oder ist es Hybris, ist man sich zu fein für einen wirklichen Dialog?
Schockenhoff: Institutionen haben oft eine Eigenstruktur und eine Eigendynamik. Wenn man im Umfeld des Zentrums ist, sieht man alles aus der Perspektive des Zentrums. Nicht selten herrscht eine Einschätzung vor, dass man Einflüsse, die von außen kommen, vor allem als Störung wahrnimmt, während sie ja eigentlich Hilfeschreie und Notsignale sind.

BZ: Der Papst hat bei seinem Besuch gesprochen – auch bei seiner Rede im Freiburger Konzerthaus. Aber kaum jemand wusste, was er meinte. Aus Ihrer Sicht ist das "von der Außenwirkung her fatal". Jesus hat in Gleichnissen geredet, in einer einfachen Sprache, die von den Menschen verstanden wurde. Warum nimmt sich seine Kirche nicht ihn zum Vorbild?
Schockenhoff: Der Papst hat in einer knappen, dichten Rede einen Begriff verwendet, der irritierend ist: Das ist der Begriff der Entweltlichung. Es ist sicher richtig, dass die Kirche immer in der Gefahr der Verweltlichung steht. Dieser Begriff aber ist in sich unklar, weil die Kirche ihre Aufgabe in der Welt hat. Gerade nach katholischem Verständnis ist sie keine unsichtbare, rein geistliche Größe, sondern sie hat die Aufgabe, in der Welt das Evangelium zu bezeugen. Eine Kirche, die nicht in der Welt den Menschen dient, verfehlt ihren eigentlichen Sinn. Das aber wird in dem Begriff Entweltlichung überhaupt nicht ausgedrückt. Dieser Begriff bräuchte ein Gegenüber. Dann kam die Vermutung, der Papst habe den Abschied von der Kirchensteuer gefordert. Das hat er so nicht gesagt, darüber kann man nur Mutmaßungen anstellen. Das Merkwürdige war, dass man sich hinterher die Augen gerieben hat und sagte: Was hat er eigentlich gemeint, was wollte er sagen?

BZ: Welchen Begriff würden Sie dem der "Entweltlichung" gegenüberstellen?
Schockenhoff: Dass die Kirche ein Stück der Welt ist. Biblisch gesprochen: Die Welt ist der Acker ihres Wirkens. Man muss sich mit den Menschen, die Adressaten der Botschaft des Evangeliums sind, solidarisieren, man muss ihre Lebenswelt kennen, ihre Probleme, man muss ihre Sprache sprechen. Man muss ihre Denkwelt erforschen. Positiv könnte man das durch den Begriff der Zeitgenossenschaft zum Ausdruck bringen.

BZ: Wie überhaupt tickt diese Kirche – etwa so: Rom hat das Sagen, und das Fußvolk hat zu kuschen?
Schockenhoff: Was in Kardinalsköpfen vor sich geht, weiß ich nicht. Die Wirklichkeit der katholischen Kirche ist nicht mehr so. Es gibt in Deutschland in vielen Kreisen einen antirömischen Affekt, eine latente Empörungsbereitschaft. Rom tut auch viel dazu, damit sie am Leben bleibt. Aber dass man in einer Duckmäusermentalität ständig nur darauf wartet, Weisungen entgegenzunehmen, das ist sicher nicht so. Weil es seit 50 Jahren Dialogstörungen gibt, herrscht dieses große Misstrauen. Es beruht leider auf Gegenseitigkeit.

BZ: Fehlt der Kirche eine Streitkultur?
Schockenhoff: Eine Streitkultur ist etwas Notwendiges und Gutes. Es muss aber auch eine Form der Verkündigung geben, die die Menschen tatsächlich erreicht.

BZ: Papstsekretär Georg Gänswein hat, und zwar über Umwege, den Diözesanrat, die Laienorganisation seines Freiburger Heimatbistums, wegen kritischer Äußerungen zum Papstbesuch gerügt. Wie bewerten Sie dieses Vorgehen?
Schockenhoff: Die ganzen Vorgänge um einen angeblichen Leserbrief sind eine Groteske.

BZ: Die Menschen laufen der Kirche davon. Ist es ihnen zu verdenken?
Schockenhoff: Wenn jemand diesen letzten Schritt tut, ist ja meistens eine Vorgeschichte der Entfremdung vorangegangen. Man findet dann immer Gründe, diesen Schritt vor sich selbst zu rechtfertigen. Diese Gründe benennen teilweise wirkliche Probleme, die die katholische Kirche nicht gelöst hat. Jeder Kirchenaustritt ist zu bedauern. Die Mitgliedschaft in der Kirche ist ja nicht mit der Mitgliedschaft in einer politischen Partei oder einem Verein vergleichbar. Wenn man aus der Kirche austritt, gibt man eine geistliche Beheimatung auf und erhält nichts Gleichwertiges. Manchmal helfen auch Steuerberater ein bisschen nach.

