Frankreich

Künstlerin gestaltet Fenster im Straßburger Münster neu

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Fr, 30. Januar 2015 um 00:10 Uhr

Kunst

Seit den 1970er Jahren hat es das im Straßburger Münster nicht mehr gegeben: Neu gestaltete Fenster für die Kathedrale. Véronique Ellena nutzt dabei eine innovative Technik.

Am Anfang war die Faszination für diesen erhabenen Ort. Das Straßburger Münster, ein Meisterwerk der Gotik. Dann die beiden schmalen Fenster in der Katharinenkapelle, beide neun Meter hoch, aus schmucklosem Glas, die es auszugestalten gilt. Noch sind sie blass neben der Pracht der erhaltenen Fenster aus dem 14. Jahrhundert in ihrer dunklen Buntheit. Véronique Ellena hat sich zu ihren Füßen neben dem südlichen Seitenschiff des Münsters eingerichtet.

In fünf Tagen hat sie 100 Straßburger Frauen, Männer, Kinder, alle verschiedener Herkunft, mit ihrer Kamera porträtiert. Sie hat die Blickwinkel verändert, mal die räumliche Distanz vergrößert, sie mal verkleinert. Aus den Fotografien anonymer Menschen, die sich nach einem Aufruf gemeldet haben, wird sie ein monumentales Christusbild zusammenfügen. Ein Spezialist für historische und moderne Glasfenster, Pierre-Alain Parot, wird Ellenas fotografische Komposition danach auf die beiden neuen Fenster für die Katharinenkapelle bannen.

Seit den 1970er Jahren hat es das im Straßburger Münster nicht mehr gegeben: Neu gestaltete Fenster für die Kathedrale, von Zeitgenossen entworfen, im Fall von Ellena zudem in einer innovativen Technik. Denn sie arbeitet nicht malerisch mit Glasfarben, auch wenn sie betont, die Malerei sei ihre größte Inspirationsquelle. Véronique Ellenas Medium ist die Fotografie. "Mich hat die Verbindung der Menschen mit der Kathedrale interessiert", benennt Ellena ihren Ausgangspunkt. "Ich wollte Menschen zusammenbringen und ihren Bezug zum Heiligen und zum Glauben in unserer Gesellschaft thematisieren." Sich selbst bezeichnet sie nicht als im religiösen Sinne gläubig. "Ich glaube an die Werte, die Menschen verbinden." Seit Anfang 2014 hat die französische Fotokünstlerin an ihrem Plan für Straßburg gearbeitet. Im Frühjahr kam sie in die Auswahl der letzten Drei. Schließlich überzeugte sie die Jury mit ihrem dezidiert zeitgenössischen Entwurf. "Als nächsten Schritt sichte ich das Fotomaterial", erklärt Ellena. "Mein Ziel ist es, aus vielen Einzelbildern feinste Abstufungen modellieren zu können." Ein erster Gedanke ist der Bezug zum italienischen Renaissance-Künstler Arcimboldo. Doch bei ihm seien die Komponenten, klassische Stillleben-Elemente wie Gemüse, Früchte, tote Tiere, sehr viel sichtbarer, als es ihr Plan für das Christusantlitz vorsehe. Mehr verrät Véronique Ellena vorerst nicht. Mit dieser Haltung hat sie nicht nur Spannung aufgebaut, sondern auch Kritik provoziert.

An der Spitze der Skeptiker, die einen der stimmigsten Bereiche des Straßburger Münsters bedroht sehen, hat sich der Pariser Kunsthistoriker Albert Châtelet, früher Konservator am Musée du Louvre, zu Wort gemeldet. "Die Katharinenkapelle stellt ein besonders kohärentes Ensemble aus dem 14. Jahrhundert dar, zudem mit außerordentlichen Fenstern aus dieser Zeit." Als sei es frevlerisch, nun eine zeitgenössische Schöpfung hinzuzustellen, schlägt der Verein der Freunde des Straßburger Münsters vor, alte, sich in den Depots befindende Fenster einzusetzen.

Dabei muss für die von Véronique Ellena entworfenen Fenster nichts Historisches weichen. Die originalen Gläser sind seit dem 17. Jahrhundert verschollen. Lediglich die oberen Fensterspitzen sind erhalten geblieben. Sie sollen mit den neuen Flächen bis September 2015 rechtzeitig zu den Tagen des offenen Denkmals wieder eingesetzt werden. Obendrein handelt es sich nicht um die ersten, neueren Fenster für das Straßburger Münster. Max Ingrand entwarf für den Chor eine Jungfrau. Sie war 1956 ein Geschenk des Europarates. Ohnedies ist das Münster ein Puzzle aus Jahrhunderten, mit in diesem Jahr tausendjährigen Fundamenten, einer 1439 vollendeten Turmspitze, einer Sakristei aus dem späten 17. und diversen Ergänzungen und Restaurationen aus dem 19. Jahrhundert.

Véronique Ellena, die den Rückhalt des staatlichen Auftraggebers genießt, reagiert deshalb ungerührt. Das Verfahren, entgegnet die Künstlerin, sei absolut transparent gewesen. "Wer die Qualität meines Vorschlags in Zweifel zieht, stellt die Kompetenz der Jury in Frage." Diese hat sich mit Ellena für eine in Frankreich und international mehrfach ausgezeichnete Fotografin entschieden. 1966 in Bourg-en-Bresse geboren, war sie unter anderem 2008 Stipendiatin der Villa Medici in Rom. Ihre Arbeiten sind in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen, unter anderem dem Centre Pompidou Paris vertreten.

In Straßburg harrt Ellena nun am fünften, kalten Tag in der wie das Münster aus Sandstein gebauten Kapelle aus. Sie platziert ihre Modelle, ausgerüstet mit Stativ und Kamera, vor einer weißen Leinwand. Ein Heizöfchen schafft Linderung. Ein junger Mann mit engelsgleichen Locken posiert als Erster. Ein junges Paar ist aus Mulhouse gekommen, weil es den besonderen Moment, kurz vor der Geburt des ersten Kindes, für ein gemeinsames Bild nutzen will. Eltern schicken den achtjährigen Sohn vor das Objektiv der Fotografin. "Er hat sich das gewünscht, er liebt das Münster so sehr", erzählt die Mutter. Véronique Ellena wählt ihre Positionen so aus, das Licht durch die beiden Fenster, die sie ersetzen wird, auf die Gesichter fällt. "Wenn die Fenster erst einmal vollendet und eingesetzt sind, wird das Licht nie wieder ungefiltert in die Kapelle fallen." Die Wintersonne, wie sie sich in diesem Augenblick in den Gesichtern der Porträtierten spiegelt, wird dann nur noch Erinnerung sein.