Ein Quartett und die Lust am Ausprobieren

Robert Ullmann

Von Robert Ullmann

Mo, 16. Januar 2017

Lahr

Jazz im Siftsschaffneikeller.

LAHR. Nicht stilistische Einheit war der Markenkern des Abends, sondern die Lust am Ausprobieren. Wie das Quartett "Otollo4" am Freitagabend im Stiftsschaffneikeller unterschiedlichste Genres an sich riss und vermischte und dabei sich selber als Band ausprobierte – das war einen Jazz-Abend definitiv wert.

Als Beispiel stehen die beiden ersten Stücke des Abends, "September" und "The Game". Das eine beginnt mit wild-schrägen Unisono-Passagen aus halbakustischer Gitarre und Posaune, ein fallendes Motiv, das mit rhythmischen Tuttischlägen endet. Ein Gitarrensolo beginnt lyrisch, mutiert zu schrillem Garagensound, während die Posaune monotone Klänge drüber legt. Michael Heidepriem an den Drums lässt die Becken krachen und zischen. Der melodiöse Groove vom Kontrabass verschwindet in dieser wilden musikalischen Brandung nahezu. Dreieinhalb, vier Minuten – dann ist der Spuk ist vorbei, das Publikum halb geschockt, halb überrascht, aber auf jeden Fall hellwach. Dann "The Game". Träger Rhythmus, Gitarrist Luca Aaron lässt die Saiten ausschwingen. Der Posaunist spielt hier ein Euphonium, eine etwas kleinere Tuba. Die Sequenzen wiederholen sich. Die Soli sind halblaute Nervositäten – mal vom Euphonium, mal von der Gitarre.

Eine rhythmische Figur kehrt immer wieder und strukturiert das Stück, das im Klang stetig an Kraft gewinnt. "Otollo4" nutzen serielle Elemente, flechten Rockiges ein. Es gibt Kakophonien, Latin-Einsprengsel, sogar Weltmusik mit Holzflöte und superzarten Tupfern von Gitarre, Bass und Drums. Ein Thema des Komponisten und Orgelvirtuosen Olivier Messiaen wird zu Jazzfunk. Dem folgt filmische Weite mit Melancholie und Pathos, dann ein träges Stück, das klingt wie ein Hot-Club-Swing, der mit zu langsamer Geschwindigkeit abgespielt wird. Nicht jeder Moment ist geglückt. Aber man sperrt die Ohren auf und hört und staunt.

Zwischen 19 und 25 Jahre alt sind die Musiker. Die Ernsthaftigkeit, Neugier und Lust, mit der sie Stile austesten, Ideen ausprobieren, Klänge suchen, macht Laune. Posaunist Paphael Rossé und Bassmann Victor Rossé kommen aus Australien, Heidepriem aus Freiburg, und Luca Aaron, mit vollständigem Namen Luca Aaron Puch, stammt aus Lahr. Er war Schüler des Clara-Schumann-Gymnasium und lebt wie seine Bandkollegen mittlerweile in Berlin.

Am 1. April ist er bereits wieder im Keller live zu hören, mit dem Trio "In Passing". Es ist erfreulich, dass es im Lahrer Stiftsschaffneikeller wieder experimentellen Jazz gibt. Das Publikum dafür ist vorhanden, wie sich am Freitag zeigte.