BZ: "Die Kirche ist kein Selbstzweck", heißt es im Memorandum der Theologieprofessoren und -professorinnen zur Krise der katholischen Kirche vom 4. Februar 2011. Das auch von Ihnen unterzeichnete Memorandum blieb weitgehend folgenlos. Schmerzt Sie das?
Schockenhoff: Wenn man ein solches Memorandum unterschreibt, muss man mit kritischen Gegenfragen rechnen. Ich hätte mir eine offenere Debatte und Reformen gewünscht. Insofern schmerzt mich das schon. Vor allem aber ist ja kein wirklich alternativer Weg erkennbar. Kein einziges Problem wird durch Nichtbefassung gelöst, die Krise verschärft sich nur.

BZ: Das Zweite Vatikanische Konzil sprach von einer "ecclesia semper reformanda", von einer Kirche, deren Wesen es ist, sich fortwährend zu reformieren. Mit der heutigen Situation aber ist das schwer in Einklang zu bringen...
Schockenhoff: Dass die Kirche ständig der Reform, der Reinigung bedarf, gilt zuerst für das Leben der Christen. Strukturen in der Kirche können das persönliche Glaubensleben behindern. Insofern bedürfen auch Strukturen der Reform und der Anpassung.

BZ: Sie sind Priester. Ohne engagierte Laien und ohne Frauen liefe in der Kirche schon lange nichts mehr. Was ist das größere Problem – sind es die Laien, oder ist es eher der nach oben hin immer mehr verkrustete Klerus?
Schockenhoff: Die Laien sind nie ein Problem in der Kirche. Die Laien sind die Gläubigen, das Volk Gottes, sie bilden die Kirche. Im Klerus ist die Altersstruktur objektiv gesehen ein Problem. Das hat nichts mit innerer Verkrustung zu tun. Gerade die Jahrgänge der Priester, die durch das Konzil geprägt waren, sind oft aufgeschlossener als die Jüngeren. Das Alter aber ist ein Problem, vor allem wenn man die Ausübung des geistlichen Amtes allein an den zölibatären Klerus bindet.

BZ: Der jetzige Papst ist 84. Wäre es nicht angebracht, über eine Begrenzung der Amtszeit von Päpsten nachzudenken?
Schockenhoff: Das würde sicher die Form der Ausübung des Amtes verändern. Nur der Papst mit seiner Leitungsvollmacht könnte selbst seine Amtszeit begrenzen – dann, wenn er zu der Einschätzung kommt, dass er seinem Amt nicht mehr gewachsen ist. Das ist grundsätzlich möglich, aber bisher erst einmal im Mittelalter geschehen. Eine Begrenzung der Amtszeit im Sinne eines Automatismus würde die Wahrnehmung des Petrusamtes sehr verändern.

BZ: Die geistige Präsenz der Kirche in der gesamten Gesellschaft sei lebenswichtig, sagte der Mainzer Kardinal Karl Lehmann. Leider fällt diese Kirche aber vor allem in letzter Zeit eher durch Querschüsse auf. Wie kann man sich da noch Sympathie verschaffen?
Schockenhoff: Die Kirche hat sicherlich auch eine kritische Aufgabe in der Gesellschaft. Sie muss nicht alles gutheißen. Sie kann aber Kritik nur äußern, wenn ein Grundeinverständnis da ist – wenn die Menschen spüren, dass Kritik aus Liebe zu ihnen geäußert wird, aus einer fundamentalen Nähe zu ihnen. Wenn man aber den Eindruck hat, es sind Querschüsse, weil grundsätzlich das Prinzip der modernen Welt abgelehnt wird oder weil man Misstrauen gegenüber der Freiheit immer noch spürt in kirchlichen Verlautbarungen oder dass die Kirche noch nicht angekommen ist in der Moderne, dann bringt sich die Kirche selbst um die Chance, heute gehört zu werden.

BZ: Wie lässt sich die Situation ändern?
Schockenhoff: Jeder muss an der Stelle, an der er steht, seine Aufgabe so gut tun, wie er es kann. Er muss freimütig sein, dem freien Wort Gehör geben in der Kirche. Er muss offen die Probleme benennen, die sich aus seiner Sicht stellen, und versuchen darüber in einen Dialog mit anderen zu kommen. Aber der Glaube lebt nicht nur vom Probleme lösen und von Strukturdebatten. Jeder muss an seiner Stelle dazu beitragen, dass etwas von der Freude des Glaubens in der Kirche sichtbar wird. Wenn das alle tun, dann geht es uns nicht schlecht.

Autor: Johannes Adam