Verheißung und Verhängnis

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

So, 29. April 2018

Kunst

Der Sonntag Ausstellung im Freiburger Museum für Neue Kunst beschäftigt sich mit der digitalen Welt.

Hologramme erzählen von der Stigmatisierung von Muslimen, vibrierende Handys künden von Freud und Leid der Liebe in digitalen Zeiten: Im Freiburger Museum für Neue Kunst widmet sich eine Ausstellung dem World Wide Web. Und macht klar, wie das Netz Verheißung und Verhängnis sein kann.

Nein, weder geht es geradeaus zur Garderobe, noch hat man gegenüber seinen Ausweis zu zeigen: Die klobigen Leuchtkästen im Treppenhaus, wie sie von Flughäfen bekannt sind, weisen vielmehr darauf hin, dass es bei dieser Ausstellung auch um Geografie, beziehungsweise um Räume geht. In Freiburg um den "Raum" Internet, während im Herbst im unweit gelegenen französischen Mulhouse wirklich geografische Wahrnehmungen in einer Art Partnerausstellung künstlerisch untersucht werden.

Im "Neuland"

Zwei Wochen im September und eine im Oktober überschneiden sich die beiden Ausstellungen gar, es wird einen Shuttle-Service geben. "Wir haben als erstes festgestellt, wie unterschiedlich wir in unseren Ländern wahrgenommen werden, obwohl wir doch fast Nachbarn sind", erzählt Christine Litz vom Treffen mit ihrer Kollegin Sandrine Wymann. Auf der einen Seite die Freiburger, die, ganz im sonnigen Südwesten gelegen, als die Bewohner der Toskana Deutschlands gelten. Wenige Kilometer weiter haben die Bewohner von Mulhouse das Image von Nordlichtern. Mit der Provence und dem Languedoc-Roussillon können sie halt zwangsläufig nicht mithalten . . .

Noch durch eine Glastür, dann sind die Besucher angekommen in der Welt, die Bundeskanzlerin Angela Merkel einst als das "Neuland" bezeichnet hat. Eine Welt in der politisiert, in der manipuliert und die ökonomisiert wird. Von der immer mehr Schattenseiten bekannt werden, die aber auch immer wieder neues Licht bietet. Etwa in Form der Bestrebungen nach dezentralen Netzwerken, in denen die Nutzer wieder gleichberechtigt sein sollen. Die "Blockchain, an architecture of control" genannte Arbeit der Französin Louise Drulhe beschäftigt sich in der Freiburger Ausstellung damit, wie sich Nutzer heute von der monopolisierten Form des Internets zu emanzipieren versuchen, wie sie das Netz so wieder demokratisieren wollen. Soziale, politische und ökonomische Aspekte des Internets will Drulhe mit ihrer kartographischen Herangehensweise verstehen lernen, meint Elena Frickmann, die Kuratorin von "Your North is my South". Und so einen Weg finden, bei dem nicht mehr alle Macht in den Händen von Google, Amazon & Co liegt.

Dass die Digitalisierung auch ein Mittel derjenigen sein kann, die sich in ihren Rechten beschnitten sehen, ist bekannt. Darauf hebt auch ab, was der Pakistaner Asad J. Malik mit den Zuschauern im Museum für Neue Kunst macht. Mit seinem Namen und seinem Aussehen ist er etwa an Flughäfen in der Vergangenheit immer wieder zum Opfer von Stigmatisierung geworden. Nun lässt er Leidensgenossen zu Wort kommen, junge in den USA lebende Muslime. Das Besondere ist, dass dies nicht mit Tonbandaufzeichnungen oder in einem Video geschieht, sondern die Besucher des Museums sich Virtual-Reality-Brillen aufsetzen können und so die Hologramme ihrer Gesprächspartner sehen und hören. "Es geht hier auch um die Vis-a-vis-Situation von Besucher und Hologramm, die für einen anderen Bezug zu dem Gesagten sorgt", meint Christine Litz. Zudem spiele Asad J. Malik mit dem Einreiseverbot, das US-Präsident Donald Trump zwischenzeitlich für die Bürger diverser muslimischer Staaten verhängte: "Ein Hologramm braucht kein Visum."

Es geht aber auch viel privater und persönlicher. In der Videoarbeit von Jon Rafman etwa, dem von einer Beziehung nur ein Foto von Google Street View blieb. Und der sich danach auf eine Suche nach Street-View-Ansichten machte, die die ursprüngliche Liebe immer mehr in den Hintergrund geraten ließ. Oder im von der Südafrikanerin Carly Whitaker gestalteten Raum "digilove". Vibrierende Handys und gängige Klingeltöne erfüllen ihn, lassen jene aufhorchen, die es gewohnt sind, dass solche Klänge den Takt ihres Leben mitbestimmen. "Ich bin mittlerweile schon so konditioniert, dass ich auf diese Töne körperlich reagiere, etwa in Form eines erhöhten Pulses", gibt eine Besucherin freimütig zu.

Auf einem Bildschirm an der Wand hat Carly Whitaker ein Gedicht ans Internet verfasst. Hoffnungsvoll, trauernd und durcheinander lasse sie diese Welt zurück, die für sie Verbundenheit und Einsamkeit zugleich bedeute. Die ihr in Form digitaler Nachrichten immer gibt und gibt und die sie mitunter doch allein zurücklässt.
Your north is my south, Ausstellung im Museum für Neue Kunst, Marienstraße 10a, Freiburg. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr, bis zum 7. Oktober.