Kunstmesse

art Karlsruhe gibt entspannten Einblick in Stand des Kunstmarktes

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Do, 22. Februar 2018 um 20:30 Uhr

Kunst

Die Zeichen stehen schon seit längerem nicht mehr auf Boom. Gleichwohl ist die art Karlsruhe die größte Messe für Klassische Moderne und Gegenwartskunst im süddeutschen Raum.

Leon Löwentraut sitzt mit überkreuzten Beinen auf einem Lederhocker, ganz hinten in Halle 4. Er trägt Sonnenbrille, fette Silberkette, Designer-Sneakers von Nike, der Löwe auf seinem Kenzo-Pulli bleckt die Zähne: Roaar! Seit vier Jahren wird Löwentraut durch die Medien gereicht. Spiegel, Bild, KiKa, TV Total – jeder hat das Wunderkind schon interviewt. Und auch heute sind die Kameras dabei, als der inzwischen 20-Jährige von seinem Galeristen bei der Vernissage der art Karlsruhe ins Rampenlicht geschoben wird und Sachen sagt wie: "Als ich gestern die Hängung meiner Bilder hier auf Instagram sah, dachte ich nur: wow! Ich meine: Das ist absolut perfekt!" Die Bilder, das sind großformatige Figurenporträts im Basquiat-meets-Picasso-Look, direkt aus der Farbtube auf die Leinwand gequetscht, ziemlich laut, ziemlich grell und ziemlich ähnlich. Das gilt auch für die Preise. Um die 40 000 Euro kostet so ein echter Löwentraut. Zehn von zwölf Bildern aus der ersten Hängung sind bereits vor der VIP-Preview verkauft.

Na bitte, könnte man jetzt sagen: Überzogene Preise für grelle Bilder eines Retorten-Genies – ist das nicht eine großartige Metapher für die gegenwärtige Verfassung des Kunstmarktes? Klar – könnte man. Nur: Mit dem Kunstmarkt, wie er sich auf der diesjährigen art Karlsruhe präsentiert, hat das wenig zu tun. Und auch nicht mit der Realität der Branche abseits dieser größten Messe für Klassische Moderne und Gegenwartskunst im süddeutschen Raum. Tatsächlich stehen die Zeichen schon seit längerem nicht mehr auf Boom. Im Gegenteil. Laut des Global Art Gallery Reports von 2017, für den weltweit 8000 Galerien befragt wurden, steht ein Drittel der Betriebe knapp vor dem Aus und nur ein Fünftel erwirtschaftet nennenswerte Gewinne. Oder anders: 55 Prozent der Galerien machen weniger als 200 000 Euro Umsatz im Jahr. Zieht man die Hälfte davon als Künstlerhonorar ab und einen weiteren, nicht unerheblichen Teil für Mietkosten, dann lässt sich erahnen, welche Herausforderung es heute bedeutet, weiterhin jungen oder kaum bekannten Kunstschaffenden den Weg in den Markt zu ebnen.

Die Qualität ist angenehm hoch

Dabei sind die Galerien nach wie vor die Portiers des Kunstbetriebs. Wen sie aufbauen und kontinuierlich begleiten, hat Chancen, später auch den Sprung ins Museum zu schaffen. Das lässt sich tatsächlich kaum irgendwo so gut nachvollziehen wie an der soliden, mittelständisch geprägten art Karlsruhe, die neben aktuell 215 Galerien aus 15 Ländern Jahr für Jahr – gewissermaßen exemplarisch – eine herausragende Privatsammlung aus Deutschland vorstellt. In diesem Jahr bestreitet diesen Auftritt das Baden-Badener Museum Frieder Burda mit einer Best-of-Schau voller Überraschungen von Baselitz und Beckmann bis Richter und Rothko, erstanden in – richtig: Galerien des Vertrauens.

Auch ansonsten ist die Qualität der Messe in diesem Jahr angenehm hoch – auch dank der erneut gewachsenen Zahl ambitionierter "One Artist Shows". Der Freiburger Galerist Albert Baumgarten rückt in diesem Format etwa Arbeiten von Camill Leberer in den Fokus, dessen funkelnde Stahlmalerei "Südlicher Seiteneingang" mit Flex, Rolle und Lack eine schwindelerregende Räumlichkeit erzeugt (8800 Euro). Neue Arbeiten von Eva Rosenstiel zeigt Ulrike Claeys, darunter eine schöne Typologie sattgrüner Nadelgehölze in Öl auf Schwarz-Weiß-Fotografien von Wolkenhimmeln (2200 Euro), während Kralewski zwei wunderbare abstrakte Landschaften des Malers Henning Grießbach dabei hat (je 4500 Euro) sowie die atemberaubenden Betonskulpturen von Matthias Dämpfle, dessen 1,5 Tonnen schweres Vogelperspektivporträt "Untitled (Alfred)" (48 000 Euro) einen der prominentesten Plätze der Messe – direkt vorm Eingang – besetzt.

Galerie Stahlberger aus Weil am Rhein präsentiert tolle, farbintensive Schichtzeichnungen von Franz Erhard Walther aus dem Jahr 1969 (je 4800 Euro), bei Michael Sturm aus Stuttgart lohnt ein Blick auf die jüngsten Kugelschreiberarbeiten des früheren art-Karlsruhe-Preisträgers Thomas Müller (je 1800 Euro), die Kölner Galerie Mirko Mayer überrascht mit XXL-Fotografien schwebender Elektroschrotthaufen des Finnen Pasi Orrensalo (9500 Euro), und die Karlsruher Galerie Meyer Riegger – im Sommer auch an der Art Basel dabei – zeigt neben unheilvoll leuchtenden Arbeiten von Miriam Cahn und Daniel Knorr eine Serie herrlicher Baumgruppenporträts von Jonathan Monk im Stil des Italieners Salvo. Der Preis der Bilder berechnet sich nach Anzahl der gemalten Bäume – pro Stamm 500 Euro.

Ein wunderbar flüchtiger Gegenpol

Trotz aller Unaufgeregtheit gibt es aber auch in diesem Jahr die publikumswirksamen Ausreißer ins Unerschwingliche – Ernst Ludwig Kirchners bezaubernde "Sängerin" von 1930 ist bei Henze & Ketterer für 3,7 Millionen Euro zu haben – oder in monumentalen Polit-Kitsch wie jene aufwändig inszenierte Kollision eines russischen Kampfjets in Originalgröße mit zwei schwarzen Cadillacs der Präsidenten-Klasse, die Bernd Reiter im Skulpturenareal der Berliner Galerie Michael Schultz als Display für blutige Nachrichtenbilder aus dem Syrienkrieg in die Halle gewuchtet hat. Preis für dieses wenig subtile Mahnmal: 1,1 Millionen Euro.

Einen wunderbar flüchtigen Gegenpol bot am Eröffnungstag der Freiburger Jürgen Oschwald mit seiner Performance für das SWR-Magazin "Kunscht", in der sich Moderator Denis Scheck kurzerhand mit ein paar an seine Hüfte gelehnten Latten in eine wild improvisierte Raumzeichnung aus Messemobiliar eingespannt sah. Große Poesie für einen unverkäuflichen Augenblick.

art Karlsruhe, Messe Karlsruhe, Messeallee 1, Rheinstetten. Bis 25. Februar, Fr bis So 11–19 Uhr. http://www.art-karlsruhe.de