Wie die Musik funktioniert

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Sa, 08. März 2014

Kultur

Das "Institut für Feinmotorik" gastierte beim Klangkunst-Festival "Sound Surrounds" in Freiburg.

Fast auf den Tag genau vor elf Jahren war das Institut für Feinmotorik, kurz IFF, zum ersten Mal in Freiburg. Damals präsentierten die Bad Säckinger ihr Octogrammoticum im Rahmen der ElektroLounge im E-Werk, um anschließend Platten aufzulegen. Heuer bestreitet das IFF eine Plattform beim Klangkunst-Festival "Sound Surrounds" und ist im Kammertheater des E-Werks zu Gast. Mittlerweile zu höchsten Weihen gekommen – ausgezeichnet mit dem Karl-Sczuka-Preis 2011 für Hörspiel als Radiokunst – avancierte das Institut zu einer internationalen Institution in Sachen Klang- und Rhythmusforschung, wobei auch andere Medien wie Buch und (bewegtes) Bild zur künstlerischen Entfaltung dienen.

Nun stehen da zwei verschrammte und beklebte Laptops auf einem Tisch im Kammertheater-Saal des E-Werks, dahinter sitzen Florian Meyer und Daniel van den Eijkel und erzählen. Die vier Gründungsmitglieder – dazu gehören noch Marc Matter und Mark Bruederle – kennen sich seit der Schule, gründeten eine Antifa-Gruppe und ein autonomes Jugendzentrum und sie waren, wie so viele damals Mitte der 90er Jahre, DJs. Bald aber galt das Interesse dem, was an den Schallplatten undefiniert war. Das sind zum Beispiel die Endlosrillen, dort kann man selber Hand anlegen. Anfangs reiste das Institut mit kiloweise Schallplatten durch die Gegend, um seine Klangexperimente mit Schallplatten und -spielern vorzuführen, später ersetzten CDs das Vinyl (die glatte Oberfläche eignet sich besonders gut, etwas rein zu ritzen), aufgestellte Papierkleber, Gummis – vom dünnen Ring bis zur Einmachglasdichtung – erweiterten das Klangspektrum. Büroklammern, Radiergummis, Kleinkram halt.

Die beiden plaudern so unaufgeregt über den Erfolg und die Reputation des IFF, als wäre das Ganze immer noch ein Treppenwitz der Avantgarde. Und doch lieferte das Institut immer auch einen künstlerisch intellektuellen Kontext mit – wobei Selbstironie ein wichtiger Bestandteil ist. Die präparierten Plattenspieler erinnern an John Cages "Prepared Piano", die Bezeichnung Octogrammoticum klingt bedeutungsschwer, beinhaltet aber nichts anderes als ihr Instrument: acht Plattenspieler, vier Mischpulte und ein Tisch. Eindrücklich zeigt ein Film in Nahaufnahme, wie die Musik funktioniert. Wenn zum Beispiel die Nadel auf einem gespannten Gummi reibt und je nach Dicke Brummen oder Sirren erzeugt.

Ausgezeichnet wurde das IFF für das Radiostück "Die 50 Skulpturen des Institut fuer Feinmotorik", das aus einer SWR-Veranstaltung zu "Art’s Birthday 2011" im Zentrum für Kunst und Medien hervorgegangen ist und zwar ausdrücklich für die Sinnlichkeit der Klänge. Tatsächlich markiert das Werk einen Scheideweg des Kollektivs. Zum ersten Mal wurde der Computer zur Hilfe genommen, um einzelne Sounds zu bearbeiten. Dabei ist der Begriff "Skulptur" absolut ernst gemeint, die 49 Stücke in verschiedener Länge (Nummer 50 ist der Tisch) fungieren als Klangbausteine, die beliebig zusammengesetzt werden sollen. Bald gibt es im Netz eine Applikation, mit der das jeder zuhause machen kann. Es funktioniert ganz einfach, wie die Vorführung zeigt. Jeder kann zum Klangkünstler werden.

In Berlin, Köln, Karlsruhe und Bad Säckingen sind die vier mittlerweile beheimatet, aufgrund der Entfernung bestimmt hauptsächlich der Computer die Kommunikation untereinander und das Musikmachen. Das Stück "59:0" besteht aus vierteiligen Soundschnipseln, die mit 59 Sekunden Länge beginnen und im Sekundentakt kürzer bis zu drei Sekunden werden. Der Clou daran: Keiner wusste vorher, was der andere macht. Nun fragt sich der Hörer, wie harmonisch sich Fremdes sein kann. Das Institut für Feinmotorik hat nicht nur für sich eine ganz eigene Aura geschaffen. Man darf gespannt sein, was noch kommt: kulturanthropologische und klangexperimentelle Studien über das, was auf dem angeblich stillen Örtchen passiert – oder wird ein neues Kapitel der Tanzmusik aufgeschlagen: mit Rhythmen, die scheinbar immer schneller werden.