Als alle Sulzer evangelisch wurden

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Fr, 13. Oktober 2017

Lahr

Walter Caroli referierte, wie die Reformation in den Ort kam.

LAHR. Dass einige Lahrer Ortsteile eher katholisch, andere evangelisch geprägt sind, hängt nicht nur mit ihrer Lage zusammen, sondern vor allem mit den Herrschaftsverhältnissen. Das war eine der Informationen, die Walter Caroli am Mittwochabend in der Johannesgemeinde in Sulz an ein großes und interessiertes Publikum weitergab.

In Sulz gab es vor 450 Jahren sogar ausschließlich evangelische Einwohner, denn 1567 entschieden die Herren von Lahr-Mahlberg sich für die Einführung der Reformation, womit schlagartig alle ihre Untertanen evangelisch wurden. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 hatte festgelegt, dass die Religionszugehörigkeit der Einwohner von jener des Herrschers festgelegt wird. "Cuius regio, eius religio" (lateinisch für wessen Gebiet, dessen Religion) sorgte allerdings auch dafür, dass sich die Religionszugehörigkeit der Sulzer immer wieder änderte, wie Walter Caroli ausführte.

Zuvor hatte er über die Lahrer Stadtgeschichte seit der Gründung des Klosters (heute Stiftskirche) referiert, mit der die Sulzer stärker verbunden sind, als man gemeinhin denkt. Denn in der Mitte des 14. Jahrhunderts schenkte Walter von Geroldseck dem Kloster das Sulzer Gebiet, Ende des 15. Jahrhunderts, als das Kloster zum weltlichen Stift wurde, blieb Sulz im Besitz des Stifts und hatte zur Reformationszeit zwei Herren: den Grafen von Nassau und den Markgrafen von Baden.

Walter Caroli, der derzeit an einer Ortschronik über Sulz arbeitet, verwies allerdings darauf, dass die Quellenlage äußerst schwierig sei, denn die Kirchenbücher von Sulz seien im Dreißigjährigen Krieg verbrannt. Sulz habe nach dem diesem Krieg nur noch wenige Einwohner gehabt, von 1650 bis 1707 habe es in Sulz gar keinen Pfarrer gegeben – weder einen evangelischen, noch einen katholischen. Die mehrfachen Religionswechsel "nahmen die Sulzer jedoch nicht klaglos hin", so Caroli. In einem Dokument gaben sie an, dass sie eher noch größere materielle Belastungen ertragen würden, "man möge sie aber vor der der päpstlichen Lehre und Trübsal bewahren".

Dass es mit der heute gepflegten Ökumene früher nicht ganz so leicht war, zeigte sich an einigen Anekdoten aus der Zeit, als die katholische Kirche in Sulz simultan auch von den evangelischen Gläubigen genutzt wurde. Vor dem zweiten vatikanischen Konzil betete der katholische Geistliche noch mit dem Rücken zur Gemeinde am Hochaltar. Vor dem Chorraum befand sich seit 1772 der evangelische Altar. Der Einzug des evangelischen Altars führte sogar zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen dem evangelischen Lehrer und dem katholischen Pfarrer, der – darauf angesprochen, dass die evangelischen ihren Altar mit Erlaubnis des Fürsten aufstellten – schlicht feststellte: "Der Fürst hat hier in der Kirche nichts zu befehlen". Gegenseitige Nickeligkeiten wie die Sabotage des Glockengeläuts mittels abgeschnittenem Zugseil oder das Wäschebleichen auf dem Friedhof, damit Freiflächen nicht von der anderen Konfession belegt werden konnten, wirken nur von heute aus gesehen lustig. Dass die Ökumene heute gut funktioniert, bewies der Vortragsabend, zu dem das katholische Bildungswerk zusammen mit der evangelischen Kreuzgemeinde Lahr eingeladen hatte.

Info: Am Mittwoch, 8. November, gibt Walter Caroli in einem Vortrag im Bürgersaal des Rathauses in Sulz Einblicke in die Arbeit an der Sulzer Ortschronik, die im Jahr 2020 erscheinen soll. Beginn ist um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.