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26. September 2016 00:00 Uhr

Kunst

Addie Wagenknecht stellt in Basel aus

Sie ist eine Meisterin der starken Metaphern. Die US-amerikanische Netzaktivistin Addie Wagenknecht stellt im Haus der elektronischen Künste in Basel aus.

Nichts habe die Rolle der Frauen in der digitalen Kultur so sehr geprägt wie die Erfindung des Personal Computers in den Achtzigern und seine Vermarktung als "boys’ toy", sagt Addie Wagenknecht. Die 35-jährige Amerikanerin weiß, wovon sie spricht. Seit sie als Teenager ihre ersten Computerviren programmierte, war sie immer alleine unter Jungs.

Wenn Kunst und Netz kollidieren

Ihre Ikone, erzählt sie heute, hieß nicht Bill Gates, sondern Ada Lovelace, Pionierin aller Programmiersprachen, ihr Ziel nicht Kommerz, sondern Kreativität und Kommunikation. 2014 gründete sie zusammen mit anderen Hackerinnen, Forscherinnen und Netzaktivistinnen das cyberfeministische Kollektiv "Deep Lab", arbeitet nebenbei in diversen Open-Source-Projekten unter anderem an der Entwicklung frei zugänglicher High-Tech-Hardware wie dem 3-D-Cutter "Lasersaur" und widmet sich ansonsten ihrer Kunst, mit der sie die Grenzen der Freiheit sichtbar machen möchte, die das Netz verspricht, auch wenn wir es längst besser wissen.

Der Titel der Ausstellung, die ihr das Basler Haus für elektronische Künste derzeit widmet, bringt Wagenknechts künstlerisches Anliegen gut auf den Punkt: "Liminal Laws" heißt die Schau, es geht um die subtilen, kaum wahrnehmbaren Gesetzmäßigkeiten, die unseren Alltag, das gesellschaftliche Zusammenleben und unseren Blick auf die Welt so sanft regulieren, dass es sich beinahe schon organisch anfühlt – ohne es freilich zu sein.

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Gleich im Entree des abgedunkelten Saals hängen so vier schusssichere Glasscheiben an dünnen Seilen von der Decke. Auf den Oberflächen funkeln im Licht eines Spots Kussmünder und Fingerabdrücke. Es sind die Spuren eines vergeblichen Bemühens: Schon in den Achtzigern zerbrach sich die Forschung den Kopf darüber, warum Frauen in Großunternehmen bei gleicher beruflicher Qualifikation nachweislich so viel schlechtere Chancen auf eine Führungsposition hatten wie Männer.

Geändert hat sich daran wenig – bis heute gehört die "gläserne Decke" zu den tragenden Elementen der Architektur der Macht. Auch die meisten anderen Arbeiten widmen sich dem Zusammenhang von Transparenz und Kontrolle. Materialien wie Lippenstift und Panzerglas bleiben dabei allerdings die Ausnahme. Wagenknechts bevorzugter Werkstoff ist die digitale Information. Und die findet sie mit wenigen Klicks. Für die Projektion "While you were away" etwa hat die Künstlerin 70 000 ungesicherte Überwachungskameras auf der ganzen Welt angezapft, deren Live-Bilder in den Kunstraum übertragen werden. Plötzlich finden wir uns in den Fluren von Privatwohnungen wieder, in Kellern, Garagen oder Schlafzimmern von Sex-Cam-Betreiberinnen – und zwar dank eines Algorithmus nur dann, wenn gerade kein Mensch im Bild ist. Es ist eine verstörende Arbeit, denn ausgerechnet die Abwesenheit jedes Lebenszeichens in den verwaisten Räumen verstärkt hier das Gefühl der totalen Überwachung.

Der Multikopter als Pinsel

Für ihre großformatige Gemäldeserie "Black Hawk Powder" verwendete sie statt eines Pinsels einen ferngesteuerten Multikopter, den sie über das Papier fliegen und die Farbe darüber wie Kampfmittel abwerfen ließ. Jüngere Bilder dieser Serie basieren auf den Flugdaten von Drohnen, wie sie in Krisengebieten eingesetzt werden. Dass Wagenknecht zwischen diesen Papierbahnen das raumgreifende Modell einer realen Drohne platziert hat, verleiht den abstrakten, geradezu poetisch anmutenden Action Paintings eine erstaunlich suggestive Kraft.

Vollends als Meisterin der starken Metapher erweist sich Wagenknecht mit ihrer dreiteiligen Skulptur-Serie "Liberator Gun Vases". Die futuristischen Objekte aus dem 3-D-Drucker basieren auf Daten der berüchtigten, 2013 von ein paar Hackern zum Gratis-Download und Ausdruck am Heimplotter entwickelten "Liberator Gun". Indem Wagenknecht den Open-Source-Code umschrieb, ließ sie die Waffe zur Vase mutieren und führt so auf eindringliche Weise vor, dass Technologie weder gut noch schlecht, aber eben auch nie neutral ist.
Termin

Haus der elektronischen Künste, Freilager-Platz 9, Basel-Münchenstein. Bis 6. Nov. Mi bis So 12-18 Uhr.

Autor: Dietrich Roeschmann