Berlin hat nicht die Absicht, eine Mauer zu bauen

Nada Weigelt

Von Nada Weigelt (dpa)

Sa, 22. September 2018

Kunst

Behörden genehmigen umstrittenes DAU-Projekt nicht.

Es war ein Projekt der Superlative: Vier Wochen lang wird eines der vornehmsten Areale Berlins rund ums Kronprinzenpalais mit einer Mauer abgeriegelt. Sie entsteht aus 420 tonnenschweren, echten Betonelementen. Dahinter sollten bis zu 3000 Menschen täglich erleben können, wie sich eine Diktatur anfühlt. Beteiligt waren prominente Künstler wie der Filmemacher Tom Tykwer ("Lola rennt", "Babylon Berlin") und die Performerin Marina Abramovic. Jetzt sind die hochfliegenden Pläne des russischen Filmemachers Ilya Khrzhanovsky gescheitert. Die Berliner Verwaltung hat dem Projekt "DAU Freiheit" die Genehmigung verweigert. Aus Sicherheitsgründen, wie sie sagt. Ist das eine neue Provinzposse aus der großen Hauptstadt Berlin?

So einfach ist es nicht. Seit der Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg 2010 und dem Terroranschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt 2016 sind die Behörden bei der Genehmigung von Großveranstaltungen besonders vorsichtig. Niemand will riskieren, dass es aus Nachlässigkeit oder Schlamperei zu einem neuen Unglück kommt. Die Vorsicht nehmen auch die Berliner Behörden für sich in Anspruch. "Dem Veranstalter war es nicht möglich, einen sicheren Ablauf der Veranstaltung zu garantieren", so ihr Fazit. "Es wäre unverantwortlich, ja sogar grob fahrlässig, darüber hinwegzugehen."

Tatsächlich werden die Veranstalter auf ihr eigenes Konto nehmen müssen, dass sie – vorsichtig gesagt – recht blauäugig und vielleicht auch nachlässig an die Sache herangegangen sind. Statt wie üblich etwa ein Jahr für das Genehmigungsverfahren zu veranschlagen, sollte alles in zwei Monaten über die Bühne gehen. Zudem kamen, so die Behörden, Unterlagen zu spät oder gar nicht. "Allem Anschein nach haben die Veranstalter die Komplexität ihres Vorhabens komplett falsch eingeschätzt", sagt die Vorsitzende im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses, Sabine Bangert (Grüne). Bei der Wahl des Ortes hätten sie "regelrecht naiv und mit einer nicht zu verstehenden Ignoranz der örtlichen Gegebenheiten" agiert.

So gab es dort noch nicht einmal einen sicheren Platz, um den Schwerlastkran für die Anlieferung der wuchtigen Betonelemente aufzustellen. "Schade, es wäre sicherlich ein spannendes Projekt geworden", so Bangert. Das sehen freilich längst nicht alle Berliner so. Selten hat ein Kulturereignis – unabhängig von den Sicherheitsfragen – die Gemüter so gespalten wie dieses.

Darf man in einer Stadt, die fast drei Jahrzehnte unter Trennung, Mauer und Stacheldraht gelitten hat, diese unselige Situation als "Eventspielzeug" nutzen, fragen die einen wie die Stasi-Unterlagenbeauftragte Marianne Birthler und die Publizistin Lea Rosh. In einem offenen Brief verwiesen sie und ihre Mitstreiter auf das Leid, das die Mauer den Menschen in Berlin jahrzehntelang gebracht habe. "Wir wollen keine Mauer mehr sehen!" Es gehe nur darum, entgegnen die anderen, mit den Mitteln der Kunst die allseits wachsende Bedrohung der Freiheit deutlich zu machen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gehört zu denen, die die Absage bedauern. "Bei allem Respekt gerade auch denen gegenüber, die das Projekt schon im Vorfeld für eine Zumutung gehalten haben – ich hätte mich gefreut, wenn wir es in Berlin überhaupt kennengelernt hätten", erklärte sie. Auch die Berliner Festspiele reagierten als Veranstalter verwundert. Sie hätten nur eine E-Mail, aber nicht eine formelle Ablehnung ihres Antrags erhalten. Sie würden sich deshalb weiter im Austausch mit den zuständigen Stellen darum bemühen, die Antragsunterlagen zu vervollständigen. Ein Sprecher der Senatsverwaltung für Verkehr erläuterte, mit der E-Mail habe man die Veranstalter vorab informieren wollen, das formale Schreiben folge nächste Woche. "Die Entscheidung ist gefallen", betonte er.

Aber wer weiß, vielleicht kommt es ja doch noch dazu. Denn mit einem längeren Vorlauf und an einem anderen Ort könnten die Veranstalter womöglich bessere Chancen auf grünes Licht haben. Und die 6,6 Millionen Euro, mit denen die in London ansässige Stiftung des russischen IT-Unternehmers Sergei Adoniev das Projekt finanziert, gibt ihnen Spielraum. Zunächst wollten sie allerdings den Ablehnungsbescheid prüfen.

Am Freitag meldeten sich nach Angaben der beteiligten Produktionsfirma Phenomen Films weitere prominente Unterstützer wie Gérard Depardieu, Willem Dafoe, Isabelle Adjani und Fanny Ardant. Der chinesische Exilkünstler Ai Weiwei kündigte an, er habe mit dem DAU-Initiator Khrzhanovsky vereinbart, die Mauer zu bemalen.