Kunst

Street Art in den Kasematten von Neuf-Brisach

Dietrich Röschmann

Von Dietrich Röschmann

Fr, 16. November 2018 um 19:30 Uhr

Kunst

Für viele ein Geheimptipp: Mausa Vauban im elsässischen Neuf-Brisach ist eine Ausstellungsplattform der internationalen der Street Art. Ein Porträt.

In Neuf-Brisach kann man sich schnell verlaufen in dem gitterartig angelegten Straßennetz, das hier um den einstigen Exerzierplatz in alle Himmelsrichtungen ausgeworfen ist. Gesäumt werden die Gassen von zweistöckigen Häusern im nüchternen Look einer Garnisonssiedlung, erbaut innerhalb der mächtigen Festungsanlage von Sébastien Le Prestre de Vauban. Das 2000-Seelen-Nest, seit 2008 im Unesco-Welterbe gelistet, gehört zu best erhaltenen militärischen Planstädten des Barock. Aus der Luft gesehen steckt es wie ein achtzackiger Wurfstern aus einer fernen Vergangenheit in der Landschaft.

Es ist früher Nachmittag, die Straßen sind leer gefegt, kein Mensch unterwegs. Aus der Ferne dröhnt ein Bagger, der den Asphalt vor einem längst geschlossenen Supermarkt aufreißt. Ein paar Kreuzungen weiter ragt der vierstöckige Neubau eines Altenheims auf. An der Seitenfassade prangt das Graffiti einer riesigen Hand, deren Zeigefinger sich einem roten Knopf nähert. Ist es Trump, Putin, Kim Yong-Un am Auslöser der Bombe? Oder doch nur ein Gast, der hier die Klingel drückt?

Tatsächlich weist das Wandbild des britischen Künstlers Pure Evil den Weg zum Musée d’art urbain et de street art, kurz Mausa Vauban, das hier im Juli in den Kasematten der historischen Festungsanlage eröffnet hat. Hinter einer unscheinbaren Stahltür im Hinterhof verzweigen sich dunkle Gänge, die im Zweiten Weltkrieg als Lazarett dienten. In einem Seitenverlies stehen Spraydosen nach Farben sortiert im Regal, flankiert von Sprühköpfen, Markern und anderem Künstlerbedarf für aktive Writer sowie einer kleinen Verkaufsbibliothek mit Bildbänden für die passiven Fans der Street Art.

"Das ist unser Museumsshop", grinst Clémentine Lemaitre, "wie in den großen Kunstmuseen – nur dass es dort keine Farben gibt, um gleich selbst Kunst zu machen". Die ausgebildete Juristin hat lange in der Verwaltung an diversen Stadtentwicklungsprojekten mitgearbeitet. Seit kurzem ist sie Direktorin des jungen Museums, das bereits der zweite Versuch ist, ein derartiges Projekt in Frankreich zu lancieren. Initiator beider Galerien ist der Gründer und Street-Art-Sammler Stanislas Belhomme. Im Sommer 2017 hatte er mit Geschäftspartnern die ehemaligen Baudin-Schmieden im jurassischen Toulouse-Le-Château erworben und zu einem Hot Spot der Urban- und Street Art-Szene umbauen wollen. 40 000 Besucher sollte das Museum in die Region locken. Allein am Eröffnungswochenende kamen 3000. Wäre es nach Belhomme gegangen, hätte Jahr für Jahr ein neues Mausa dazukommen sollen, später vielleicht auch im europäischen Ausland.

Doch im Oktober wurde der Elan des Förderers empfindlich gebremst: Handwerker und Künstler verklagten das Unternehmen, das das Mausa im Jura betrieb, auf die Begleichung unbezahlter Rechnungen in Höhe von 145 000 Euro. Der Badischen Zeitung gegenüber beteuert Belhomme, dass er keinen Einfluss auf die Zahlungsmoral seiner Geschäftspartner habe. "Ich hoffe, sie werden per Urteil zur Zahlung verpflichtet".

Die Entscheidung steht im Frühjahr 2019 an. Die Zukunft des Mausa Vauban sei davon jedoch nicht betroffen, sagt Belhomme. Das Museum werde von einer eigenen Gesellschaft betrieben, gesponsert von örtlichen Betrieben. Auch der Gemeindeverband Pays Rhin-Brisach ist involviert. Die Räume sind gemietet, Bauarbeiten waren erforderlich. Also: alles ganz sauber.

Aus den Kasematten weht derweil ein kühler, feuchter Kellergeruch. 16 Gewölbe umfasst das Mausa Vauban derzeit, jedes ist einem Künstler gewidmet. Zuletzt war hier der Brasilianer Rafael Sliks zu Gast und ließ aus lockerem Handgelenk gesprüht blutrote ornamentale Kürzel in dichten Schwaden über den Putz ziehen. Seine Arbeit wirkt wie ein Kommentar auf die in Schwarzlicht getauchten Textströme des Belgiers Denis Meyers, die im Raum nebenan als zähflüssige Masse zwischen den Porträts Dutzender Menschen aus der Nachbarschaft wogen.

In einem anderen Keller weht an leichten Stoffbahnen eine Graphic Novel von Philippe Herard über die Flüchtigkeit des Erinnerns von der Decke. Daneben zeigt der Brite Joseph Ford atemberaubende Fotos von Menschen in handgestrickten Camouflage-Pullovern, die sie mit ihrer Umgebung verschmelzen lassen; und während der Kolumbianer Chanoir die Wände mit seinen an Keith Haring geschulten Emoji-Gewittern in Regenbogenfarbverläufen überzieht, turnen auf dem Mauerwerk in den Gängen die gespenstischen "les hommes en blanc" von Altmeister Jérôme Mesnager, bereits seit Anfang der 1980er als Graffitikünstler aktiv. Nasty, ebenfalls eine Legende der französischen Szene, zeigt in Neuf-Brisach besprühte Metroschilder aus Paris, Banksy-Kumpel DRAN ein monumentales Diptychon mit grimmigem Kinderzombie auf Papier.

Zu den stärksten Arbeiten dieser Dauerausstellung, die sich allein über Eintritts- und Sponsorengelder finanziert, gehören jedoch die Wandbilder des Brasilianers Cranio, der mit leichtem Strich und intensiven Farben eine großartige Kritik des Postkolonialismus an die Wand gebracht hat, sowie die beunruhigend verwüsteten, mit der Zerstörung des Raumes spielenden Kinderporträts des Neosurrealisten Seth. Tritt man am Ende des Parcours aus der Stahltür in den Hinterhof neben dem Altenheim, ist es, als sei man gerade aus einem seltsam düsteren, ziemlich vertrackten, aber äußerst kurzweiligen Traum erwacht.

Mausa Vauban, Place de la Porte de Belfort, Neuf-Brisach, Di bis So 11–19 Uhr.
http://www.Mausa.fr/Mausavauban
Mehr Fotos unter http://mehr.bz/mausa